Lokales

"Alle haben den Wunsch, akzeptable Lösungen zu finden. . ."

BISSINGEN Die Mobilfunkbetreiber T-Mobile und Vodafone suchen in Bissingen UMTS-Standorte. Über die aktuelle Situation in der Seegemeinde sprach Redaktionsmitglied Richard Umstadt mit dem Umweltstress-Analytiker, Diplomingenieur Norbert Honisch.

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Welche Netzbetreiber sind in Bissingen auf Standortsuche für eine UMTS-Antenne?



Honisch: Nach meiner Information suchen die beiden Betreiber T-Mobile und Vodafone im südlichen Bereich von Bissingen jeweils einen geeigneten UMTS-Standort. Alle Betreiber planen zunächst einmal unabhängig voneinander ihre eigenen Mobilfunknetze und versuchen daher, für sie geeignete Standorte zu finden. T-Mobile beziehungsweise deren Tochtergesellschaft Deutsche Funkturm ist bereits seit etwa einem Jahr im Gespräch mit der Gemeinde, im Bereich des Sportplatzes auf einem zu errichtenden Mast eine UMTS-Sendeanlage zu installieren. Nachdem Vodafone nun ebenfalls eine UMTS-Sendeanlage im Süden von Bissingen plant, habe ich der Gemeinde empfohlen, Vodafone auf die Planung von T-Mobile hinzuweisen und die beiden Betreiber zu bitten, die Möglichkeit einer gemeinsamen Standort-Nutzung zu überprüfen. Diese Lösung wäre auch wirtschaftlich interessant. Die Schwierigkeit wird darin bestehen, einen sowohl unter Vorsorgeaspekten als auch funktechnischer Eignung geeigneten Standort zu finden.



Können Sie Beispiele aus der Praxis nennen, wo sich Netzbetreiber gemeinsam einen UMTS-Standort teilen?



Honisch: UMTS ist eine Mobilfunktechnologie, die sich erst im Aufbau befindet. Eine aus meiner Sicht schlechte Eigenschaft dieser neuen Technik ist, das die Sendeanlagen möglichst zentral oder am Rand des zu versorgenden Gebietes platziert werden müssen. Daher werden aus meiner Beobachtung meist UMTS-Standorte auf bereits bestehenden Gebäuden realisiert, also weniger auf speziell errichteten Masten. Ich kenne aber Fälle, bei denen mehrere Betreiber sich einen UMTS-Standort teilen beziehungsweise planen, dies zu tun. Das ist ja übrigens bei dem seit 1992 installierten GSM-Mobilfunk sehr häufig auch der Fall.



Bestünde Ihrer Meinung nach auch für Bissingen diese Möglichkeit? Wenn ja, welche Voraussetzungen dazu müssten erfüllt sein?



Honisch: Die Planung eines UMTS-Mobilfunknetzes ist im Vergleich zu GSM erheblich komplexer. Speziell die Tatsache, daß sich mehrere UMTS-Standorte desselben Betreibers gegenseitig stören können, erfordert eine genaue Analyse der jeweiligen Situation. Insofern kann die Entscheidung einer gemeinsamen Standortnutzung nur von den Betreibern selbst gefällt werden. Ich bin aber davon überzeugt, dass sowohl T-Mobile als auch Vodafone diese Möglichkeit ernsthaft prüfen werden, denn sie bringt, wie bereits ausgeführt, beiden auch wirtschaftliche Vorteile. Außerdem ist die Suche eines gemeinsam genutzten Standortes einfacher als mehrerer unabhängiger Standorte. Es ist ja auch das Ziel der Gemeinde Bissingen, sozusagen den Wildwuchs von Antennen-Standorten durch eine koordinative Steuerung zu verhindern. Dies kann derzeit aus rechtlicher Sicht nur in freiwilliger Kooperation aller Beteiligter erfolgen, wobei ich aber aus der bisherigen Erfahrung speziell auch in Bissingen der Überzeugung bin, dass alle den Wunsch haben, akzeptable Lösungen zu finden. Es ist eine Illusion zu glauben, dass man den Ausbau des Mobilfunks grundsätzlich verhindern kann. Es geht mir speziell darum, durch konkrete Vorschläge und Empfehlungen Standorte zusammen mit der Gemeinde und den Betreibern zu definieren, die einer Strategie der vorsorgenden Minimierung der entstehenden Feldstärken entspricht. Diese Haltung wird prinzipiell ja auch vom Bundesamt für Strahlenschutz unterstützt.



