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Absage an Atomenergie und "Fitnessprogramme"

Nach einem mit großer Spannung erwarteten Fernsehduell wollten viele sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die Herausforderin von Ministerpräsident Günther Oettinger, Ute Vogt, auch noch ganz persönlich kennen zu lernen. Bis es so weit war, musste das Saxofon-Quartett der Kirchheimer Stadtkapelle zunächst noch etwas Zeit überbrücken, doch wurde die SPD-Spitzenkandidatin beim Einzug in die inzwischen gut gefüllte Stadthalle begeistert empfangen.

WOLF-DIETER TRUPPAT

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KIRCHHEIM Der Wahlkampfauftritt in der Kirchheimer Stadthalle wirkte fast wie ein Besuch bei Freunden, mit denen das gemeinsam anvisierte Ziel noch einmal genauer definiert werden soll. Die SPD-Landtagsabgeordnete Carla Bregenzer machte als Gastgeberin dann auch unmissverständlich deutlich, dass an diesem Nachmittag in der Kirchheimer Stadthalle nicht sie, sondern allein die SPD-Landesvorsitzende Ute Vogt im Vordergrund stehen soll, die sich für eine "geradlinige, menschliche und wertebewusste Regierung" unter einer SPD-Ministerpräsidentin empfiehlt.

Nicht nur das Fernsehduell, auch der späte Samstagnachmittag in der Stadthalle lebte von dem ständigen Vergleich der beiden das Ministerpräsidentenamt für sich beanspruchenden Spitzenpolitiker. Die in den ausliegenden Flyern zusammengestellte "Schlussbilanz der CDU-Regierung" und die darin festgeschriebene Erkenntnis, "Mit Günther Oettinger ist es kälter im Land geworden", bekam an diesem von einer unerwartet starken Rückkehr des Winters geprägten Nachmittag eine ganz neue Bedeutung.

Dass nicht über die Köpfe hinweg doziert, sondern vor allem das viel zitierte "Gespräch mit den Menschen" gesucht werden soll, wurde schon in der Choreografie der Veranstaltung deutlich vermittelt. Einer kurzenFilmeinspielung, die AmtsinhaberGünther Oettinger und seine Herausforderin Ute Vogt mit entsprechend ausgewählten Umfragezitaten zunächst "mit Volkes Stimme im Originalton" charakterisierte, folgte Ute Vogts Kampfansage an den amtierenden Ministerpräsidenten und die Politik der CDU. In einer sich daran anschließenden Talkrunde sollten dann unterschiedlichste landespolitische Fragen zur Sprache kommen, bevor die Besucher auch noch Gelegenheit bekamen, der sich um das Amt der Ministerpräsidentin Baden-Württembergs sich bewerbenden Bundespolitikerin über die beiden aufgestellten Saalmikrofone Fragen zu stellen.

Ute Vogt freute sich zunächst darüber, gut nach Kirchheim gekommen zu sein und noch mehr, dass trotz des überraschend intensiven Wintererwachens so viele Genossinnen und Genossen Carla Bregenzers Einladung gefolgt waren und den Weg in die Stadthalle gefunden hatten. Auch MdB Rainer Arnold war trotz heftigen Schneetreibens noch rechtzeitig eingetroffen. Nach einem zeitlich wie qualitativ fast Konzertcharakter für sich in Anspruch nehmenden musikalischen Auftakts wurde die politische Initiative aber doch noch vehement eingeläutet.

Einmal mehr standen dann "die Menschen" in Ute Vogts Impulse für die spätere Diskussion setzender Rede im Vordergrund. Niemand dürfe am Wegesrand stehen gelassen werden. Wirklich jeder müsse aktiv in die Gesellschaft aufgenommen werden, lautete Ute Vogts vor allem auch auf Emotionen setzende Ausgangsthese. Kein Kind sollte die Schule besuchen, ohne entsprechende Deutschkenntnisse zu besitzen.

