Lokales

Achteinhalb Stunden allein über dem riesigen Ozean

KIRCHHEIM Der Flieger, Globetrotter und Buchautor Hans Schneider, 65, flog mit einer kleinen Cessna 150, einem einmotorigen Schulflugzeug, um die Welt. Welche

Anzeige

RICHARD UMSTADT

Abenteuer er dabei erlebte und welche Gefahren er zu bestehen hatte, darüber berichtet der Teckbote in einer lockeren Sommerserie aus Hans Schneiders Buch "Der Flug des Raben".

"Corvus" taufte der Autor seinen kleinen Blechflieger, nach seinem schwarzgefiederten Freund, dem Kolkraben. Mit ihm startete der Weltenbummler am 2. Mai 1990 in Südfrankreich. Seine Route führte ihn über Italien, Griechenland, die Türkie, den Irak und den Iran nach Afghanistan und weiter über Pakistan, Indien, Nepal nach Bangladesh.

Die Stadt mit dem klingenden Namen lässt sich nicht verfehlen: Chittagong liegt am Ende des Ganges-Deltas, direkt an der Küste. Nach einer Nacht in einem Billighotel und einem "Zusammenstoß" mit einem Rikshafahrer verlässt Hans Schneider die Stadt, die außer ihrem wohlklingenden Namen nichts zu bieten hat, und startet mit "Corvus" in Richtung Rangun/Burma.

Mit Mühe findet er den Airport Rangun. Es regnet in Strömen. Das Dröhnen auf der Aluhaut des Blechflugzeugs übertönt die Stimme des Lotsen, der die Landung freigibt.

Anfangs lässt sich in diesem Staat mit dem üblen Ruf alles ganz normal an. Der Pass wird gestempelt. Es klappt, bis ein "Lamettaträger" mit fünf Claqueuren seine Orden auf die Bühne Ranguns schleppt. "Schneider . . . ("Mister", schnappt der Angesprochene zurück), Sie sind illegal in unser Land eingedrungen und werden es sofort wieder verlassen. Heute noch!" (Es ist 16 Uhr.) "Denn . . . (energisch schneidet er dem Piloten eine Frage ab) die Einfluggenehmigung für Ihre Maschine ist seit 20 Tagen erloschen, damit ist auch Ihr Visum ungültig. Starte sofort. Du bist hier nicht willkommen! Du wirst verschwinden!"

Endlich kommt der solchermaßen Zurechtgewiesene zu Wort. "Das ist technisch unmöglich", protestiert Schneider. "Es ist viel zu spät, es mangelt an Benzin, das Wetter ist zu schlecht, ich bin übermüdet und in keinem zivilisierten Land der Welt kann ein Pilot zum Start gezwungen werden." Der Widerspruch des verärgerten Globetrotters erweist sich als Fehler. Die prachtvollen "Operettenzwerge" salutieren zackig. Ein neuer Akteur tritt hinzu. Er wird informiert. "Mister Schneider," sagt er etwas milder, "Sie müssen das Land verlassen. Benzin wird Ihnen ausgegeben. Sie fliegen morgen. Keine Diskussion. Wir haben Mittel," fügt er hinzu. Dann zieht die komplette "Trachtengruppe" von dannen.

Der Pilot ärgert sich, nicht geschickter taktiert zu haben und nimmt sich ein Taxi in die Stadt. Das einzige, was das verregnete, farblose Rangun auszeichnet, ist die alles beherrschende Schwe-Dagon-Pagode. Sie erinnert an eine nepalesische Stupa, ist aber zehnmal so groß. Die Pagode lässt er sich von einem Buddha-Priester zeigen. Als sie allein durch das Labyrinth der Gänge gehen, flüstert der Priester plötzlich: "Berichten Sie daheim, dass das burmesische Volk unter einem mörderischen Militärregime leidet. Vor zwei Monaten wurden 80 Studenten exekutiert. Niemand ist sicher, es ist die schlimmste Diktatur in Asien seit Pol Pot . . ." Als sich zufällig eine Gruppe junger Soldaten nähert, verschwindet der Mönch, ohne den Satz zu beenden, in einem der dunklen Gänge.

