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"Aber fragen Sie doch einfach meine Frau!"

Das dritte Jahrtausend kennt viele Spitzenpolitikerinnen. Nach Angela Merkel streben Segolene Royal und Hillary Clinton höchste Staatsämter an. Unterdessen punktet die deutsche Familienministerin mit mehr Kinderbetreuung in der Bevölkerung. Und wie geht es politisch aktiven Frauen vor Ort? Ein Interview mit engagierten Frauen aus drei Generationen anlässlich des Internationalen Frauentages am morgigen Donnerstag.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Eine der beiden ersten Frauen im Nürtinger Kreisparlament war Rosemarie Rieker. 1971 wurde die dreifache Mutter, Bürgermeistersgattin und Lehrerin aus dem Stand heraus als CDU-Vertreterin in das Gremium gewählt. Verantwortung zu übernehmen war der Tochter eines Schulmeisters nach eigener Erinnerung schon in die Wiege gelegt. Dennoch empfand sie das Kreistagsparkett zunächst als ausgesprochen glatt: "Mein politisches Engagement war zu dieser Zeit ein Wagnis", bilanziert sie. Auf den ersten Schock folgte für die Jüngste im Reigen der Kreisräte bald eine wertvolle Erkenntnis: "Ich habe mir durch intensive Arbeit Achtung verdient", sagt sie und rät allen jungen Frauen, Standhaftigkeit zu beweisen. "Wer kompetent ist, wird für voll genommen", meint sie, die später stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Sprecherin im Sozialausschuss wurde. Einer, der sie von Anfang an für voll genommen hat, war ihr Ehemann. Gefragt, ob er selbst für den Kreistag kandidieren wollte, lehnte der Bürgermeister der Reußensteingemeinde aus Überzeugung ab, nicht ohne jedoch eine Lösung parat zu haben: "Fragen Sie doch einfach mal meine Frau!"

Diese hatte sich schon während des Studiums in Stuttgart erste politische Meriten verdient und es zur AStA-Vorsitzenden gebracht. Mag sein, dass es auf diese Zeit zurückgeht, dass Rosemarie Rieker heute noch gern Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes zitiert: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt!" Das haben ihre Schülerinnen und Töchter oft zu hören bekommen, denn: "Es kann doch nicht sein, dass Frauen eine tolle Ausbildung haben und dann automatisch zu Hause bleiben."

Doch Gleichberechtigung hin oder her, mit Gleichmacherei hat dies nichts zu tun. Besondere Schwingungen hat Rosemarie Rieker immer dann ausgemacht, wenn mehrere Frauen in der Politik zusammenkamen. So habe sie sich bestens mit der SPD-Kollegin Lucie Steiner, ebenfalls eine "Frau der ersten Stunde", verstanden, aber auch später fraktionsübergreifend im Esslinger Kreistag mit den zahlreicher werdenden Frauen gute Kontakte gepflegt: "Wenn Frauen Verantwortung übernehmen, ist immer ein menschliches Feeling dabei", macht sie jungen Frauen Mut zum Engagement.

Eine, die diesen Mut hat, ist Ann-Kathrin Eininger. "Nur, wer sich beteiligt, kann etwas verändern", lautet die Maxime der 17-Jährigen. In der Bereitschaft, etwas verändern zu wollen und die entsprechende Verantwortung zu übernehmen, hat sie für den Jugendrat kandidiert und unter den jungen Frauen die höchste Stimmenzahl eingeheimst. Sie findet es wichtig, dass die Themen der Jugendlichen über alle Schularten und Lebensumstände hinweg öffentlich vertreten werden und will gegen Vorurteile und für mehr Toleranz werben. Als spezielle "Verfechterin der Frauenbewegung" sieht sie sich nicht, denn Gleichberechtigung ist für sie ein absolut selbstverständliches Ziel. Frauen wie der Familienministerin Ursula von der Leyen zollt sie Respekt: "Sie kommt als berufstätige Frau stark rüber."

