Lokales

Alles okay beim Gang aufs WC?

Die Stadt kommen sie teuer, der Bürger liebt sie nicht: öffentliche Toiletten. Wer kann, vermeidet ihren Besuch. Um den Bedürfnissen von Gästen und Kunden entgegenzukommen, kooperieren immer mehr Städte mit dem örtlichen Handel und bieten gemeinsam sogenannte "Nette Toiletten" an. Auch in Kirchheim startet jetzt ein Testlauf.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Seit über einem Jahr geistert die Idee einer "Netten Toilette" durch die Ratssitzungen, angeschoben durch die Frauenliste und weiterverfolgt von CIK-Stadtrat Schuler, der jetzt vom "WC-OK" sprach. Es geht um zwei Aspekte: Zum einen soll Bürgern und Gästen der Gang zur Toilette erleichtert beziehungsweise überhaupt ermöglicht werden. Zum anderen will die Stadt sparen. Schließlich schlagen die Unterhaltungskosten für die vier Toilettenanlagen an Krautmarkt, Rossmarkt, Gaiserplatz und im Rathaus mit fast 58 000 Euro jährlich zu Buche. Täglich werden sie gereinigt, trotzdem präsentieren sie sich nicht gerade in appetitlichem Zustand.

Hinzu kommt, dass zum Besuch einsamer Toilettenanlagen zumindest zu nächtlicher Stunde eine Portion Mut gehört. Da dies wohl auch am neuen Schweinemarkt nicht anders werden wird, liebäugeln die Räte schon seit geraumer Zeit mit dem Gedanken, dort auf die Einrichtung öffentlicher Toiletten ganz zu verzichten.

Über 20 Einzelhändler und Gastronomen in Kirchheim haben sich nach Auskunft der Verwaltung mittlerweile bereit erklärt, ihre Toiletten nicht nur ihren Gästen und Kunden, sondern auch Passanten zur Verfügung zu stellen. Einige von ihnen sind Kummer gewöhnt, denn schon jetzt bittet manch einer in größter Not darum, mal eben die Toilette benutzen zu dürfen oder sucht das stille Örtchen einfach auf. Ein Logo, das künftig an der Tür kleben wird, macht das Ganze ein wenig offizieller. Für den zusätzlichen Aufwand an Reinigung und Überwachung sollen die Wirte und Händler eine Pauschale erhalten.

In der jüngsten Gemeinderatssitzung sprach sich Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker für einen einjährigen Probelauf aus. Dagegen hatte niemand etwas einzuwenden. Als strittig entpuppte sich eine andere Frage: Inwieweit sind die öffentlichen Anlagen bei Einführung des "WC-OK"-Systems verzichtbar?

SPD-Vertreter Andreas Kenner sah die Stadt grundsätzlich aufgewertet, wenn nun Touristen offiziell die Toiletten der Gaststätten benutzen dürften. Den Verzicht auf öffentliche Toiletten bewertete er jedoch kritisch. Speziell am Gaiserplatz und am Rossmarkt sollten die Toiletten offenbleiben. Auch Tagestouristen, die nach längerer Fahrt in der Tiefgarage am Schweinemarkt landeten, erwarteten bei ihrer Ankunft im neuen Gebäude eine Toilette. Kenner spann den Faden weiter: Der neuen Tiefgarage wolle man doch nicht gleich Uringestank zumuten.CIK-Stadtrat Wolfgang Schuler zeigte sich überzeugt davon, dass das "WC-OK"-System in Kirchheim funktionieren werde. Allein durch den Verzicht auf die Schweinemarkt-Toilette könnten nach seiner Rechnung über 60 000 Euro gespart werden. "Da sage ich 'nein' zu diesem Bauvorhaben", freute sich Schuler über die Sparmaßnahme. Am Gaiserplatz hingegen gehe es um mehr als eine Toilette. 40 bis 50 Menschen hielten sich dort, südlich der Innenstadt, zeitweise auf. Daher plädierte Schuler dafür, die dortige Toilette wenigstens tagsüber offenzulassen.

CDU-Vertreterin Melanie Kübler befürwortete einen einjährigen Probebetrieb, sofern genügend Kooperationspartner teilnähmen. Die CDU sei gegen eine Realisierung der Toilettenanlage Schweinemarkt, da selbige am geplanten Standort Richtung Alleenring nicht funktionieren werde.

Michael Holz von der Grünen Alternative sprach sich dafür aus, die Toilette am Krautmarkt sogleich vollständig stillzulegen und dann schrittweise vorzugehen mit weiteren Schließungen. Die Anlagen am Gaiserplatz und am Rossmarkt müssten offenbleiben, wobei erstere vom dortigen Kiosk betrieben werden sollte. Wolfgang Schuler wiederum plädierte dafür, sowohl am Krautmarkt als auch am Rossmarkt jeweils die Behindertentoiletten offenzulassen.

Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker verwies kopfschüttelnd auf die ursprünglich erhoffte Einsparung: "Die nette Toilette wird uns mindestens 10 000 Euro kosten", erinnerte sie an die Entschädigungssummen für Gastronomen und Händler. Vor diesem Hintergrund wunderte sie sich über das Ansinnen der Gemeinderäte, nun zusätzlich öffentliche Toiletten doch offenzulassen.

Dr. Silvia Oberhauser, die den Gedanken einer "Netten Toilette" bei den Haushaltsberatungen im November 2004 aufgebracht hatte, erinnerte ebenfalls an das ursprüngliche Ziel: Qualitätsverbesserung bei gleichzeitiger Einsparmöglichkeit. "Jetzt schaffen wir ein Zusatzangebot", warnte sie und stellte klar: "Wenn wir die ,Nette Toilette' wollen, müssen wir anderweitig streichen." Die Realisierung der Schweinemarkt-Toilette hielt auch sie für problematisch angesichts ihrer abgeschiedenen Lage. Dass es deshalb zu "wildem Pinkeln" komme, sah sie nicht als zwangsläufige Folge bei Streichung des WCs. Dieses sei generell eine Frage der Erziehung.

Die anschließende Abstimmungsrunde brachte folgende Ergebnisse: Mit Gastronomen und Händlern werden Verhandlungen über eine Nutzungsentschädigung geführt, so dass ein einjähriger Probelauf mit Erfahrungsbericht möglich ist. Am Rossmarkt bleibt nur das Behinderten-WC geöffnet, am Krautmarkt wird die gesamte Anlage geschlossen. Behindertengerechte Toiletten werden außerdem im umgebauten Vogthaus und im Backhaus zur Verfügung stehen. Am Gaiserplatz bleiben die Toiletten offen, wenn der Kioskbetreiber sich dort einbringt. Die WC-Anlage am Schweinemarkt soll vorläufig nicht realisiert werden. Angekündigt sind Verhandlungen über die Höhe der Abstandszahlung mit der zuständigen Immobilienfirma.