Lokales

Abrechnung mit Kassen manipuliert

Der Kreisverband Esslingen des Deutschen Roten Kreuzes hat gegen seine mittlerweile fristlos entlassene Pflegedienstleiterin und deren Stellvertreterin sowie gegen Unbekannt Strafantrag wegen Betrugs zum Nachteil von Krankenkassen erstattet. Die Beschuldigten sollen Patientendokumentationen gefälscht haben, sodass den Kassen ein sechsstelliger Schaden entstand.

ELISABETH SCHAAL

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KREIS ESSLINGEN Den Stein ins Rollen gebracht hatte die AOK Esslingen. Deren Geschäftsführer Dieter Kress spricht von Unregelmäßigkeiten, die in seinem Haus in den Abrechnungen festgestellt worden seien. Danach seien Versicherte befragt worden, ob die vom DRK abgerechneten Leistungen von dessen ambulantem Pflegedienstes auch tatsächlich erbracht worden seien. Kress: "In einer Vielzahl von Fällen ergaben unsere Prüfungen, dass Leistungen im Rahmen der Häuslichen Krankenpflege überhaupt nicht oder nicht entsprechend den vertraglichen Vereinbarungen erbracht worden sind." So sollen zum Beispiel höher vergütete Leistungen für Pflegekräfte abgerechnet worden sein, obwohl sie von Hauswirtschaftskräften erledigt worden waren. Oder sogar von Patienten selbst die nahmen ihre Arznei eigenhändig ein, abgerechnet wurde jedoch eine "Medikamentengabe". Kress: "Wir haben einen Abrechnungszeitraum von drei Monaten unter die Lupe genommen und dabei festgestellt, dass Dokumentationen im Nachhinein gefälscht worden sind."

Mittlerweile fordert die AOK vom DRK rund 84 000 Euro zurück, 40 000 Euro sind bezahlt worden. Der AOK-Chef: "Ich gehe davon aus, dass das DRK noch mit Forderungen anderer Krankenkassen konfrontiert werden wird."

Sowohl der ehrenamtliche DRK-Vorsitzende Wolfgang Rommel als auch Vorstandsmitglied und Justiziar Thorsten Dehm, der den Strafantrag gestellt hat, bestätigen die "Abrechnungsmanipulationen", wie es Rommel nannte. Erste Konsequenz: Sowohl der Pflegedienstleiterin als auch ihrer Stellvertreterin die allerdings dagegen klagt wurde fristlos gekündigt. Rommel spricht von einem "Vertrauensbruch gegen unser Rotes Kreuz" und davon, dass "der komplette Vorstand hintergangen wurde". Für ihn persönlich, seit 1972 im Verein, sei dies "eine echte Katastrophe".

Auf die Frage, ob der überraschende Weggang von Geschäftsführer Thomas Bauknecht mit der Sache zu tun habe, formuliert Rommel zurückhaltend: Das hänge lediglich "mittelbar" damit zusammen. Fakt ist, dass die zunächst fristgerecht zum 31. März 2007 für Bauknecht ausgesprochene Kündigung mittlerweile auf Beschluss des DRK-Vorstands in eine fristlose umgewandelt worden ist. Dehm deutet an, dass der Ex-Geschäftsführer möglicherweise zu wenig überprüft habe, was an Leistungen erbracht worden sei. Weder Dehm noch Rommel bestreiten, dass das DRK von den Kassen zu viel Geld erhalten hat. Die Höhe ist allerdings zumindest was die AOK betrifft strittig. Das Rote Kreuz hat mittlerweile zu den internen Ermittlungen den Innenrevisor des DRK-Landesverbands hinzugezogen. Gemeinsam mit dem zum 1. Oktober neu ernannten Geschäftsführer Francisco de la Fuente und dem neuen Pflegedienstleiter Juan de la Fuente, ausgebildeter Pflegedienstleiter und Bruder des Geschäftsführers, sollen "unbelastete Leute, die nichts mit der Geschichte zu tun haben, diese aufarbeiten", unterstreicht Wolfgang Rommel. Er betont zudem, dass von Anfang an "sehr kooperativ sowohl mit der AOK als auch mit der Staatsanwaltschaft zur Aufdeckung des Sachverhalts" zusammengearbeitet worden sei was sowohl AOK-Chef Dieter Kress als auch Pressestaatsanwältin Bettina Vetter bestätigen. Zur Dauer der Ermittlungen kann sie keine Angaben machen. Nun müsse zunächst einmal die genaue Höhe des Schadens festgestellt werden. Zum Motiv der beiden ehemaligen Mitarbeiterinnen, die sich laut Thorsten Dehm "nicht persönlich bereichert, sondern zugunsten des DRK" gehandelt hätten, mag der Justiziar nur eine vage Vermutung anstellen. Nachdem die nicht gerade rosige Kassenlage des DRK ja kein Geheimnis sei, könne es sein, dass die Betroffenen auch angesichts des scharfen Wettbewerbs auf dem Pflegemarkt "aus subjektiver Angst um ihren Arbeitsplatz" gehandelt hätten. Objektiv seien ihre Jobs allerdings in keinster Weise zur Debatte gestanden.

Die Manipulationen könnten jedoch für den DRK-Kreisverband gravierende Folgen nach sich ziehen. Der AOK-Chef bestätigt auf Nachfrage, dass sowohl sein Haus als auch der Verband der Angestelltenkrankenkassen (VdAK) den bestehenden Versorgungsvertrag kündigen wollen. Schließlich "ist das Vertrauen in den Träger des Pflegedienstes massiv gestört". Dazu soll es allerdings noch ein Anhörungsverfahren geben. Kress versichert, dass es, sollte es zu diesem Schritt kommen, selbstverständlich eine Übergangsfrist geben werde: "Patienten müssen ja die Möglichkeit haben, sich nach anderen Sozialdiensten umschauen zu können." Thorsten Dehm hofft allerdings, dass es so weit nicht kommen wird: "Dann wären bei uns mindestens 13 Arbeitsplätze in Gefahr."