Lokales

Acht Zeugen und doch keine Klarheit

Die Kernaufgabe einer jeden Gerichtsverhandlung ist die Wahrheitsfindung. Dass dies mitunter eine vertrackte Angelegenheit ist, machte jüngst eine Verhandlung am Nürtinger Amtsgericht deutlich. Die Schwierigkeit war, dass die Aussagen der acht Zeugen, die gehört wurden, keineswegs eindeutig waren, sondern sich im Gegenteil vielfach widersprachen.

GÜNTER SCHMITT

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WENDLINGEN In der Mitte einer Ampelkreuzung in Bernhausen war es zu einem Zusammenstoß zweier Autos gekommen. Beide Lenker behaupteten steif und fest, bei Grün in die Kreuzung eingefahren zu sein. Damit war guter Rat teuer. Der Angeklagte, dem fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Straßenverkehrsgefährdung vorgeworfen wurde, hatte an jenem späten Nachmittag seine Tochter von der Geigenstunde geholt und befand sich auf dem Weg zu seiner Schwester, der er zusammen mit seiner Lebensgefährtin einen Kurzbesuch abstatten wollte.

Wie üblich um die Feierabendzeit herrschte reger Verkehr. Der Mann fuhr nach eigener Aussage bei Grün in die Kreuzung ein und sah im letzten Augenblick im Augenwinkel von rechts einen anderen Pkw kommen. Es war für jede Reaktion zu spät. Der krachende Zusammenstoß schob die zwei Autos quer über die Kreuzung. Im Wagen des Angeklagten lösten sich mit einem klatschenden Geräusch die Airbags und das Mädchen, das von der Geigenstunde kam, schrie seinen Schrecken in die Welt. Der Vater des Mädchens stieg aus und fragte seinen noch im Auto sitzenden Kontrahenten, ob alles okay sei.

Der Mann im angefahrenen Auto, ein Wendlinger, der von seinem Arbeitsplatz beim Flughafen kam, gab sich gelassen. Er hatte bei Rot an der Haltelinie gewartet und war beim Wechsel auf Grün in die Kreuzung eingefahren. Er wollte auf der Kreuzung vom ersten in den zweiten Gang schalten, als er Bremsen quietschen hörte und sein Auto auf der Fahrerseite gerammt wurde. An seinem Fahrzeug, einem älteren Modell, war Totalschaden entstanden; die Versicherung sollte ihm später noch 800 Euro dafür überweisen. Er hatte eine Schwellung am Knie, zwei Schnitte an der linken Hand und eine große Beule am Kopf. Der Arzt, der ihn behandelte: "Da haben Sie aber viel Glück gehabt."

Die Gerichtsverhandlung war eine Art internationales Ereignis. Es sagten aus oder waren beteiligt: ein Amerikaner, für den ein Dolmetscher zugezogen werden musste, ein Georgier, ein Grieche, ein Mann aus dem ehemaligen Jugoslawien, ein Türke und ein Italiener. Allerdings befanden sich unter den Zeugen auch einige Deutsche. Die Frau des Angeklagten, also die Mutter der Geigenschülerin, machte von ihrem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch. Ein anderer Zeuge erinnerte sich vor allem an das gellend schreiende Mädchen im Unglückswagen. Ein Zeuge hatte das Geschehen nur aus dem Augenwinkel beobachtet. Die von einem Autofahrer sogleich per Handy gerufene Polizei stellte fest, dass in diesem Fall Alkohol nicht im Spiel war.

Komplizierte DetailsDer Sachverständige, ein Diplomingenieur aus Stuttgart, erging sich in unerhört komplizierten Berechnungen, untermauerte seine Ausführungen mit Diagrammen und demonstrierte eine Gelehrtheit, die noch für das kleinste Detail eine mathematische Untermauerung fand. Alles war hypothetisch. Nach Ausführungen, die sich über mindestens 20 Minuten erstreckten, waren alle genauso klug wie vorher.

In den Berechnungen war alles, nur nichts, worauf sich ein Urteil hätte stützen können. Ganz konkret wurde der Sachverständige nur in einem Fall, im Nachweis der falschen Vermessungen durch die Polizeibeamten. Der Sachverständige war gleich nach dem Zusammenstoß an den Ort des Geschehens gerufen worden. Zu der entscheidenden Frage, wer nun bei Rot oder Grün in die Kreuzung eingefahren war, konnte der Spezialist nichts sagen.

Der Verhandlung war ein schriftlicher Strafbefehl vorausgegangen. Er lautete auf 1200 Euro und sechs Monate Führerscheinentzug. Weil der Angeklagte, der Vater der Geigenschülerin, Einspruch eingelegt hatte, musste sich das Gericht mit dem Fall befassen. Um ein Haar hätte die Verhandlung eine Fortsetzung erfahren. Ein Zeuge war nicht erschienen. Damit stellte sich die Frage, ob es genüge, wenn seine bei der Polizei gemachte Aussage vorgelesen werde. Mit dem Vorlesen müssen in einem solchen Fall alle Beteiligten einverstanden sein, andernfalls muss ein neuer Termin angesetzt werden. Der Angeklagte und sein Anwalt hatten Bedenken.

Damit war eine neue Hürde zu nehmen. Kann die Fortsetzung nicht innerhalb von drei Wochen stattfinden, was aus Termingründen nicht möglich war, muss eine zweite Hauptverhandlung mit dem neuerlichen Hören aller Zeugen stattfinden. Zieht der Angeklagte in einem solchen Fall den Kürzeren, muss er für die Kosten zweier Hauptverhandlungen aufkommen. Angesichts dieser Aussichten stellte der Angeklagte seine Bedenken zurück.

Richterin Sabine Lieberei entsprach dem Antrag der Staatsanwältin und verurteilte den Vater der Violinschülerin zu 900 Euro, drei Monaten Führerscheinentzug und den Kosten des Verfahrens. Die Vorsitzende fand es schlechterdings kaum vorstellbar, dass der Mann, der an der Haltelinie gehalten hatte, bei Rot in die Kreuzung eingefahren war. Anders der Angeklagte, der sich in Fahrt befand und die Fahrt in die Kreuzung hinein fortgesetzt habe. Die Folgerung daraus, sagte die Vorsitzende, sei einfach ein Stück Lebenserfahrung.