Lokales

Allmählich werden die "Fußgänger" flügge . . .

KIRCHHEIM Gewaltige Cumulus-Gebirge drohen ringsum am Horizont. Nur über dem Kirchheimer Segelfluggelände ist der Himmel noch offen das berühmte "blaue Hahnweidloch", wie es die Segelflieger nennen.

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"Seil straff." Der doppelsitzige Twin Astir, das Schulsegelflugzeug

RICHARD UMSTADT

der Wolf-Hirth-Flieger, schießt nach vorne, hebt sanft ab und steigt wie von Geisterhand gezogen leise zischend in die Lüfte. In etwa 400 Metern Höhe klinkt das Seil hörbar mit einem Ruck automatisch aus und Flugschüler Christian Nothdurft, 17, leitet mit Steuerknüppel und Pedal eine Linkskurve ein. Der so genannte Querabflug führt weg vom Platz über die Bürgerseen. Fluglehrer Michael Weingart verfolgt im Cockpit vom hinteren Sitz aus die Aktionen seines Zöglings. Ein Vollkreis, dann befindet sich der Twin Astir auch schon über dem Talwald im Gegenanflug.

Rund 25 Starts und Landungen stehen bei Christian Nothdurft, Franziska Baur, Simon Blum und Nicolas Zuber inzwischen in ihren Flugbüchern. Alle vier sind glückliche Gewinner der Aktion "Von 0 auf 100", die parallel zum Segelflug-Grand-Prix auf der Hahnweide läuft, initiiert und veranstaltet von der Fliegergruppe Wolf Hirth für flugbegeisterte "Fußgänger". Auch Hans Joachim Filipp, 54, aus Hepsisau wäre gerne dabei gewesen, hätte der Fliegerarzt sein "Ja-Wort" gegeben. Stattdessen stellte der Mediziner fest, dass Hans Joachim Filipp auf dem linken Ohr nichts hört. "Das hat mich bisher nie gestört", sagt der Hepsisauer. "Schade das wäre eine gute Möglichkeit gewesen, das Segelfliegen zu lernen. Fliegen hat mich schon immer interessiert." Doch vor die "grenzenlose Freiheit über den Wolken" haben die "Götter" in Berlin bürokratische Hürden gesetzt. Das Medical, zu deutsch, fliegerärztliche Tauglichkeitszeugnis, wird nicht in allen Ländern verlangt und in Europa unterschiedlich gehandhabt.

Inzwischen sind Christian Nothdurft und Michael Weingart mit dem Schuldoppelsitzer gelandet. Der Flugschüler hat den 380 Kilogramm schweren Twin Astir sanft aufs Hauptrad gesetzt und ausrollen lassen. Ausbilder Michael Weingart ist zufrieden. "Christian ist vom Start weg alleine geflogen. Ich musste nicht eingreifen", lobt der Fluglehrer seinen Schüler und erklärt: "Das Problem bei der Landung ist meist das Abfangen in der richtigen Höhe. Das Flugzeug plumpst am Anfang noch zu schnell aufs Rad."

Wenn es über der Hahnweide "pfupfert" und die Thermik es erlaubt, lässt Michael Weingart seine Flugschüler an die Teck fliegen. Dort am Teckhang haben sie genügend Höhe unter den Schwingen, um in weiten Achten den Kurvenflug zu üben. "Die Ruderabstimmung in der Kurve will gelernt sein", legt der Ausbilder auch Wert auf einen sauberen Kurvenflug. Selbst Flüge von einer dreiviertel Stunde waren möglich.

Christian ist erstaunt über seinen "fast täglichen" Lernerfolg. "Ich hätt's mir schwieriger vorgestellt, so ein Segelflugzeug zu kontrollieren und zu steuern." Jedenfalls finden die vier "flüggen Fußgänger" viel Spaß dabei, abzuheben und in die Lüfte zu steigen.

Rasch kommt die Schlechtwetterfront auf die Hahnweide zu, doch Nicolas hat schon den Fallschirm angelegt. "Ein Flug ist noch drin."