Lokales

Alleenring muss bis Anfang Juni gesperrt werden

Ein sensationeller Fund auf der Großbaustelle Schweinemarkt sorgt seit gestern für große Aufregung unter stadtgeschichtlich Interessierten. Im Bereich der Baugrube vor der Bastionsmauer konnten erste Teile eines Skeletts geborgen werden, das auf Grund der zahlreichen wertvollen Grabbeigaben schon jetzt eindeutig einem Alemannenkönig zugeordnet werden kann.

WOLF-DIETER TRUPPAT

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KIRCHHEIM Rainer Laskowski, Leiter des städtischen Museums in Kirchheim und ehrenamtlicher Beauftragter für Bodendenkmalpflege, war im Blick auf die umfassenden Grabungsarbeiten für die neue Tiefgarage Schweinemarkt schon immer überzeugt, dass hier zwangsläufig Unerforschtes aus dem Untergrund nach oben dringen wird. Für den Experten in Sachen Stadtarchäologie konnte es daher nur eine Frage der Zeit sein, bis Bauarbeiter oder Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Archäologie auf wichtige Zeugnisse vergangener Zeiten stoßen.

Wie berichtet, hatten dann auch schon zwei auf der Baustellensohle entdeckte gut erhaltene Gruben für erste berechtigte Erwartungen weckende Überraschungen gesorgt und wichtige Erkenntnisse über Kirchheims Vergangenheit zu Tage gefördert. Die von dem freiberuflichen Archäologen Michael Weihs aus Altenriet rund um ein so genanntes Grubenhaus gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Archäologie erhobenen Befunde hatten zweifelsfrei belegen können, dass die Siedlung "Chiriheim" schon in der Karolingerzeit sehr groß gewesen sein muss, und sich keineswegs nur auf den Bereich um die Martinskirche beschränkt hat.

Was gestern am späten Nachmittag im Baustellengrund auftauchte, bezeichnet Museumsleiter Rainer Laskowski schlicht als "Sensation". Bei neuen Grabungen im Straßen-und im Randbereich der Baugrube wurden ungewöhnlich gut erhaltene Teile eines Skelettes und zahlreiche wertvolle Grabbeigaben entdeckt. Auch wenn der ehrenamtliche Beauftragte für Bodendenkmalpflege vor verfrühten Spekulationen und wissenschaftlich derzeit noch nicht abschließend belegbaren Aussagen nachdrücklich warnt, steht für ihn beim derzeitigen Erkenntnisstand schon völlig außer Zweifel, dass es sich um ein großflächig angelegtes alemannisches Königsgrab handelt. Dass die kultur- und stadtgeschichtliche Bedeutung dieses Fundes nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, ist auch die von Oberkonservator Dr. E. R. Halt vom Landesdenkmalamt vertretene Meinung. Er eilte gestern sofort zur Fundstelle, um Rainer Laskowski bei seinen fieberhaften Bemühungen um einen sofortigen Baustopp zu unterstützen.

Um die vollständige Bergung der gesamten Grabanlage sicherzustellen, wurde von allen zur Verfügung stehenden Kräften zunächst großflächig die Fundstelle hermetisch abgeriegelt und vor jedem unberechtigten Zutritt geschützt.

Da sich die Funde am Rande der bisherigen Baugrube beziehungsweise auch in dem neu aufgebohrten Bereich in der Fahrbahnmitte befinden, ist es unumgänglich, in den nächsten Tagen den gesamten Kreuzungsbereich Alleenstraße / Schlierbacher Straße in den geschützten Baustellenbereich einzubinden.

In einer ersten Stellungnahme machte Bürgermeister Günter Riemer vor Ort unmissverständlich deutlich, dass angesichts der historischen Bedeutung des Fundes alle Anstrengungen unternommen werden müssen, den wertvollen Schatz nun behutsam zu bergen. Um weitere Beeinträchtigungen durch den Durchgangsverkehr und die Arbeit mit schwerem Gerät zu vermeiden, ist eine Totalsperrung des Alleenrings nicht zu umgehen.

Da der Terminplan der Baumaßnahme damit völlig aus den Fugen gerät, treffen sich die Mitglieder des Kirchheimer Gemeinderats heute um 16 Uhr im großen Sitzungssaal des Rathauses zu einer Sondersitzung, an der sich neben Vetretern des City Rings auch mehrere ausgewiesene Experten des Landesdenkmalamtes und des Historischen Instituts der Eberhard-Karls-Universität beteiligen. Zuvor wird Museumsleiter Rainer Laskowski von einer bis dahin noch einzurichtenden Leichtmetallbrücke aus den Gremiumsmitgliedern einen ersten Überblick über die Fundstelle und deren vermutete Dimension ermöglichen.

Der wegen der schwierigen Ber-gungsarbeiten vermutlich bis Ende Juni währende Baustopp hat dabei auch positive Folgen. Die durch die überraschend zu "Sackgassen" gewordenen Straßenbereiche vom Alten Teckboten beziehungsweise von der Ulrichskirche bis zur Großbaustelle, sollen während der Vollsperrung im Kreuzungsbereich durch diagonal angebrachte variable Fahrbahnmarkierungen als stadtnahe Ersatzparkplätze zur Verfügung stehen.

Auf der Sondersitzung soll den Gremiumsmitgliedern auch das weitere Vorgehen aufgezeigt werden. Nach der Bergung der Grabstelle ist daran gedacht, Besuchern der Stadt ausgewählte Fundstücke in Glasvitrinen in einer Dauerausstellung in der Unterführung am Bahnhof zu präsentieren. Das Königsgrab selbst soll auf dem Bahnhofsvorplatz rekons-truiert, mit einer gläsernen Pyramide geschützt und museumspädagogisch betreut werden.

Reinhard Kungel in Kirchheim und Owen vor allem bekannt durch seinen im Rahmen der SDR-Landesprogramm-Sendereihe "Landesgeschichte" ausgestrahlten Film "König für einen Tag" hat bereits Kontakt mit der Stadtverwaltung aufgenommen und großes Interesse am "Kirchheimer König" signalisiert, dessen Bergung er für die SDR-Geschichtsreihe dokumentieren will.