Wie kann die gesamte Strahlendichte aller GSM- und UMTS-Sendeanlagen in der Gemeinde so verteilt werden, dass die Gesamt-Strahlungsdichte aller Mobilfunksignale 1 000 Mikrowatt/m2 nicht überschreitet?



Honisch: Dieses orientierende Ziel kann nur dadurch erreicht werden, wenn bei der Standort-Planung alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, die einflußnehmenden Parameter auf dieses Ziel hin zu optimieren. Die Betreiber planen ihre Netze auf bestmögliche Abdeckung bei hoher Verbindungs-Qualität, und nicht auf geringstmögliche Feldstärken im Umfeld. Dieses Verhalten entsteht auch durch die bestehende Wettbewerbssituation. Außerdem ist ein Mobilfunkbetreiber ein Wirtschaftsunternehmen, dass folglich die Kostensituation mit in seine Entscheidungen einbezieht. Es ist beispielsweise kostengünstiger, eine Sendeanlage auf ein im Versorgungsgebiet bereits vorhandenes Gebäude zu setzen, als einen zwar in Bezug auf die Feldstärken für die Bevölkerung weniger belastenden, aber teureren Mastneubau in größerer Entfernung "auf der grünen Wiese" zu errichten. Trotzdem ist meine Erfahrung, dass von Seiten der Gemeinde mit den Betreibern konstruktive Lösungen gefunden werden können. Eine weitere bestimmende Einflussgröße ist das Verhalten der Bevölkerung. Wenn eine gute Mobilfunk-Versorgung auch in sehr ungünstigen Wohnlagen wie beispielsweise in Untergeschossen oder sogar in Kellern und Tiefgaragen gefordert wird, müssen die entsprechenden Versorgungsfeldstärken dem nach oben angepasst werden. Die Frage dabei ist, ob diese in meist nur wenigen Lagen vorkommenden Einschränkungen bestimmend sind für die Gesamt-Konzeption der Sendeanlagen. Ich glaube, dass hier Einzelinteressen hinter den Mehrheitsinteressen zurückstehen sollten. Aber das ist zugegebenermaßen eine schwierige Diskussion.



Haben die Netzbetreiber an den bestehenden GSM-Anlagen im Norden der Gemeinde bereits technische Änderungen vorgenommen, welche die Feldstärken im kritischen nahen Umfeld der Fabrikstraße erheblich reduzieren? Werden dort nochmals Messungen durchgeführt?



Honisch: Meine Messungen und Simulationen der Feldstärkeverteilung im Gemeindegebiet hatten gezeigt, dass durch die bestehenden GSM-Sendeanlagen im Norden von Bissingen unnötig hohe Werte vorhanden waren. Auch im Hinblick auf den weiteren Ausbau dieser Standorte mit UMTS hatte ich Vorschläge gemacht, durch Änderungen an den GSM-Antennen die Belastung im näheren Umfeld deutlich zu reduzieren. Erfreulicherweise haben bisher die Betreiber E-Plus, T-Mobile und Vodafone diese Vorschläge ganz oder teilweise positiv aufgegriffen. E-Plus und T-Mobile haben nach meiner Information diese Maßnahmen bereits umgesetzt, während Vodafone dies bis September vornehmen wird. O2 hat die Vorschläge unter Anderem unter Hinweis auf die Einhaltung der geltenden gesetzlichen Grenzwerte abgelehnt. Ich habe trotzdem die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es der Gemeinde Bissingen gelingen wird, in weiteren Gesprächen mit diesem Betreiber ebenfalls noch ein positives Ergebnis zu erzielen. Es ist natürlich sinnvoll, den Erfolg der Maßnahmen durch Messungen wieder zu überprüfen. Allerdings sollte dies erst dann geschehen, wenn die bereits zugesagten und hoffentlich auch noch weiteren Änderungen vorgenommen worden sind. Insofern gibt es derzeit keine konkreten Pläne für eine Messung.

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