Lokales

"Allen Puderzucker weggeschlagen"

KIRCHHEIM Ein musikalisch-literarisches "Crossover" der ganz eigenen Art präsentierte die Gruppe "Vincent" in der Kirchheimer Martinskirche.

Anzeige

FLORIAN STEGMAIER

Gitarrist Paul Vincent Gunia international gefragter Studiomusiker, Preisträger des Deutschen Fernsehpreises und Komponist zahlloser Musiktitel für Kino und Fernsehen hat sich Ludwig Thomas bayrischer Weihnachtsgeschichte "Heilige Nacht" angenommen, dabei wie er es selber formuliert "allen Puderzucker, der sich im Lauf der Jahre darauf angehäuft hatte, weggeschlagen" und in ein originelles und zeitgemäßes Gewand gesteckt.

Der deutlich zum Ausdruck kommende sozialkritische Tenor, den Thoma in seiner freien Adaption der vom Evangelisten Lukas überlieferten Weihnachtsgeschichte anschlägt, trat somit deutlich zu tage, zumal der Fingerzeig auf gesellschaftliche Ungleichgewichte nichts an Aktualität eingebüßt hat.

Rezitiert wurden Thomas einfache, sich volksnah gebende und dennoch kunstvoll gesetzten Verse von Paul Vincents Frau Mono, die als Sängerin an der Bayerischen Staatsoper tätig ist und zudem auf eine langjährige schauspielerische Praxis zurückblicken kann.

In einer etwas verkürzten und idiomatisch für den ganzen deutschen Sprachraum verständlichen Fassung las die charismatisch auftretende Künstlerin Thomas Weihnachtslegende, die der Dichter in seine eigene verschneite Heimat verlegt hatte, im Wechselspiel mit Vincents Vertonungen der dazugehörigen Liedtexte.

Schon die musikalische Umsetzung des altehrwürdigen Liedsatzes "Maria durch ein Dornwald ging" zeigte, dass Vincent mit seiner Neuinterpretation geschmackvoll und innovativ zugleich zu Werke ging. Gemeinsam mit seinem musikalischen Mitstreiter Stephan Wißnet am Bass fing er mit einfachen, aber effektvollen, immer wieder dezent folkig-anklingenden Mitteln die zwischen tiefster Verlassenheit, aber auch stiller Würde pendelnde Stimmung dieses traditionellen Liedes ein.

Aus seiner Liebe zum Blues hat Vincent nie einen Hehl gemacht. Der langjährige musikalische Weggefährte des verstorbenen Wolle Kriwanek schätzt am Blues dessen Authentizität, dessen Fähigkeit, die Essenz eines harten Lebens hörbar zu machen. Und so geriet gerade das "Lied von den reichen Leut" folgerichtig zu einer erdig-rauen Bluesnummer, in der Vincent seiner musikalischen Passion hemmungslos frönen konnte.

Bemerkenswert an Vincents Fassung der "Heiligen Nacht" von Ludwig Thoma ist neben dem geschmackvollen Vermeiden jeglichen Kitsches vor allem die Art und Weise, wie Geistliches und Weltliches ganz natürlich ineinander fließen, und das in einer modernen, zugleich zeitlosen Musiksprache.

Beleg dafür ist nicht nur die große Publikumsresonanz, sondern insbesondere die erfreuliche Tatsache, dass sich zu diesem Konzert in der Martinskirche auch eine generationsübergreifende Hörerschaft eingefunden hatte.