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Ahnengalerie sollte die reiche Braut aus Mantua beeindrucken

Unter Führung des Historikers Holger Starzmann machte sich die Regionalgruppe des Schwäbischen Heimatbundes auf den Weg nach Urach, eine Gründung der Grafen von Hohenurach. Diese traten schon im 13. Jahrhundert ihren Herrschaftsbesitz an die Grafen von Württemberg ab.

KIRCHHEIM Seine große Bedeutung in der Landesgeschichte bekam Urach in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, als es nach der Teilung der Grafschaft Württemberg über vier Jahrzehnte Residenz des südlichen Landesteils war. Erste Station der Exkursion war das Uracher Schloss, mit dessen Bau schon ein Jahr nach der Landesteilung begonnen wurde. Dieses Schloss sollte zum Geburtshaus einer der bedeutendsten württembergischen Herrschergestalten werden: Graf Eberhard im Bart reformierte die Verwaltung seines Landes und machte sich nach seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land an die Erneuerung des Glaubens im Land. 1477 gründete er von Urach aus die Landesuniversität Tübingen.

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"Attempto" (ich wag's) so lautete sein Wahlspruch seit seiner Pilgerfahrt nach Jerusalem, von wo er den Palmbaum als Signet heimbrachte. Wahlspruch und Palme begrüßen den Besucher schon im Toreingang des dreigeschossigen Schlosses. Im Erdgeschoss befindet sich die großräumige Dürnitz, ein zunächst schmuckloser Arbeitssaal für das höfische Gesinde. Anlässlich der prunkvollen Hochzeit mit Barbara Gonzaga, der reichen Markgrafentochter aus Mantua, ließ Eberhard die Dürnitz von seinem Baumeister Peter von Koblenz zu einer spätgotischen, vierschiffigen Halle mit schönem Kreuzgratgewölbe ausbauen.

Im ersten Obergeschoss befindet sich der Palmensaal. An jeder Längswand jeweils vier Palmen und daran aufgehängt acht Familienwappen, jedesmal mit dem Wort "Attempto" versehen. Es handelt sich hier um eine "Ahnenprobe", mit der Eberhard, obwohl nur im Range eines Grafen, seiner Braut und ihrem Gefolge zeigen wollte, von welch hoher Abstammung er war. Es fängt an mit dem württembergischen Urgroßelternpaar: Eberhard III., vermählt mit einer Visconti von Mailand. Es folgt Mömpelgard mit dem Haus Chatillon. Danach folgt sogar ein König, Ruprecht von der Pfalz mit seiner Gattin, der Tochter des Nürnberger Burggrafen. Und schließlich steht da ein Herzog von Savoyen-Achaia, und ihm gegenüber die Tochter der Grafen von Genf, aus deren Familie sogar ein Papst hervorgegangen war.

Nachdem 1482 die Residenz des vereinten Landes wieder nach Stuttgart kam, wurde das Uracher Schloss im Lauf der Zeit zu einem Jagdschloss der württembergischen Herzöge. Besonders Herzog Carl Eugen hielt sich im Herbst zur Zeit der Hirschbrunft gerne im Uracher Schloss auf. Er ließ in den Palmensaal Zwischenwände einziehen, um auf die Bedürfnisse einer Jagdgesellschaft zugeschnittene Unterkunfts- und Repräsentationsräume zu haben. Diese Zwischenwände wurden erst bei der Generalrenovierung in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wieder entfernt. Erhalten blieb aus der Carl-Eugen-Zeit der Weiße Saal, der den Jagdgesellschaften als Speisesaal diente.

Elfenbeinfarbene Stuckmedaillons aus der Übergangszeit zwischen Spätrokoko und Frühklassizismus zieren die Wände, die abwechselnd Jagdmotive und Musikinstrumente darstellen. Zwei Bronzelüster mit Blechblumen geben dem Raum einen leichten Farbakzent. Ein Porträt Carl Eugens blickt auf die zwei Tafeln herab, die noch von Originalstühlen umstellt sind.

Anschließend gingen die Teilnehmer noch in das im Rundturm befindliche Assembléezimmer. Es wurde von Carl Sonnenschein, einem aus der Carlsschule hervorgegangenen Stuckateur mit Rosengirlanden und Puttenmedaillons ausgestattet. Rokokomusik empfing die Teilnehmer, und nachdem alle Platz genommen hatten, las Holger Starzmann aus den Tagebüchern des Freiherrn Buwinghausen-Walmerode vor. Dieser war Generaladjudant des Herzogs und hatte die Jagdaufenthalte minutiös beschrieben. Ausgewählt war ein Tag im Herbst 1768, als Carl Eugen mit seiner damaligen Mätresse Bonafini und Gefolge zur Hirschjagd in Urach weilte. Neben der Jagd war das Musizieren und Spielen fester Bestandteil des höfischen Zeitvertreibs zur Zeit des Rokoko.

Am frühen Nachmittag ging es zunächst zum Mönchshof, der von dem dreiflügeligen Kollegiatstift, das Eberhard für die Brüder vom gemeinsamen Leben baute, umschlossen wird. Von diesem Reformorden erhoffte er sich Anstöße für die Erneuerung des Glaubens. Vom Mönchshof ging es dann zur spätgotischen Amanduskirche. Ihre romanische Vorgängerkirche entsprach nicht mehr den Ansprüchen einer Residenzstadt, und so ließ Eberhard seinen Baumeister Peter von Koblenz 1475 mit dem Bau einer neuen Kirche beginnen.

Obwohl um diese Zeit in den Freien Reichsstädten schon Hallenkirchen gebaut wurden, entschied man sich in Urach zum herrschaftlichen Typus der dreischiffigen Basilika. In der Handhabung verschiedener Gewölbeformen zeigt sich Peter von Koblenz als ein Meister der Spätgotik. Durch den stark eingezogenen Chorbogen gelangt man in den Chor mit dem bescheidenen Chorgestühl der Brüder vom gemeinsamen Leben. Hohe Chorfenster mit schönem Maßwerk bringen viel Licht in den Chor, unter dessen Schlusssteinen auch das Baumeisterzeichen des Peter von Koblenz ist.

Die Kirche besitzt auch noch einige Kunstwerke, die den Uracher Götzensturm überstanden haben. Bemerkenswert die steinernen Reliefdarstellungen der Kirchenlehrer an der Kanzel, die neben Hieronymus, Gregor, Augustinus und Ambrosius noch den Pariser Theologen Johannes Gerson aufweisen, den geistigen Vater der Brüder vom gemeinsamen Leben. Die Taufkapelle im Südwinkel zwischen Chor und Seitenschiff, bewahrt einen prächtigen Taufstein mit halbfigürlichen Reliefs von Propheten des Alten Testaments des Meisters Christoph von Urach aus dem Jahre 1518.

Am späten Nachmittag machte die Gruppe dann noch zum Ausklang des Uracher Tags einen Spaziergang zum Uracher Wasserfall, einem der landschaftlichen Höhepunkte der Uracher Alb.

pm