Bildungspolitik dürfe daher nicht erst in der Schule beginnen, sondern dort, wo die Schülermentalität geprägt werde: in der Familie und im Kindergarten, wo die Sprachförderung schon einsetzen müsse. Anschließend sollte es möglich sein, zunächst sechs Jahre gemeinsam zu lernen, um sich dann erst für die jeweils optimale Schulart entscheiden zu können. Drei gleichberechtigt nebeneinander stehende Schultypen müssten dabei allerdings auch die Möglichkeit offen halten, gegebenenfalls einen eingeschlagenen Bildungsweg auch noch einmal korrigieren zu können.

Dann war die Zeit reif für den politischen Gegner, dessen schlagzeilenträchtiger Vorschlag, die Kinder länger schlafen zu lassen, für Ute Vogt klar belegt, dass "der Mann von Schulalltag und Lebenswirklichkeit keine Ahnung hat". Viele Kinder berufstätiger Eltern seien schließlich oft schon vor den Lehrern an der Schule und froh, wenn endlich die Schul-türen aufgehen und sie in die Wärme kommen.

Dramatischen Handlungsbedarf sieht Ute Vogt auch bei den 30 000 Jugendlichen, die ohne Arbeitsplatz sind. "Um die müssen wir uns kümmern", machte die SPD-Spitzenkandidatin deutlich, dass ihnen Perspektiven gegeben und Angebote gemacht werden müssen. Den Schulen kommt dabei verstärkt die Aufgabe zu, die Schüler so auf das Berufsleben vorzubereiten, dass sie vom Handwerk auch angenommen werden und Ausbildungsverträge bekommen.

Ihre Absage an die Atomenergie verband Ute Vogt mit der Forderung nach mehr erneuerbarer Energie. Wind- und Solarenergie müsse auch für Baden-Württemberg zum Exportschlager werden. Als an Zynismus nicht zu überbieten bezeichnete sie es, wenn Stellenabbau als "Fitnessprogramm" für einen Konzern bezeichnet werde. Was gemeinsam erwirtschaftet wird, müsse auch den Menschen zugute kommen und nicht nur dazu dienen, Börsenkurse nach oben schnellen zu lassen.

Dass nicht Politiker, sondern vielmehr die Wähler die Hauptpersonen sind, die über die Zukunft entscheiden, lautete ihre abschließend in Erinnerung gerufene Erkenntnis, die in die Empfehlung mündete "Carla und Ute" zu vertrauen. Wichtig war Ute Vogt auch der abschließende Hinweis, dass dieses Mandat zeitlich begrenzt ist und vor einer erneuten Entscheidung zunächst genau überprüft werden könne, was von den jetzt im Raum stehen Versprechungen und Konzepten dann auch tatsächlich verwirklicht worden ist.

Die von Gunther Nething souverän moderierte Gesprächsrunde lieferte anschließend die zu erwartenden Themen. Edeltraud Rabel, die schon 30 Jahre in der Seniorenarbeit tätig ist, beleuchtete sich ändernde Lebenserwartungen und daraus zu ziehende Konsequenzen. Bettina Schmauder, ehemalige Elternbeiratsvorsitzende der Kirchheimer Kindergärten betonte die Bedeutung frühzeitiger Förderung, die 1,5 bis 1,7 Erzieherinnen mit 28 Kindergartenkindern derzeit nun einmal nicht bieten, sondern die Kinder nur "aufbewahren" können.

Uwe Köber wünschte sich als Vertreter des Mittelstandes einen Abbau der vielen bürokratischen Hürden, die manche begrüßenswerte Initiative verhindern würden. Dass der Abbau von Vorschriften nur dort funktionieren könne, wo im Gegenzug auch mehr Eigenverantwortung übernommen wird, lautete Ute Vogts abschließende Antwort auf eine wohl besonders oft gestellte Forderung.