Lokales

Achtung, Rollstuhlfahrer in Sicht

NÜRTINGEN/KIRCHHEIM Das Jugendrotkreuz im Kreisverband Nürtingen-Kirchheim hat deshalb ein dreiteiliges Seminar zum Umgang mit Behinderung durchgeführt. Die Jugendreferentin Ines Baur überraschte die Teilnahme der über 20 Jugendlichen aus den verschiedenen Ortsgruppen: "Dass sich so viele zum Klettern mit der Bergwacht anmelden könnte ich mir ausmalen, aber dass das Interesse für Rollifahrer so groß ist, hätte ich nicht gedacht."

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Um auch den theoretischen Background zu haben, setzten sich die Jugendrotkreuzler zunächst mit Statistiken auseinander. "Nur drei Prozent der behinderten Menschen sind unter 18 Jahre alt, also ich lag mit meiner Schätzung völlig daneben", berichtet die 14-jährige Daniela Körner.



Anschließend wurde gemeinsam erarbeitet, durch was Behinderungen verursacht werden können. Dass der Verkehrsunfall bei etwa zehn Prozent, Krankheiten jedoch bei etwa 70 Prozent der Grund sind, löste ebenfalls Erstaunen aus. "Die kids denken in ihrer Lebenssituation natürlich nicht an altersbedingte Erkrankungen wie zum Beispiel einen Schlaganfall oder Herzinfarkt, die dann zu einer Behinderung führen können," so die Jugendreferentin.



Marc Lauster übernahm die Aufgabe, das Einfühlungsvermögen zu sensibilisieren. "Jeder Teilnehmer musste per Los ein Handicap ziehen und dann verschiedene Aufgaben bewältigen," erklärt der Gruppenleiter des Jugendrotkreuzes Wendlingen. "Es war schon komisch, sich von jemand anderem die Zähne putzen zu lassen," erzählt der 17-jährige Konrad Scheffel. Den Rollenspielpartner mit Pommes zu füttern, stellte jedoch für keinen ein Problem dar.



Die Rollstuhleinweisung führte Klaus Roth, Leiter der Sozialen Dienste, durch. Zunächst wurden die Einzelteile und der mechanische Aufbau unter die Lupe genommen, um zu verstehen, an welchen Stellen man den Rollstuhl anpacken kann, ohne dass die beweglichen Teile unabsichtlich abfallen. Die Bewältigung von Hindernissen wie Bordsteinkanten, Treppen und starken Gefällen stand als nächstes auf dem Programm, ehe die ganze Truppe mit fünf Rollstühlen die Nürtinger Fußgängerzone unter die Lupe nahm. Jessica Faude hat die Erfahrung gemacht: "Kopfsteinpflaster ist ja optisch ganz nett, mit dem Rolli aber eine Tortour."



Beim dritten Teil des Seminars besuchten die Jugendrotkreuzler die Wohngemeinschaft des Körperbehindertenvereins in Stuttgart-Ost. Die Bewohner konnten als Experten in Sachen Hilfsmitteln einige neue Dinge zeigen und viel Interessantes berichten. Dank der guten Vorbereitung gab es kaum Berührungsängste, sodass vor lauter Fragen und Diskussionen das abschließende Grillfest fast zu kurz kam. "Was ist, wenn jemand meine Hilfe gar nicht möchte?" fragte Christoph Pid zu Beginn des Seminars und sprach damit vielen aus der Seele. Die 16-jährige Stefanie Sterr hat nach den drei Lehrgangsteilen eine Antwort für sich gefunden: "Ich werde nicht beleidigt sein, wenn jemand meine Hilfe mal ablehnt. Die Behinderten, die wir kennen gelernt haben, waren stolz auf alles, was sie selber machen konnten. Es ist doch klasse, wenn jeder so selbstständig wie möglich sein möchte."

Klaus Roth, Leiter der Sozialen Dienste des Roten Kreuzes im Kreisverband, demonstriert was passieren kann, wenn ein Rollstuhl zu weit nach hinten kippt.