Lokales

Aids hat die Situation der Armen radikal verschlechtert



ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Die Schüler des Ludwig-Uhland-Gymnasiums helfen auf ihre Art, die Armut in Südafrika zu bekämpfen: Mit einem großen Aktionstag kurz vor den Sommerferien, der das Schulhaus samt Sporthalle mit Verkaufsständen, Spielstraßen und Veranstaltungsbühnen gefüllt hatte, nahmen sie insgesamt 3 800 Euro ein. Mit diesem Betrag werden Schulgebühren für die 92 Kinder finanziert, die das Kinderheim Saint Philomena's augenblicklich betreut in einem Gebiet, das sich etwa hundert Kilometer rings um Durban am Indischen Ozean erstreckt.



"Ihr könnt es den Kindern ermöglichen, zur Schule zu gehen, und das ist das, was sie am dringendsten brauchen", sagte Andreas Sistig gestern Morgen vor sechs der besonders engagierten Klassen am LUG. Der 29-jährige Deutsche, der seit drei Jahren in Durban lebt und mit einer anglikanischen Pfarrerin verheiratet ist, erläuterte den Zusammenhang zwischen Geld und Bildung in seiner Wahlheimat: Wer Geld hat, kann sich Privatschulen leisten, und wer eine gute Schulbildung hat, kann studieren und später viel Geld verdienen. Diese Möglichkeit haben aber nicht viele Kinder, und schon gar nicht die aus ärmsten Verhältnissen, um die sich Saint Philomena's kümmert.



Aids hat die Situation der Armen radikal verschlechtert: Gab es 1990 "nur" etwa 100 000 Waisenkinder in Südafrika, waren es 2004 bereits eine Million. Die Prognosen für 2010 liegen zwischen zwei und zweieinhalb Millionen. Dabei seien die Sozialsysteme durch die vielen Aids-Waisen jetzt schon völlig überlastet. Kinder und Jugendliche sind zudem häufig selbst HIV-infiziert, was bedeutet, dass die Krankheit jederzeit ausbrechen kann. Andreas Sistig: "Wenn es so weitergeht wie bisher, erleben 50 Prozent aller heutigen 15-Jährigen ihren 25. Geburtstag nicht."



Jeder dritte Todesfall in Südafrika sei auf Aids zurückzuführen, berichtete Andreas Sistig weiter. Täglich sterben 600 Menschen daran, täglich gibt es 1 500 bis 2 000 Neuinfektionen. Jeden Monat kommen rund 8 000 Babys zur Welt, deren Mütter HIV-positiv sind. 60 bis 70 Prozent dieser Kinder sind bereits infiziert, bevor sie das Licht der Welt erblicken. Und Mädchen, die gesund zur Welt kommen, sind spätestens mit Beginn der Pubertät extrem gefährdet, denn hartnäckig hält sich in Südafrika der unsinnige Aberglaube, Geschlechtsverkehr mit einer Jungfrau könne die Aids-Erkrankung heilen.



Andreas Sistig erzählt von der 18-jährigen Zinhle, die infiziert ist, seit sie im Alter von zwölf Jahren missbraucht wurde: "Durch Medikamente hat sie das einigermaßen unter Kontrolle. Sie hat jetzt ihr Abi gemacht und will Kindergärtnerin werden." Zinhle ist eine von vielen, die dasselbe Schicksal haben. Sistig zeigte am LUG Fotos und Filmmaterial von vielen anderen freundliche, lachende, junge Gesichter. "Der Film ist hart und sehr ernst", sagt Andreas Sistig, "aber es ist wichtig, dass man die Augen nicht verschließt.

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Am Ludwig-Uhland-Gymnasium werden die Augen weiterhin offen bleiben: Brieffreundschaften mit Saint Philomena's sind angedacht, und der Aktionstag soll einen festen Zwei-Jahres-Rhythmus bekommen. Darin ist sich Rektor Dr. Andreas Jetter einig mit Vera Schäfer, die an seiner Schule als treibende Kraft hinter dem Projekt steht. Dessen Erfolg erklärt die Religionslehrerin auf ganz einfache Weise: "Schüler helfen Schülern, das kommt an."

Andreas Sistig (rechts) bedankt sich bei Schulleiter Dr. Andreas Jetter für 3 800 Euro und zahlreiche Sachspenden, die Schüler des Ludwig-Uhland-Gymnasiums für ein südafrikanisches Kinderheim zusammengetragen haben.