Lokales

Acht Kranke wurden ermordet

Kulturwissenschaftlerin erforscht Leidensweg von Euthanasieopfern

Die Geschichte der Stadt Esslingen bewusst wahrnehmen – selbst wenn es sich um ein dunkles Kapitel handelt. Das möchte die Evangelische Gesamtkirchengemeinde. Deshalb finanziert sie gemeinsam mit dem Esslinger Stadtarchiv ein Forschungsprojekt der Kulturwissenschaftlerin Gudrun Silberzahn-Jandt. Sie zeichnet die Lebensläufe von Euthanasieopfern der Heilanstalt Kennenburg nach.

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Dagmar Weinberg

Esslingen. Mit den Opfern der NS-Diktatur beschäftigt sich die promovierte Kulturwissenschaftlerin Gudrun Silberzahn-Jandt seit geraumer Zeit. So stieß sie auch auf die Esslinger Kennenburg, die von 1939 bis 1941 private Heilanstalt für Nerven- und Gemütskranke war. In der Privatklinik, die von den Ärzten Reinhold und Paul Krauss geleitet wurde, waren zuletzt 46 psychisch Kranke untergebracht. Acht Patienten wurden ermordet: Sieben in Grafeneck, die Esslingerin Magdalene Maier-Leibnitz wurde in der NS-Tötungsanstalt Hadamar ums Leben gebracht.

Dank intensiver Recherchen sowie der Freigabe der Daten und Krankenakte durch die Angehörigen kann die Kulturwissenschaftlerin den Lebens- und Leidensweg des 1916 in Esslingen geborenen Mädchens nachzeichnen. Magdalene Maier-Leibnitz stammte „aus einer sehr prominenten Esslinger Familie“, erzählt sie. Ihr Vater war Prokurist in der Maschinenfabrik Esslingen und Professor in Stuttgart. Ihr Bruder Heinz wurde ein bekannter Physiker und war später in zweiter Ehe mit der Pionierin der Demos­kopie, Elisabeth Noelle-Neumann, verheiratet. „Trotz dieser Prominenz ist es nicht gelungen, sie von der Liste der zum Abtransport bestimmten Kranken zu streichen.“

„Württemberg war das Land, in dem mit der Euthanasie begonnen wurde“, erklärt Joachim Halbekann, Leiter des Esslinger Stadtarchivs. „Und von der Methode her wurde in Grafeneck genauso agiert wie in ­Auschwitz oder anderen Vernichtungslagern.“ Die Heilanstalt Kennenburg gehörte mit zu den ersten Einrichtungen, in denen die Transportliste ausgefüllt wurde, auf der ursprünglich 15 Patientinnen und Patienten standen, hat Gudrun Silberzahn-Jandt herausgefunden. „Durch persönliche Gespräche im Ministerium in Stuttgart gelang es den Ärzten aber, noch sieben Patienten rauszuverhandeln“ – was einen Hinweis darauf gibt, dass den Medizinern bewusst war, was mit den Kranken geschieht.

Mit der Frage nach Schuld und Moral tut sich die Wissenschaftlerin aber schwer. „Man kann sagen, sie haben acht ans Messer geliefert, aber sie haben auch sieben gerettet.“ Die Angehörigen hatten keine Chance, ihre Lieben zu retten. „Jede Entlassung musste den Behörden gemeldet werden.“ So kam Magdalene Maier-Leibnitz, bei der Schizophrenie diagnostiziert worden war, am 22. April in die Heilanstalt Weinsberg und von dort nach Hadamar. Um den Mord zu verschleiern, wurde den Angehörigen mitgeteilt, sie sei in einer Pflegeanstalt in Pirna „an einer durch Lungentuberkulose hervorgerufenen Lungenblutung verstorben“.

In welcher Form die Forschungsergebnisse veröffentlicht werden, steht zwar noch nicht fest. Dekan Dieter Kaufmann und Joachim Hal­bekann sind sich aber sicher, „dass sie nicht in der Schublade verschwinden werden“. Zudem wird es im nächsten Jahr am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialimus um das Thema Euthanasie gehen.