Dass Frauen, die in der Schulzeit durchaus gleichberechtigt sind und oft die besseren Abschlüsse machen, später rein statistisch schlechter bezahlt sind, ist für die Schülerin nicht in Ordnung. Erste Schritte dagegen sollten die Betroffenen jedoch selbst unternehmen: "Frauen bringen sich beispielsweise im wissenschaftlichen Bereich viel zu wenig ein", kritisiert sie die Tendenz der Mädchen zu klassischen Frauenberufen und lobt Initiativen wie den "Girl's Day", die dem entgegenwirken.

An das Bild der arbeitenden Frau hätten sich die Jungs längst gewöhnt, ist sich Ann-Kathrin Eininger sicher und verweist darauf, dass das Gros ihrer Klassenkameraden berufstätige Mütter habe. In Engagement in Vereinen und im schwierigen Vereinbaren von Beruf und Familie stellten Frauen täglich ihre Talente als Managerin und Organisatorin unter Beweis. Schade daher, dass weibliche Politiker noch so rar gesät seien, argumentiert die Jugendrätin weiter. Sie ist nämlich überzeugt davon, dass die Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen auch in der Politik das erfolgversprechendste Modell ist: "Man braucht das Denken beider Seiten", meint sie dazu.

Das ist grundsätzlich auch die Ansicht von Tonja Brinks, die eine Vertreterin der jüngeren Generation im Kirchheimer Gemeinderat ist. Mit dem internationalen Frauentag verbindet sie viele Erinnerungen, hat sie doch mit Carla Bregenzer oft rote Rosen verteilt. "Die Frauen freuen sich spontan darüber, viele erinnern sich erst beim Gespräch an den Hintergrund", gibt sie ihre Erfahrungen wieder. Das könnte auch ein Zeichen dafür sein, dass die Zeiten der "starken Konkurrenzkämpfe zwischen den Geschlechtern", die die 70er-Jahre prägten, vorbei sind erfreulicherweise. Dennoch sei keine wahre Gleichberechtigung erreicht, wie Tonja Brinks unter Verweis auf die Verdienste belegt. Die mittlerweile anerkannte Tatsache, dass Mädchen besser lernen, nutze ihnen später nichts mehr: Frauen mit Kindern, zumindest mit relativ kleinen, findet man kaum in Führungspositionen, weder auf politischem Parkett noch im Beruf. Das wiederum liege klar an den mangelnden Betreuungsmöglichkeiten für unter Dreijährige. "Die Politik beginnt dieser Tatsache langsam Rechnung zu tragen", sieht Tonja Brinks beileibe nicht schwarz und betont: "Wir haben heute die bestausgebildete Frauengeneration ".

Die gesellschaftlichen Veränderungen müssten allseits anerkannt werden, etwa die Tatsache, dass die traditionelle Familie nicht mehr das klar dominierende Lebensmodell sei. Eine, die den notwendigen Umbau, vorantreibt, ist Ursula von der Leyen. Der CDU-Ministerin zollt auch die Kirchheimer SPD-Vertreterin in diesem Punkt großen Respekt. Schließlich habe sie es schwer, den Wertewandel zu vertreten, durch den nun auch die autarke, berufstätige Mutter gezielt gefördert werde.

Bei allen Neuerungen sieht Tonja Brinks durchaus auch die Schwierigkeiten, die Männer heute haben, "ihre" Rolle zu finden: "Männer, die tagsüber mit ihren Kindern einkaufen oder auf den Spielplatz gehen, werden nicht selten schief angesehen", bedauert sie. "Jeder Umbruch macht Angst ", ist ihre Erklärung dafür, dass sich noch nicht mehr getan hat. Dennoch sieht sie die Frauen- und Familienpolitik in Deutschland auf einem guten Weg.

Den Veranstaltungsreigen in Kirchheim, der am morgigen Frauentag seinen Auftakt hat, findet Tonja Brinks übrigens großartig. Dass sie dort allerdings kaum anzutreffen sein wird, hat ganz klassische Ursachen: den Spagat zwischen Kind, Job und politischem Engagement.