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Als der große Weltenbrand erlosch

KIRCHHEIM Ein Gedenkkonzert in der Martinskirche war geplant, den Charakter eines konzertanten Abschieds hat das musikalische Ereignis am vergangenen Sonntag

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GERHARD FINK

"umständehalber" hinzugewonnen. Mit Frank Martins "In Terra pax" glückte dem scheidenden Bezirkskantor Samuel Kummer ein wunderbarer Fingerzeig auf seine neue Wirkungsstätte: Das klingende Mahnmal stimmt mit dem Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche in der Botschaft "Nie wieder Krieg!" vollkommen überein.

Die Entstehungsgeschichte der Komposition des Schweizers Frank Martin mutet fast ein wenig befremdlich an. Da legt sich die Genfer Radiostation eine Auftragskomposition gewissermaßen "auf Lager", um sie am Tage des definitiven Kriegsendes ins erlöste Europa auszustrahlen. Nichts von dieser Künstlichkeit freilich findet sich in der Musik, die Martin auf der Basis dieser "Bestellung" geschaffen hat. Wer solch ein "Gesamtkunstwerk" hervorbringt, der kann kein Beobachter aus gesicherter Distanz sein, sondern erweist sich als Mitleidender, der mit den aus Kriegsnot entkommenen Menschen ein Signal der Hoffnung übermitteln will. Kein freudiges "Te Deum" war angebracht, sondern eine bei aller Ausdrucksmacht im Grunde doch introvertierte Friedensbotschaft erschütternde Bilanz des Geschehenen und zugleich behutsam vorgetragene Verheißung für das gequälte Menschengeschlecht. Martin bekennt freimütig, dass es des von außen erteilten Auftrags bedurfte, um seine Kreativkräfte in diese Richtung zu lenken. Seine Entscheidung, in wesentlichen Punkten das Lager der prinzipientreuen Zwölfton-Fetischisten zu verlassen insbesondere durch Festhalten an der Funktionsharmonik , ist durch den Gedanken, mit diesem Werk möglichst viele Menschen zu erreichen, bekräftigt worden. So haftet "In terra pax" nichts Konstruiertes, nichts Kalkuliertes an. Das in erlösende Harmonien eingefasste "Vaterunser" zum Schluss des dritten Teiles darf als Beleg dafür gelten, welch hohen Rang Frank Martin der emotionale Überzeugungskraft und Fassbarkeit seiner Musik einräumte. Die Textauswahl hat der Komponist selber vorgenommen ausschließlich Worte der Heiligen Schrift erschienen ihm würdig, diesem Schicksalstag gebührenden Ausdruck zu verleihen.

Dass Samuel Kummer gerade dieses viel zu selten aufgeführte Werk besonders am Herzen liegt, es war in jedem Augenblick der Aufführung zu spüren. Nur aus einer tiefen Vertrautheit mit der Partitur heraus kann man so souverän dirigieren. Nicht nur die rhythmische Disposition war zu jeder Zeit klar und unmissverständlich, Kummer gelang auch der Balanceakt, die eher meditative Grundströmung im Instrumentalen beizubehalten, andererseits die Ausdrucksgewalt der Texte, die Leidenschaftlichkeit der durch die Sänger vorgetragenen Klage nicht zu schmälern.

Dem Chor der Martinskirche stellte sich das Problem, dass eine ohnehin schon kleine Besetzung meist in zwei Gruppen aufzuteilen war. Dank intensiver Probenarbeit und großem sängerischem Engagement gelang es letztlich überzeugend, die fehlende Stimmgewalt zu kompensieren. Bis hin zum hymnisch vorgetragenen "Vaterunser" wuchsen die Choristen immer mehr in ihre anspruchsvolle Aufgabe hinein und gewannen entscheidenden Anteil am Gelingen der Aufführung.

Mit der Arcademia Sinfonica konnte Kummer sich auf ein glänzend disponiertes Orchester stützen, das den Eindruck vermittelte, dieser Frank Martin gehöre zu seinen Repertoire-Standards: Perfekt in der dynamischen Einbindung der Blechbläser, die in vielen Teilen des Werkes dem Klangbild ein dunkel getöntes Gepräge verleihen, ohne jemals unangemessen aufzutrumpfen, mit großer Ausdruckspalette in den Streichern, die der berückenden Verkündigung der Ankunft Christi zu Beginn des dritten Teils mit warmer Expressivität, dem Tag des Zorns zu Beginn des Werkes dagegen mit schneidender Schärfe zu eindringlicher Wirkung verhalfen.

Ein "Pfund", mit dem sich musikalisch "wuchern" ließ, war das fabelhafte Solistenquintett, das dem Werk in jeder Hinsicht gerecht werden konnte. Protagonisten für die "Herztöne" sind bei Frank Martin die Stimmlagen Bariton und Alt. Bei aller Eindringlichkeit stets kultiviert und unforciert gestaltete David Pichlmaier die Vision der vier apokalyptischen Reiter, wobei er sich mühelos auch gegen den entfachten Orchesteraufruhr behauptete. Der Altistin Kathrin Koch waren die Visionen Jesajas zu Beginn des dritten Teiles anvertraut, die das Kommen und Leiden des Messias vorwegnehmen. Anteilnahme ohne Sentimentalität, perfekte Deklamation, alles eingebettet in den warmer Wohllaut einer dunkel-samtigen Stimme eindrücklicher lässt sich dieser Part wohl kaum gestalten. Vom Umfang der sängerischen Aufgabe etwas weniger gefordert, in der Perfektion der Ausführung den bisher genannten Solisten aber nicht nachstehend, gestalteten die Sopranistin Silke Schwarz, der Tenor Andreas Weller und der Bassist Ulrich Maier ihre Soli und die Ensembles auf bestem Niveau.

Bei allem Respekt vor den musikalischen Bezügen, die Frank Martin mit dem Thomaskantor verbinden die Kantate "Gloria in excelsis Deo" von 1742, mit der das Konzert eingeleitet wurde, repräsentiert eine andere Welt. Nicht unbedingt eine friedlichere, wie wir wissen, aber eine mit einer intakten Weltordnung, die mit strahlendem Gotteslob, mit einer freudig erregten Weihnachtsbotschaft, mit aus festlichem Anlass dargebotener virtuoser Gesangskunst in schönsten Einklang zu bringen war. Samuel Kummer gab der Arcademia die Gelegenheit, ihre Stilsicherheit trotz vergleichsweise großer Besetzung auch in Sachen Bach-Interpretation unter Beweis zu stellen. Gegenüber dem Chor ergaben sich aber insbesondere im festlichen Finale doch einige Balanceprobleme zu vorsichtig agierten die Choristen, eine Spur zu offensiv die strahlenden Trompeten. Umso herrlicher geriet das zentrale Duett Sopran-Tenor, das Silke Schwarz und Andreas Weller dank prächtiger Stimmmittel und perfekter Gesangstechnik zu einem herzerwärmenden Höhepunkt des Konzerts werden ließen.

Langanhaltender Beifall sicher nicht nur für dieses eine denkwürdige Konzert verbunden mit vielen, vielen guten Wünschen, die Samuel Kummer und seine Familie nach Dresden begleiten sollen.