Lokales

„Als Blinder ist man immer auf fremde Hilfe angewiesen“

So aktiv wie nie zuvor: Die Ortsgruppe des Blinden- und Sehbehindertenverbandes besteht seit 85 Jahren

Die Ortsgruppe des Blinden- und Sehbehindertenverbands Ost-Baden-Württemberg feierte dieser Tage im Fickerstift in Kirchheim ihr 85-jähriges Bestehen. Seit 1981 leitet Ella Knapp die Ortsgruppe. Die 66-jährige Beurenerin hat in ihrem Verband eine zweite Familie gefunden.

Anzeige

PHILIP SANDROCK

Kirchheim. Es ist faszinierend, Ella Knapp beim Schreiben zuzusehen. Sie spannt ein Stück Papier oder eine spezielle Kunststofffolie in eine kleine Metallvorrichtung und drückt dann mit einem Griffel die Buchstaben in Blindenschrift in die Unterlage. „Ich hab mir das mit 30 selbst beigebracht“, sagt sie „wenn man zwei kleine Kinder und noch Landwirtschaft hat, dann hat man keine Zeit, irgendwelche Schreibkurse zu besuchen“. Fast könnte man meinen, man spreche nicht mit einer 66-Jährigen, die seit Geburt schwer sehbehindert und seit ihrem 50. Geburtstag völlig erblindet ist. „Seit dem Tod meines Mannes ist der Verband für mich zu einer zweiten Familie geworden“, sagt sie.

Die kostenlosen Beratungstermine in Nürtingen und Kirchheim, die sie anbietet, sind dabei nur ein Aspekt ihres Engagements. Bei den Sprechstunden, die im Nürtinger Bürgertreff und im Kirchheimer Vogthaus stattfinden, können sich Betroffene über soziale Leistungen und Hilfsmittel informieren. Außerdem organisiert Knapp Ausflüge ihrer Ortsgruppe und bespricht täglich eine Telefonansage, mit der sich Blinde und Sehbehinderte über die Neuigkeiten der Gruppe informieren können. In Zusammenarbeit mit dem Teckboten und der Nürtinger Zeitung bietet der Verband auch Hörversionen beider Zeitungen an, die telefonisch angehört werden können. Eine Teckboten-Weihnachtsaktion machte vor ein paar Jahren die Fortführung dieser liebgewonnenen und wichtigen Tradition möglich. Gesprochen werden die Hörversionen von Regine Reutter und Elvira Pfänder.

Bereits 1909 wurde der Landesverband gegründet. Damit ist er einer der ältesten Sehbehindertenverbände Deutschlands. Den ersten Zusammenschluss von Blinden und Sehbehinderten in der Region gab es 1912 in Reutlingen. Im Jahr 1923 taten sich elf Blinde zur Bezirksgruppe Nürtingen zusammen, die sich bis zum Kriegsausbruch zweimal jährlich traf. Nach dem Krieg habe Willy Wezel aus Nürtingen die Gruppenleitung übernommen, berichtet Knapp. Damals habe die Gruppe sich zwei bis drei Mal im Jahr getroffen.

Von 1977 bis zu ihrer Amtsübernahme vor nunmehr 27 Jahren leitete Uli Henzler aus Großbettlingen die Gruppe. Die Ansprüche seien aber gestiegen, betont Knapp. „Heute trifft sich die Gruppe zwölf bis 14 Mal im Jahr und wir machen Ausflüge und Stadtbesichtigungen.“ Doch Stadtbesichtigungen für Blinde und Sehbehinderte zu organisieren sei gar nicht so einfach, weiß Knapp: „Es muss alles ganz genau erklärt werden.“ Der Stadtführer müsse auch darauf achten, dass er jeweils in die Richtung des Gebäudes rede, von dem er spricht, damit die Zuhörer sich orientieren können. „Man stellt sich das dann vor seinem geistigen Auge vor“, sagt Knapp. Es gebe auch Leute in der Gruppe, die aus der Zeit, in der sie noch sehen konnten, ganz genaue Vorstellungen von verschiedenen Baustilen haben. „Die möchten dann jedes Detail wissen.“

Ebenfalls sehr wichtig bei Ausflügen und Museumsbesuchen sei der Tastsinn: „Wenn ich etwas mit den Händen berühre, kriege ich eine ganz genaue Vorstellung davon, wie es aussieht“, so Knapp. Es sei in Museen oft so, dass die Exponate hinter Glas seien, diese könne man dann entweder gar nicht oder nur auf Nachfrage ertasten.

Am 17. Mai ist eine Ausstellung zu diesem Thema im Ficker-Stift geplant. Am „Tag des Sehens“ werden allerlei Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte gezeigt, die den Menschen das Leben erleichtern können. Das schlimmste an der Blindheit sei, weiß Knapp, dass man immer auf fremde Hilfe angewiesen ist.