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Aerpah-Klinik muss schließenInfo

89 Mitarbeiter betroffen – „Dienste für Menschen“ investiert Millionen in Altenpflege

Dem Geriatrischen Zentrum in Kennenburg stehen gravierende Veränderungen ins Haus: Die Aerpah-Klinik mit ihren 104 Betten schließt Ende März kommenden Jahres. Davon betroffen sind 89 Mitarbeiter. Gleichzeitig will der diakonische Altenhilfeträger Dienste für Menschen (DfM) in den kommenden Jahren mehrere Millionen Euro in das bestehende Altenpflegezentrum investieren.

Oberarzt Herwarth kümmert sich in der Reha-Einrichtung um seinen Patienten Horst Karisch.Foto: Roberto Bulgrin
Oberarzt Herwarth kümmert sich in der Reha-Einrichtung um seinen Patienten Horst Karisch.Foto: Roberto Bulgrin

Esslingen. Es waren keine guten Nachrichten, die DfM-Geschäftsführerin Gisela Rehfeld den betroffenen Mitarbeitern der geriatrischen Rehabilitationsklinik überbringen musste. Ein hoher Anteil arbeitet bereits seit 20 oder 30 Jahren in der 1983 eingerichteten Klinik: „Sie haben sich mit uns auf den Weg gemacht und die geriatrische Medizin mit aufgebaut. Es ist mir sehr schwer gefallen, ihnen die Schließung bekannt zu geben“, sagte Rehfeld. Etwa ein Dutzend Mitarbeiter soll übernommen werden, die anderen sollen soweit wie möglich in anderen Bereichen des Altenhilfeträgers weiterbeschäftigt werden.

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Die älteren Menschen, die nach Kennenburg kommen, leiden zumeist an mehreren Krankheiten oder kämpfen mit Krankheitsfolgen, etwa nach einem Schlaganfall. Betreut werden sie von einem therapeutischen Team aus Ärzten, Pflegekräften, Physio-, Sport- und Ergotherapeuten, Logopäden, Masseuren, Sozialpädagogen, Psychologen und Ernährungsberatern. Die umfassende Betreuung soll verhindern, dass die Patienten zum Pflegefall werden. Nach dem Aufenthalt sollen sie ihren Alltag wieder möglichst selbstständig gestalten können. Die Zuweisung in die Aerpah-Klinik erfolgt über die Krankenkassen beziehungsweise den Medizinischen Dienst.

Den Schritt, die Klinik zu schließen, begründet DfM-Geschäftsführer Peter Stoll: „In den vergangenen zehn Jahren ist es nicht möglich gewesen, kostendeckende Vergütungen für dieses Reha-Angebot zu erzielen. Auch in den aktuellen Verhandlungen mit den Kostenträgern hat sich für unser gemeinnütziges Unternehmen keine akzeptable Perspektive ergeben.“ Und ohne eine auskömmliche Refinanzierung „kann kein gemeinnütziger Träger selbst beste Angebote länger aufrechterhalten“, ergänzt Rehfeld. Zumal die Kostenträger, die Krankenkassen, sich insgesamt nicht einig seien und die Vergütung unterschiedlich ausfalle. Wobei vonseiten der AOK Neckar-Fils der höchste Vergütungssatz bezahlt werde.

Vielleicht, so die Geschäftsführerin, hätte man sich bereits vor zehn Jahren zum jetzigen Schritt entschließen müssen. Damals war die Belegung auf 40 Prozent zurückgegangen, mittlerweile liegt sie bei ­60 Prozent. Die Patienten sind im Durch­schnitt um die 84, 85 Jahre alt. Doch um alten Menschen „weiterhin eine Chance auf geriatrische Reha zu geben“, habe man sich damals zum Weitermachen entschlossen.

Rehfeld, die Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft Geriatrische Rehabilitation Baden-Württemberg ist, weiß, dass keine geriatrische Rehaklinik kostendeckend arbeitet. Die Aerpah-Klinik sei mittlerweile die fünfte ihrer Art, die schließen müsse. Dass dieser Schritt auch damit zusammenhängt, dass der renommierte Chefarzt Martin Runge im kommenden Jahr in Ruhestand geht, verneint Rehfeld: „Bei einer besseren finanziellen Perspektive hätten wir weitergemacht.“ Zusammen mit Runge hat sie die Altersmedizin weit über die Landesgrenzen hinaus zu einem Thema gemacht.

Große Wertschätzung zollt Dieter Kress, der Geschäftsführer der AOK Neckar-Fils, der Arbeit der Aerpah-Klinik: „Wir bedauern diesen Schritt sehr. Wie wichtig uns das Angebot ist, zeigt, dass wir die Vergütung für die Jahre 2010 bis 2012 zum vorherigen Satz um immerhin 6,3 und aktuell um zusätzlich 2,4 Prozent erhöht haben. Wir haben die gute Arbeit immer honoriert und fair bezahlt.“ Kress sieht die Probleme weniger bei den Vergütungssätzen als in der „unterdurchschnittlichen Belegung des Hauses“, und damit in der Wirtschaftlichkeit.

Auch Bernd Sieber, Geschäftsführer des Klinikums Esslingen, reagiert mit großem Bedauern. Die Aerpah-Klinik habe mit ihrem Angebot „ein wesentliches Spektrum für die Bevölkerung im Landkreis gut abgedeckt“. Nachdem DfM Ende 2012 bereits sein Akutkrankenhaus in Kennenburg mit 35 Betten geschlossen hatte, „spüren wir, dass bei uns im hohen Maß hochbetagte Patienten ankommen“, sagt Sieber. Peter Keck, Pressesprecher des Landratsamts, kommentiert die Schließung der einzigen geriatrischen Rehaklinik im Landkreis ebenfalls als „sehr bedauerlich“ und benennt als Verantwortliche die Kostenträger.

„Dienste für Menschen“ will sich nun für die Zukunft aufstellen und im Vorgriff auf neue heimrechtliche Regelungen, die ab Herbst 2019 verbindlich werden, in den nächsten Jahren mehrere Millionen Euro in das Altenpflegezentrum in Kennenburg investieren. Die vielfältigen Formen stationärer, teilstationärer und ambulanter Pflege sollen stärker im Mittelpunkt des Geriatrischen Zentrums stehen. Rehfeld: „Sie werden ergänzt durch das Wohnen mit Service im Quartier am Hainbach. Durch zusätzliche Angebote wird die Entlastung pflegender Angehöriger schrittweise erweitert. Wir richten uns ganz gezielt aus auf die sich verändernden Bedürfnisse und Bedingungen in der Pflege.“ Mit ersten Umbaumaßnahmen im Haus sei bereits begonnen worden.

 

Die Dienste für Menschen gGmbH (DfM) mit Sitz in Stuttgart betreibt als großer diakonischer Altenhilfeträger Pflegestifte, Wohnstifte, ambulante Dienste sowie die Aerpah-Klinik in Kennenburg. DfM ist Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg. Geschäftsführer sind Peter Stoll und Gisela Rehfeld. In 15 Einrichtungen in Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen werden mehr als 1 200 pflegebedürftige Menschen von rund 1 500 Mitarbeitenden gepflegt und betreut. Im betreuten Wohnen gibt es 378 Wohnungen. Sieben ambulante Pflegedienste runden das Angebot ab.