Tags darauf startet Hans Schneider in Rangun zum Flug nach Bangkok. Dort bereitet er seinen Sprung auf den fünften Kontinent vor. Die Route führt den Raben zunächst von Bangkok nach Singapur, wo die Cessna ihre Jahreskontrolle erhält, bevor sie in Richtung Indonesien abhebt. Der Blechvogel überquert den Äquator und hüpft von Insel zu Insel: Sumatra, Java, Bali, Lombok, Sumbawa, Komodo und Timor warten. In Kupang bastelt sich der Abenteurer eine Rettungsinsel aus einem dicken Motorradschlauch, zwei geflochtenen Plastiksäcken, sieben kreisförmigen Acht-Millimeter-Stahlstangen und zwei 20-Liter-Plastikkanistern. Zur Notausrüstung gehören außerdem eine Tauchermaske, ein Reflexspiegel und eine Signalpistole. Seine längste Flugreise über Wasser acht Stunden kann beginnen. Der Flugplan wird von Airport Kupang abgezeichnet. Garuda-Airlines befördert derweilen die komplette Ausrüstung des Globetrotters nach Darwin.

"Corvus" hebt von Kupang ab, fliegt zunächst parallel zur Südküste Timors und geht über Cap Beaco auf Kurs Darwin/Australien. Der Vierzylinder schnurrt ruhig. Keine Stotterer. Die stark störende 30 Grad hoch stehende Sonne wandert von der Mitte nach links. Timor-Island, lang gestreckt und fahl, versinkt langsam hinter dem einsamen Flieger in der See. Kein Schiff durchpflügt dieses grafitgraue Teppichmuster. Mensch, Maschine und Meer sind allein. Für die nächsten sieben Stunden ist kein Land zu erwarten. Vier Kilometer Distanz zwischen Fluggerät und Wasser lassen das Meer friedlich und harmlos erscheinen. Das monotone Geräusch des Motors, Drehzahl, Öldruck und Öltemperatur degradieren alle restlichen zehn Instrumente zu statischem Schnickschnack. Alle dürfen versagen, nur der brave RollsRoyce-Motor und der Kompass nicht. Über Wasser lassen sich wandernde Luftmassen nur schwer schätzen.

Ständiges Verändern der Sitzhaltung hilft die Enge der 150er zu mildern. Der Pilot trinkt literweise Wasser, um die aufkommende Schlappheit zu verzögern. "Mahlzeiten vor dem Flug waren ohnehin nie Mode." Er fliegt immer hungrig, aber nie durstig.

Zum siebten Mal rasselt der Stundenwecker. Achteinhalb Stunden zieht die kleine Cessna nun schon über die Timor-See, kein Vogel, kein Schiff Wolken, Wasser und der Wille, Land zu sehen. "Hört das denn nie auf?" Die berechnete Flugzeit ist längst überschritten, eine gewaltige Verspätung addiert sich.

Da. In weiter Ferne zeichnet sich schemenhaft ein verändertes Wolkenbild ab. Fünfzig Minuten später wächst ein dünner Küstensaum aus dem Rund des Ozeans.

Land in Sicht.

Es liegt östlich des Kurses und macht einen 30 Grad Schwenk nach links ratsam. Nur Bathurst-Island, der Nordzipfel Australiens, kommt dafür in Betracht. Eine Quantas-Linienmaschine nimmt Schneiders Kontaktversuche auf und leitet sie weiter nach Darwin. Über der Beagle-Bucht leitet er den Sinkflug ein die Maschine wird 185 Stundenkilometer schnell. Die Funksprechverbindung ist hergestellt. Port Darwin taucht auf. Der Rest ist Routine.

INFODas Buch "Der Flug des Raben" von Hans Schneider ist zu beziehen beim Autor selbst und kann unter der Rufnummer 01 79/7 68 08 53 oder unter bestellung@der-flug-des-raben.de bestellt werden. Das reich bebilderte 256 Seiten starke Werk kostet 42 Euro und wird vom Autor handsigniert geliefert. Es ist in Kirchheim aber auch in den Buchhandlungen Schieferle, Wellingstraße 24, Schöllkopf, Alleenstraße 3, und Zimmermann, Max-Eyth-Straße 3, sowie bei Schreibwaren Weixler in der Dettinger Straße 11 zu haben.