Lokales

Ärzteschaft "am Nasenring der Ethik"

Sie fühlen sich als "Gesundheitsverwalter in einem kranken System", als "Geldeintreiber für die Kassen" oder als "Überweisungsausfüller" und beklagen die "Entarztung des Arztberufs". Tiefe Unzufriedenheit kennzeichnete die Protestkundgebung der Ärzte gestern in der Stadthalle. Im Vordergrund aller Klagen stehen Überbürokratisierung und mangelnde Wertschätzung ärztlicher Tätigkeit.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Tausende von Praxen in Nortwürttemberg blieben gestern zu, etliche im Bereich der Kreisärzteschaft. Das wird am Freitag nicht anders sein. Die niedergelassenen Ärzte machen mobil. Vor allem die wachsende Bürokratisierung eines Berufs, den die überwiegende Mehrheit aus dem Bestreben ergriffen hat, Menschen helfen zu wollen, sorgt für Frust. "Der endlose Bürokratismus macht uns kaputt", meinte Dr. Schmidt, Vorsitzender der Kreisärzteschaft. Er erinnerte an die 70er-Jahre, als die väterliche Landarztpraxis gerade mal fünf unterschiedliche Formulartypen aufwies. Heute hingegen zögen manche Behandlungen einen Wust an bürokratischer Verschlüsselung nach sich, dessen Bewältigung die Dauer der Behandlung übersteige. Das Schlimmste daran: "Die Bürokratie dient nicht etwa dem medizinischen Fortschritt, und die Zeit fehlt einfach am Patienten."

Seit Jahren schon sehen sich Ärzte im Spannungsfeld zwischen politischen Einschränkungen einerseits und hohen Erwartungen seitens der Patienten andererseits. Angesichts leerstehender Praxen und ins Ausland abwandernder junge Kollegen ist für sie das Maß jetzt voll: "Wie lange will sich die Ärzteschaft noch am Nasenring der Ethik durch die Arena führen lassen?" lautete die provokante Frage von Professor Kolkmann, dem Ehrenpräsidenten der Landesärztekammer.

Die Forderungen an Kassen und Politik, von einem Mindestvergütungswert für einzelne Leistungen bis zum Ende der Budgetierung, stellte Dr. Häberle vom Verbund Medi NT vor. "Die Kassen müssen den Druck spüren", meinte er kämpferisch und formulierte Drohungen wie zum Beispiel die Einstellung des ambulanten Operierens. Als "Frechheit" bezeichnete der Mediziner unter Beifall die geplante Bonus-Malus-Regelung, die den Arzt persönlich für Budgetüberschreitungen haften lässt und für Einsparungen am Patienten belohnt. "Das ist eine Perversion", wetterte auch Dr. Dachsel, Koordinator der Öffentlichkeitsarbeit der Ärzteschaft Nürtingen und forderte in kabarettistischer Überspitzung, die Maastricht-Kriterien ähnlich anzuwenden: Bei Überschreiten sollten die Politiker persönlich mit ihrem Einkommen haften.

Die Beiträge seitens der Ärztevertreter und auch der Applaus des Publikums machten deutlich, dass Politik und Kassen die Schuld an der Misere im Gesundheitswesen angelastet wird. Dagegen erfahren die medizinischen Berufe eine bislang nicht gekannte Solidarisierung: In der Kirchheimer Stadthalle sicherte Dr. Fabian, Zweiter Vorsitzender des Landesverbandes des Marburger Bundes und somit Vertreter der Krankenhausärzte, den Niedergelassenen vollste Unterstützung zu. Gleiches tat auch Dr. Kaiser vom Landesapothekerbund. Für die Arzthelferinnen stellte sich Erika Müller, stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes, voll hinter die Ärzteschaft und schloss sich dem Protest "gegen den Ausverkauf des Gesundheitssystems" an. "Eine Nullrunde für die Ärzteschaft bedeutet eine Minusrunde für das Praxisteam", machte sie die Dimension jeder Praxis als Unternehmen mit Arbeitsplätzen klar.

In dieser aufgeheizten Stimmung hatte es die "Gegenseite" naturgemäß schwer zu punkten. Die Landtagsabgeordneten von SPD und CDU, Carla Bregenzer und Karl Zimmermann, bekundeten Verständnis angesichts einer bevorstehenden neuen Gesundheitsreform und sahen auch die landespolitische Dimension, beispielsweise in punkto Versorgungsauftrag. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Hennrich, drei Jahre lang Mitglied des Gesundheitsausschusses, stieg beherzt in die Diskussion ein und bekannte sich auch zu unpopulären Maßnahmen. So betonte er unter kritischen Äußerungen aus dem Publikum, die Einführung der Praxisgebühr sei als Steuerungsinstrument gegen ausufernde Arztbesuche durchaus richtig gewesen. "Wir haben ein Problem", meinte er mit Blick auf die Kosten im Gesundheitswesen und machte klar, dass noch gewisse Einschnitte folgen werden: "Wir haben auch noch Effizienzreserven."

Noch mehr im Kreuzfeuer der Kritik sah sich Karl-Rudolf Traub von der AOK Nürtingen-Kirchheim."Die Kassen werden das tun, was die Gesellschaft und die Politik von ihnen verlangen", meinte der AOK-Geschäftsführer zunächst. Er schilderte die Misere der einkommensbezogenen Kassenbeiträge, deren Summe bei sinkenden Löhnen nun mal zurückgehe. Höherer Standard setze also eine Erhöhung der Beiträge voraus. Auf der Suche nach Preistreibern im Gesundheitswesen forderte Traub von den Ärzten eine "objektive Distanz gegenüber der Pharmaindustrie", von der sich viele bisher "allzu bereitwillig umarmen" ließen. Seitens der Politik versprach er sich Einsparungen beispielsweise durch einen ermäßigten Mehrwertsteuersatz für Medikamente ab 2007. Der Streitpunkt Linksherzkathetermessplätze im Landkreis diente dem AOK-Chef als Beispiel der Kostenexplosion. Statt eines zweiten Platzes in Esslingen gäbe es nun noch einen in Ruit und bald einen in Kirchheim. "All das kostet Geld, und zwar das Geld der Beitragszahler", machte er klar und vermisste andererseits die qualitative Verbesserung der medizinischen Versorgung. "Mit gutem Willen muss der Erhalt eines zukunftsfähigken Gesundheitswesens möglich sein", lautete sein versöhnliches Schlussplädoyer, wobei er wie alle anderen Redner auch den gestrigen Tag erst als Anfangspunkt eine langen Diskussion bewertete.