Lokales

Abschied von einem knitzen Pionier

ESSLINGEN Einer seiner Wahlsprüche, "Man muss Nägel mit Köpfen machen", gilt in Esslingen schon seit vielen Jahren als legendär. Diesen Satz auch mit Inhalten auszufüllen, dafür stand Otto Weinmann Zeit seines Lebens. Dieses Leben ist nach 78 Jahren zu Ende gegangen. Doch

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CHRISTIAN DÖRMANN

bis zum Schluss vermochten ihm selbst schwere gesundheitliche Einschränkungen den Humor nicht zu nehmen.

Das zu einem knitzen Lächeln verzogene Gesicht, seine verbindende und ausgleichende Art, aber auch seine Standfestigkeit in Dingen, die ihm wichtig waren, werden viele Menschen in Erinnerung behalten. Geduldig, aber keineswegs immer duldsam, hat Otto Weinmann als Mann der Tat seine Ziele verfolgt und bei so mancher Gelegenheit einen weiteren Wahlspruch als Richtschnur seines Lebens gegenüber Jung und Alt vermittelt: "Nie wieder Krieg, mehr soziale Gerechtigkeit und Menschlichkeit."

Als eine Leitfigur der Esslinger Sozialdemokratie genoss Otto Weinmann nicht nur innerhalb seiner Partei große Wertschätzung. Sein Wirken war überparteilich, seine Liebe galt der Jugend sowie der Verständigung und Aussöhnung mit Ländern wie Israel oder Polen. "Wenn sich die Jugend versteht, wird nicht mehr geschossen", sagte Weinmann einmal. Bis 1979 Geschäftsführer des Kreisjugendrings, organisierte er die ersten Zeltlager in Obersteinbach der Großvater hatte das Grundstück zur Verfügung gestellt, die Mutter und Tante Emma kochten. Von 1950 an machte Weinmann die Jugendarbeit zu seinem Beruf, baute das Jugendhaus im Heppächer auf, gehörte zu den Gründern der Kreisjugendausschusses und holte sich selbst in Amerika Anregungen für seine Arbeit. Nach dem reichlichen Genuss von Ketschup war zumindest in diesem Fall seine Liebe zu den Roten dahin Tomaten wurden vom Speisenplan gestrichen.

Otto Weinmann war in vielerlei Hinsicht ein Pionier. Er kurbelte den Jugendaustausch an, schlug früh auch die Brücke zur älteren Generation, war bis zuletzt beim Stadtseniorenrat Esslingen im Vorstand engagiert und gilt zu Recht als Geburtshelfer vieler Städtepartnerschaften. Als Ehrenbürger der polnischen Partnerstadt Piotrkow ist ihm verdiente Ehre zuteil geworden und mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse hat sein Lebenswerk die gebührende Anerkennung erfahren. Zu diesem Lebenswerk gehört auch Otto Weinmanns politisches Engagement. 1962 zog er erstmals in den Esslinger Gemeinderat ein. Bis 1994 prägte er die Esslinger Kommunalpolitik entscheidend mit, viele Jahre als Vorsitzender der SPD-Fraktion. Im Kreistag setzte er von 1965 an Akzente, 34 Jahre lang arbeitete er dort mit. Manchmal, nach dem Ende seiner aktiven parlamentarischen Ära, hat Otto Weinmann das Wirken der Kommunalpolitiker nach ihm durchaus mit etwas Wehmut verfolgt. Hart in der Sache, das habe auch zu seinen Zeiten gegolten. "Aber wir haben mit dem Florett gefochten und nicht mit schwerem Säbel." Mit der Wahl der Waffen in der heutigen politischen Auseinandersetzung hatte Weinmann so seine Probleme.

"Nicht die Jahre, die man gelebt hat, zählen, sondern die Art und Weise, wie man in diesen Jahren gelebt hat." Ein weiterer Wahlspruch Otto Weinmanns. Seine Art zu leben weniger für sich selbst, sondern für andere Menschen und für sein geliebtes Esslingen hat Spuren hinterlassen, ohne jemals großspurig zu wirken.