Lokales

Als die Kelter den Neckar herabschwamm

Geheimnisvolle Löcher verraten die Herkunft des Nadelholzes fürs Dachgestühl der Bissinger Kelter

Bissingen. Die alten Balken des Dachgestühls der Bissinger Kelter bergen so manches Geheimnis. Was etwa bedeuten diese merkwürdigen dreieckförmigen Durchbohrungen und wer brachte sie an? Zimmerleute und Architekten wie Jochen Stüber, der die Generalsanierung der Kelter leitete, kennen des Rätsels Lösung. Es handelt sich um sogenannte

richard umstadt

„Wiedlöcher“, auch „Floßaugen“ genannt. Damit erzählen diese Durchbohrungen in den Nadelholzbalken eine ganz eigene, spannende Geschichte. Und die beginnt, wie der aus Weilheim stammende Bauforscher und Mittelalterarchäologe Tilmann Marstaller recherchierte, vor rund 600 Jahren im Schwarzwald, dem Reich der dunklen Tannenwälder. 1431/32 wurde die Flößerei auf dem oberen Neckar von Horb nach Rottenburg erstmals erwähnt. Und 25 Jahre später findet sich in den Urkunden eine vertragliche Regelung zwischen Österreich, Württemberg und der Reichsstadt Esslingen über den freien Floßhandel ab Sulz. Wegen der im mittleren Neckarraum offenbar noch weit ins 15. Jahrhundert hinein ausreichenden Vorräte an Eichenholz, hatte der Vertrag von 1458 noch keine wesentlichen Auswirkungen auf das Baugewerbe. Dies konnten Bauforscher an alten Esslinger Patrizierhäusern ablesen. Im dritten Viertel des 15. Jahrhunderts kam die Flößerei sogar vollständig zum Erliegen. Das änderte sich jedoch schlagartig, als Graf Eberhard im Barte in Tübingen die Universität bauen ließ. Das führte am 27. August 1476 zur Erneuerung des alten Flößereivertrages – drei Monate bevor der päpstliche Segen zur Gründung der Universität erteilt wurde, wie Tilmann Marstaller herausfand.

Also rauschten wieder mächtige Nadelholzflöße, teilweise mit einer Länge von bis zu 300 Metern, den Neckar hinab. Es ist für heutige Verhältnisse unvorstellbar, wenn man bedenkt, dass sich ein solches Mons­trum aus bis zu 220 Stämmen und 15 Segmenten, „Gestöre“ genannt, zusammensetzte und von nur drei bis vier Mann gesteuert wurde. Kein Wunder bildete sich um diese Männer so manche Legende.

Um die Stämme zusammenzuhalten, benutzten die Flößer „Wieden“. Das hat nichts mit Weiden zu tun, wie man irrtümlicherweise annehmen könnte. „Wieden“ wurden aus jungen, drei bis vier Meter langen Laub- oder Nadelholzbäumchen gefertigt, die im sogenannten „Bähofen“ erhitzt und im „Wiedstock“ aufgedreht wurden. Dadurch rissen die Fasern auf, die dann ins Wasser gelegt wurden, um sie geschmeidig zu halten. Diese „Wieden“ zogen die Flößer durch die über Eck geführten Bohrlöcher.

Nicht nur in Tübingen wurde zu jener Zeit Bauholz benötigt, da die Brennholzgier des Herzogs den Albtrauf kahl aussehen ließ. In den Schlössern zu Stuttgart, Urach und Kirchheim wurde Lindach, Lauter und Erms hinabgeflößtes Buchenholz verheizt. Selbst die Albhochfläche blieb nicht von den Holzfällern verschont. 1774 hieß es, die Waldungen seien „durch das bisherige allzu starckhe Flözen fast gänzlich erhauen und lichte gemacht worden“. Nadelholz war in der weiteren Umgebung Kirchheims Mangelware und für die Abmessungen der Gebäude sowie in der geforderten Menge nicht mehr vorhanden.

Das Bauholz für die Gebäude der Könige, Fürsten und Kirchen wurde im Schwarzwald geschlagen und auf dem Neckar an die jeweiligen Anlandestellen wie etwa Tübingen, Neckartenzlingen, Nürtingen und Wend­lingen gebracht. Davon zeugen in zahlreichen Gebäuden des mittleren Neckarraums Spuren an den Bauhölzern, dass diese einst in Langholzflößen eingebunden waren. So finden sich „Wied­löcher“ nicht nur im Dachgestühl der Bissinger Kelter. Auch in den Balken der Mari­enkirche und im „Ochsen“ lassen sich Floßaugen entdecken. Bereits 1492 wurde das Dachgestühl der Weilheimer Peterskirche aus zum Teil 18 Meter langen Balken errichtet, die aus dem Schwarzwald kamen. Wiedlöcher sind auch im 1542 gebauten Kirchheimer Schloss zu finden. Überhaupt, überall im Dachgebälk der Kirchheimer Innenstadt, denn nach dem großen Brand von 1690 war der Bauholzbedarf für die neu zu errichtenden Fachwerkhäuser immens. Die mächtigen Stämme, die zuvor in harter Arbeit den Neckar heruntergeflößt worden waren, wurden in der Kirchheimer Sägemühle geviertelt, bevor die Zimmerleute sie verbauten. Laut einer dendrochronologischen Untersuchung von Tilmann Marstaller wurde die Wellinger Zehntscheuer 1797, im selben Jahr wie die Bissinger Kelter, gebaut. Das Besondere daran: der Bauforscher entdeckte dort Balken mit einer Länge von 24 Metern. „Das ist die Obergrenze dessen, was auf dem Neckar überhaupt geflößt werden konnte.“ Auch im Teckstädtchen Owen wurde noch bis ins 18. Jahrhundert Nadelholz verbaut.

Mit Langholzflößen wurden riesige Mengen von Holz verschifft. Der Dichter Wilhelm Hauff schrieb 1827: „Sie handeln mit ihrem Wald; sie fällen und behauen ihre Tannen, flößen sie durch die Nagold in den Neckar und von dem oberen Neckar den Rhein hinab, bis weit hinein nach Holland, und am Meer kennt man die Schwarzwälder und ihre langen Flöße; sie halten an jeder Stadt, die am Strom liegt an, und erwarten stolz, ob man ihnen Balken und Bretter abkaufen werde; ihre stärksten und längsten Balken aber verhandeln sie um schweres Geld an die holländischen Mynheers, welche Schiffe daraus bau­en.“ Darüber fabulierte er die Geschichte vom „Holländer Michel“, dessen Name noch heute ein Begriff ist.

Fast ein halbes Jahrtausend lang – vom 15. bis in unser Jahrhundert – war die Flößerei im Schwarzwald ein lohnendes Gewerbe. Sein wertvolles Holz und jene unerschrockenen Män­ner, die auf ihren Flößen bis ins Mündungsdelta des Rheins hinunterreisten, hatten im 18. Jahrhundert den Ruf dieses Waldes europaweit begründet.

Es war die Zeit, in der das königliche Kameralamt den Bau der Bissinger Kelter „oben im Dorf, auf der Braike“ errichten ließ.

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