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Aktuelles zum Thema Multiple Sklerose

"Soll ich Sie nach dem Gesagten noch lange mit der Therapie quälen?" Diese Worte eines Arztes aus dem Jahr 1874 spiegeln die Hoffnungslosigkeit wider, die gegenüber Multiple Sklerose (MS) damals herrschte. Wie sehr sich heute die Zeiten gegenüber damals geändert haben, konnten Betroffene, Angehörige und Interessierte am "Zweiten Infotag Multiple Sklerose" in der Kirchheimer Klinik sehen.

KAI SONNTAG

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KIRCHHEIM Veranstaltet wurde der Infotag vom Klinikum Kirchheim-Nürtingen in Zusammenarbeit mit den örtlichen Kontaktgruppen der AMSEL (Aktion Multiple Sklerose Erkrankter) sowie Ärzten und Therapeuten. In Fachvorträgen und Gesprächen, auf Infoständen und einer Ausstellung zur Geschichte des Multiplen Sklerose konnten sich die Besucher rund um die Krankheit informieren.

Zwar ist Multiple Sklerose auch heute immer noch nicht heilbar, aber der medizinische Fortschritt hat dazu geführt, dass die Betroffenen wesentlich besser damit umgehen können und ihre Lebensqualität deutlich weniger beeinträchtigt wird. "Etwa 30 Prozent der Patienten können heute 15 bis 20 Jahre mit der Krankheit leben, ohne dass sie wesentliche Beeinträchtigungen haben", berichtet Dr. Uwe Mauz, Leiter der Neurologie am Klinikum Kirchheim-Nürtingen.

Multiple Sklerose ist eine Entzündung des Zentralen Nervensystems, also des Gehirns und des Rückenmarks. Sie führt dazu, dass die Nervenzellen geschädigt werden oder sogar ganz absterben. Die Folgen davon sind Wahrnehmungsstörungen, starke Müdigkeit, Beeinträchtigungen in der Beweglichkeit bis hin zum Rollstuhl und spastische Lähmungen. Unter 900 Einwohnern leidet etwa einer an dieser Krankheit, wobei das Erkrankungsrisiko für Frauen doppelt bis dreimal so hoch ist, wie für Männer.

Multiple Sklerose gibt den Wissenschaftlern und Ärzten bis heute zahlreiche Rätsel auf. So gibt es nach wie vor keine gesicherte Erklärung, welches die Ursache von MS ist. Bekannt ist nur, dass es genetische Veranlagungen gibt, wobei Multiple Sklerose allerdings nicht vererbt wird. Dementsprechend gibt es auch keine Möglichkeit, sich gegen MS zu schützen oder Vorsorge zu betreiben.

In der Regel wird die Krankheit im Alter zwischen 20 und 40 Jahren ausgelöst. Die Krankheit verläuft in Schüben, zwischen denen im Anfangsstadium oft Jahre liegen können. Für die Betroffenen zeigt sich der Beginn der Krankheit durch das Auftreten von Symptomen wie starke Müdigkeit, leichte Bewegungs- oder Sehstörungen sowie Taubheitsgefühle.

Wenn die Diagnose dann MS ergibt, bedeutet das für die Patienten eine enorme psychische Belastung, denn es gibt keine Prognosemöglichkeit, wie der Krankheitsverlauf sich entwickelt. Allerdings hat die Forschung in den letzten zehn bis 15 Jahren zahlreiche Therapien entwickelt, mit denen sich der Krankheitsverlauf positiv beeinflussen lässt und die Schübe hinausgezögert werden können.

Vor allem sind neue Medikamente auf den Markt gekommen, die den Patienten besser helfen können und weniger Nebenwirkungen aufweisen. Darüber hinaus werden die Patienten mithilfe von Krankengymnastik, Bewegungs- und Ergotherapie behandelt. All dies soll dazu führen, dass die Patienten und ihre Angehörigen besser mit der Krankheit zurechtkommen. Selbst eine Internet-Community von MS-Patienten hat sich inzwischen gebildet.

Dr. Uwe Mauz will denn auch versuchen, den Menschen ein wenig die Angst vor der Krankheit zu nehmen. "Ich versuche, den Patienten und den Angehörigen immer klar zu machen, dass es keinen Grund gibt zu resignieren. Durch eigene Aktivitäten kann der Verlauf der Krankheit nachweisbar positiv beeinflusst werden."

Er wirbt auch dafür, dass das Umfeld gegenüber den Patienten nicht in Mitleid verfällt, sondern sie dabei unterstützt, mit dieser Krankheit umgehen zu können. Dr. Mauz ist optimistisch, dass die Forschung in den kommenden Jahren weitere Erkenntnis über Multiple Sklerose zu Tage fördert und dass noch bessere Medikamente auf den Markt kommen.

Trotz aller Verbesserung der Behandlungsmethoden gehen auch an den MS-Patienten die Probleme im Gesundheitssystem nicht spurlos vorüber. So berichten sie davon, dass die Kassen oft immer weniger bereit sind, hochwertige Hilfsmittel wie etwa qualitativ gute Rollstühle zu bezahlen, Ärzte aus Kostengründen ungern Heilmittel wie Krankengymnastik oder andere Therapien verschreiben oder sogar versuchen, sie für die teuren Medikamente zu anderen Ärzten zu schicken, um nicht das eigene Budget zu überschreiten.

Auch für die AMSEL haben sich die Rahmenbedingungen erschwert. Sie sieht ihre Aufgabe vor allem in der Einzelbetreuung der Patienten und hat dafür bisher in erster Linie Zivildienstleistende eingesetzt. In dem Maße, in dem der Gesetzgeber den Zivildienst zurückfährt, wird es für solche Organisationen immer schwieriger, derartige Angebote aufrecht zu erhalten.

Wie aktuell das Thema ist, zeigte die positive Resonanz auf den Infotag. Der Vortragssaal war voll, auch die Informationsstände waren gut besucht. Die Referenten berichteten über zahlreiche interessante Gespräche, die sie mit den Besuchern geführt haben.

Um den Multiple-Sklerose-Patienten zu helfen, wird im Klinikum Kirchheim eine Ausstellung "Bewegung" mit Bildern der Künstlerin Cordula Griesinger gezeigt, die selbst an einer chronischen Erkrankung leidet. Spenden, die im Rahmen dieser Ausstellung zusammenkommen, werden direkt an die AMSEL weitergeleitet.

Die Ausstellung ist noch bis Donnerstag, 31. August, zu sehen.