Lokales

Adams Spiegel

Eine Mitarbeiterin des Krankenhauses kam neulich lachend auf mich zu und erzählte von einem Dialog zwischen Gott und Adam, den sie am Morgen im Radio gehört hatte: Adam fragt: "Gott, warum hast du die Eva so schön gemacht?" Gott: "Damit du sie lieben kannst." Adam: "Das verstehe ich. Aber, Gott, warum hast du sie so dumm gemacht?" Gott: "Damit sie dich lieben kann." Ich musste lachen.

Während des Erzählens dachte ich: Mal wieder so ein Witz über Frauen und Männer. Von einer Frau erzählt? Ist es ein Witz gegen Männer? Oder lachen wir deshalb, weil wir wieder mal unsere Vorurteile entdecken: Die ist dumm! Der ist arrogant! Der ist dick! Die ist... Im Zuweisen von Vorurteilen gibt es, denke ich, wenig Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Tatsächlich heißt Adam übersetzt Mensch.

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In unseren Urteilen über andere fühlen wir uns stark. Und wenn andere einem beipflichten, dann ist Gemeinschaft zu spüren leider auf Kosten anderer. Die Lacher auf seiner Seite zu haben, auch wenn es auf Kosten anderer geht, lässt ein starkes Wir-Gefühl entstehen. Moderatoren leben davon. Aber Vorsicht! Adam wird nämlich in seinem Urteil der Spiegel vorgehalten. Das Urteil über Eva fällt auf ihn selber zurück. "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!", so drückt es die Bibel aus. Mit jedem Urteil, das ich gegen andere abgebe, gebe ich zugleich auch ein Urteil über mich ab. Der Splitter, den ich im Auge des anderen sehe, ist der Balken in meinem Auge, heißt es an anderer Stelle in der Bibel. Das Urteil, das ich über andere abgebe, ist mein eigener Schatten, würde der Psychologe sagen.

Richtet nicht...! Urteilt nicht...! Auf dieser Ebene kann keine und keiner bestehen. Die Ebene des Richtens steht uns nicht zu. Diese Ebene können wir getrost Gott überlassen. Und der sagt ja zu uns. Wir haben genug mit uns selbst zu tun oder, wie es heißt: Es ist gut, vor der eigenen Haustüre zu kehren. Da liegt genug, was aufgeräumt oder weggeräumt gehört. Wenn ich mich daran mache, kann ich ganz anders auf meinen Nächsten zugehen und wirkliche Gemeinschaft erleben, ohne Vorurteile, ohne Richten, ohne Spiegel. Wenn Adam dann voller Freude Gott fragt, warum er Eva so schön gemacht habe, kann Gott aus derselben Freude heraus antworten: "Weil sie nach meinem Bilde geschaffen ist, genau so wie du." Das ist Freude pur.

Wolf Peter Bonnet

Gemeindepfarrer in Lindorf und

Krankenhaus-Seelsorger