Lokales

Ärzte prangern „Flatrate“ an

Die Unzufriedenheit sitzt mit am Behandlungstisch – Mediziner im Ländle auf der Verliererseite

Wer dieser Tage eine Arztpraxis aufsucht, den erwartet fast überall das gleiche Bild: An den Wänden hängen Plakate, die nicht etwa über Krankheiten informieren, sondern über Politik. Das neue Honorarsystem sorgt für große Unzufriedenheit. In einer großen Anzeigenkampagne unter dem Titel „Musterländle ade“ beklagt die Kassenärztliche Vereinigung des Landes die „katastrophale Entwicklung“.

Anzeige

irene strifler

Kirchheim. Einzelne ärztliche Berufsgruppen bangen um ihre Existenz. Dazu gehören vielerorts die Kinderärzte. Auch der Kirchheimer Kinderarzt Ulrich Kuhn ist alles andere als euphorisch. Das mag zum einen daran liegen, dass in der Praxis, die er mit seinem Kollegen Stefan Gaißer betreibt, selten vor 21 Uhr die Lichter ausgehen. Ein weiterer Grund ist politischer Natur: Seit im Januar der Gesundheitsfonds und die Honorarreform in Kraft getreten sind, hat sich für die niedergelassenen Ärzte die finanzielle Situation dramatisch verschlechtert.

Das gilt nicht für alle Länder, aber ganz massiv für Baden-Württemberg. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) werden die ärztlichen Leistungen hier mit 135 Millionen Euro weniger als 2008 vergütet. „Gesundheitsfonds und Honorarreform führen dazu, dass manche Ärzte im Land nur unglaubliche zwölf Euro für einen Patienten erhalten“, argumentiert die KVBW. Die Summe gelte nicht etwa pro Behandlung, sondern pro Quartal, unabhängig davon, wie oft der Patient in die Praxis komme.

Viele Ziele, die der Fonds eigentlich verfolgt, erachtet Ulrich Kuhn durchaus für sinnvoll, etwa dass die gleiche Leistung überall das Gleiche kosten soll. Doch die Realität sieht anders aus. „So ungleich wie heute war‘s noch nie“, zeigt sich der Kirchheimer Arzt maßlos enttäuscht.

Ungerecht behandelt fühlen sich wohl alle Niedergelassenen in Baden-Württemberg. Quer durch alle Sparten müssen sie drastische Verdiensteinbußen hinnehmen. „Einige Praxen sind akut in ihrer Existenz bedroht“, schildert Kuhn die Dimension. Kernproblem ist die Umstellung auf ein neues System, das Regelvolumen pro Patient festlegt. Für Kuhn und Gaißer bedeutet dies: Pro Patient und Quartal bekommen sie 31,80 Euro.

Was heißt das konkret? Wenn beispielsweise ein vierjähriger Junge mit einem grippalen Infekt in die Kinderarztpraxis kommt, ist erstmal ein Gespräch mit der Mutter vonnöten. Darauf folgt eine gründliche körperliche Untersuchung, ehe die Diagnose und die Behandlung erneut eingehend besprochen werden. Eine halbe Stunde ist da schnell vorbei. Die meisten Kinder kommen mehrfach in Folge. „Zehn Arztbesuche im Quartal sind keine Seltenheit“, berichtet Kuhn. Macht also 3,81 Euro pro Arzt-Patient-Kontakt.

Den Stundenlohn wird kaum einer als üppig bezeichnen. Natürlich fließt diese Summe nicht uneingeschränkt in die Tasche der Ärzte: „Der Unkostenanteil liegt bei 60 Prozent“, gibt Kuhn die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage wieder. Bezahlt werden müssen Mitarbeiterinnen, Gerätekosten, Miete und so weiter. Die „Kinderarztflatrate“, wie Kuhn zynisch sagt, hat er mit anderen Angeboten verglichen: Ein Premiere-Abo für Fußballfans kostet das Doppelte.

Das Finanzielle ist aber nur eine Seite. „Das Arzt-Patienten-Verhältnis hat sich deutlich verschlechtert“, blickt der Kinderarzt auf die Jahre seiner Selbstständigkeit zurück. Zwar kommt es mangels Zeit selten zu Diskussionen über Gesundheitspolitik im Behandlungszimmer. Doch die Unzufriedenheit sitzt immer mit am Tisch: Der Arzt hat das Regelvolumen im Hinterkopf; der Patient befürchtet halbherzige Versorgung. „Niemandem ist mit solch einer Reform gedient“, argumentiert die KVBW, „am allerwenigsten den Versicherten, von denen viele zudem noch einen deutlich höheren Krankenkassenbeitrag bezahlen müssen.“

Kuhn, Gaißer und andere Kinderärzte meinen, dass nur eine politische Entscheidung die Situation verbessern kann. „Wir wollen einfach mit Planungssicherheit nach einer funktionierenden Systematik in Ruhe und gewissenhaft arbeiten können“, fast Kuhn zusammen. Die Vertretung der Ärzte im Ländle, also die KVBW, hat auf Druck ihrer Mitglieder eine kleine Revolution ausgerufen und setzt das Abrechnungssystem nach Regelleistungsvolumen vorerst nicht um.

Viele Ärzte sehen die Politiker in der Pflicht zu handeln. „Hier muss eine Neuregelung geschaffen werden“, räumt auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Hennrich ein. Er ist Mitglied des Ausschusses für Gesundheit. Allerdings sei die Honorarverteilung Sache der Selbstverwaltungen – auch von deren Seite besteht kein Interesse, alles der Politik zu überlassen. In Verhandlungen mit Politik, Kassen und Kassenärztlichen Vereinigungen habe man festgelegt, mit zusätzlichen 2,75 Milliarden Euro ein vernünftiges Honorarsystem auf den Weg zu bringen. „Das Ergebnis ist desaströs“, kann Hennrich nur den Kopf schütteln. Aus seiner Erfahrung in Berlin weiß er, dass es auch in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen Proteste hagelt. Relativ ruhig sei es dagegen in Ostdeutschland. – Eine Aussage, die die hiesigen Ärzte nicht verwundert.

Nachregulierungen sollen nun die negativen Folgen der Reform für das Ländle abschwächen. Einen Königsweg, der alle zufriedenstellen könnte, kennt allerdings die Politik ebenso wenig wie die Ärzte: „Es gibt keine vernünftige Alternative zum Pauschalierungssystem“, meint Hennrich.