Lokales

Abenteuerliche Arrangements und wilde Wallungen

KIRCHHEIM Jedes Jahr versammelt die Stadtkapelle Kirchheim ihr treues Publikum zum traditionellen Weihnachtskonzert. Die Mischung aus Bekanntem und Neuem zeigte

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PATRICK TRÖSTER

auch dieses Jahr wieder große Wirkung. Stadtmusikdirektor Harry Donald Bath spornte die Jugendkapelle, das Vorstufenorchester und natürlich die Stammkapelle zu großartigen Leistungen an.

Erwartungsgemäß gestaltete die Jugendkapelle den Auftakt. Das in unseren Breiten unbekannte englische Weihnachtslied "God Rest Ye Merry Gentlemen" erklang in einem abenteuerlichen Arrangement von Jerry Brubaker. Komplizierte Rhythmen und akkordische Überlagerungen umringen die Melodie. Dabei achtete Harry D. Bath darauf, dass der festliche Grundcharakter durch all die wilden Wallungen hindurch erhalten blieb. Wer unter "By the Rivers of Babylon" Altbekanntes erwartete, wurde sanft enttäuscht. Denn die gehörte Komposition Ed Huckebys hat überhaupt nichts mit dem Schlager über das irische Volkslied von "Boney M" gemeinsam, der Ende der Siebzigerjahre die Discowelle eingeleitet hatte. Hier hörte man wohldosierte Klangfarben, hübsch kredenzte Soli und weitschwingende Melodien, die gelegentlich mit zackigen Marlboro-Rhythmen aufgeschäumt werden. Abschließend wurde mit dem "Canadian Brass Weihnachtsmedley" noch einmal kräftig auf die Stimmungstube gedrückt. Doch nicht etwa messinghaft kitschig sondern den melodischen Inhalt auslotend musizierte die "Juka" diese sentimentalische Weihnachtsweisenkette. So erklang das eröffnende "Jingle Bells" unbekümmert nikolausig fröhlich, "Es ist ein Ros' entsprungen" wirklichkeitsfern entzückt oder das kanonisch gesetzte "Stille Nacht" winterlich im mentalen Kerzenschimmern.

Das Vorstufenorchester trat mit einer beachtlichen Anzahl an Nachwuchsmusikern auf die Bühne. Die drei Kostenproben ihres Könnens versetzten das Publikum in Entzücken. Zarte Orchesterfarben in "Kommet Ihr Gläubigen" erhoben sich über einem sicher geschlagenen Rhythmus, in der "Westminster Fanfare" demonstrierten die jungen Bläser einen akkuraten und einmütigen Zungenschlag, und in dem salzig angehauchten verjazzten "Oye Como Va" begeisterten die Kleinen, weil sie die knackigen lateinamerikanischen Rhythmen im richtigen Flair überbrachten.

2006 ist wieder Landesmusikfest, und die Stadtkapelle tritt dann in Villingen-Schwenningen in der höchsten Wertungskategorie an. Dies beeinflusste nicht nur die Programmauswahl, sondern auch der musikalische Anspruch warf im Weihnachtskonzert seine Schatten voraus. Mit der Ouvertüre zu Gioacchino Rossinis "Die Italienerin in Algier" wurden hohe Erwartungen geweckt. Denn auch das beste Arrangement dieser Opernmusik fordert bei den Bläsern nicht nur eine virtuose Umsetzung, sondern auch eine Imagination an Klangfarben der Grande Opéra. Der Rossinische Streichersatz mit den diafanen Bläsercouleurs ist auch in der Bearbeitung für sinfonisches Blasorchester allgegenwärtig.

Hier war die Vorstellungskraft des Dirigenten gefordert. Harry D. Bath überzog sein Orchester nach und nach mit italienischer Leggerezza, die begleitenden Klarinetten gewannen Leichtfüßigkeit und ihre Artikulation näherte sich bogenschwingender Violinen an. Auch die spritzigen Orchesterfarben Rossinis wurden von den Sonatores schließlich timbretypisch imitiert. Und nicht zuletzt die Solisten allen voran die der Oboe, gefolgt von denen der Klarinette, Flöte und Fagott , die sich durch die gesamte Komposition ziehen, mussten in einen großen Kompositionsbogen eingesetzt werden. Denn die melodiösen Soli kontrastieren zur Skurrilität der Tuttiblöcke. Mit großer Spannkraft und "high spirits" schaffte der Dirigent mit seinem Orchester diesen Spagat.

Mit den "Symphonic Movements" von Vaclav Nelhybel wurde eines der Pflichtstücke des kommenden Wettbewerbs als Generalprobe aufs Programm gesetzt. Diese Komposition ist ein echtes Prüfungsstück und mit fast allen erdenklichen Schwierigkeiten gespickt, doch das Werk selbst ist inhaltlich unbedeutend, und ohne die klar berechneten Klangeffekte wäre es gar "boring". Umso eher stellen sich die Lauscher auf das Gelingen dieser orchestralen Kunststücke ein: Schräge Akkorde fordern eine besonders feine Intonation, strawinskihafte Metrik bedingt klare Schlagfiguren, querständige Rhythmik offenbart ein exaktes Zusammenspiel.

Darüber hinaus ist dieses Pflichtstück mit instrumententypischen Klangeffekten übersät, die das Können ihrer Spieler ausreizt, und es bedingt ein absolut tiptop eingespieltes Team in der Perkussion, den Pauken, der Batterie und den Mallets. Und man hörte und staunte. Die Kirchheimer Stadtkapelle ist auf dem besten Weg, diesen orchestralen Seiltanz mit Bravour zu meistern.

Doch die anschließend ruhigen Töne von Alfred Reeds "Russian Christmas Music" dienten nicht nur der Erholung der großen Preiskämpfer. Harry D. Bath legte diese stattliche Ruhe atmende Weihnachtsmusik weiträumig an und zielte auf eine kräftige Klimax ab, in der das Englischhorn eine zentrale Rolle spielt. Sein retardierendes Moment trug der Solist mit einem substanzreichen und wunderbar weich schwingendem Vibrato vor. Umso mehr wirkte der fette Sahneschluss mit seiner russischen Messiasmelancholie. Dies war auch die beste Überleitung zur abschließenden Same-procedure-as-every-year: Egidius' "In heil'ger Nacht", die kleine Sammlung der schönsten deutschen Weihnachtslieder, mit der traditionell dieses Konzert beschlossen wird.