Lokales

Als Franziska mit Abt Ignaz um Geld spielteQuellen und Literatur:

Eine fast vergessene badisch-württembergische Episode im einstigen Oberamt Kirchheim

Kirchheim. Im langsam zu Ende gehenden Gedächtnisjahr zu Ehren der Herzogin Franziska von Würt­temberg, weiland Reichsgräfin von

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Karl-Georg Sindele

Hohenheim, sei es gestattet, eine bislang kaum beachtete Begebenheit im Oberamt Kirchheim in Erinnerung zu rufen. Kein Geringerer als Seine Gnaden, der hochwürdigste Abt des Klosters Sankt Peter auf dem Schwarzwald, schrieb 1796 in sein Tagebuch: „28. April speisete ich bei der verwittibten Frau Herzogin Franziska in Kirchheim, nach Tisch ward bis abends ½ 8 Uhr gespielt. So unerfahren und fremd ich im Spiel bin, musste ich doch teilnehmen und gewann 1 paar fl. [Gulden].“

Bereits zwei Tage vor diesem damals üblichen Spielabend hatte Abt Ignaz Speckle der Herzogin nachmittags im Schloss seine Aufwartung gemacht. Wie es die Höflichkeit unter hochrangigen Gästen damals mit sich brachte, erwiderte Franziska am 29. April die Visite des geistlichen Würdenträgers. Schon um 9.30 Uhr war der Kammerherr von Böhnen in der klostereigenen Absteige des Abtes zu Bissingen an der Teck erschienen und sagte den Besuch der Herzogin samt ihrem – sicher nicht ganz vollzähligen – Hofstaat an.

Pünktlich um 10 Uhr traf die kleine Karawane per Kutschen via Nabern in der Seegemeinde am Fuße der Teck ein. Angeboten wurden warme Milchschalen, Kaffee und einige Douceurs (Süßigkeiten). Befriedigt vermerkte der Gastgeber in seinem Diarium: „I D [Ihre Durchlaucht] waren sehr gnädig und herablassend, besahen das ganze Haus, sogar Kuchel und Gesindestuben, das Gärtchen, die Kapelle, und reisete nach einem Aufenthalt von 2 Stunden wieder zurück.“

Nachdem sich Abt Speckle am Sonntag, 8. Mai, im Schloss von der Herzogin verabschiedet hatte und sich anderntags auf den damals weiten Heimweg in den Südschwarzwald machte, begegnete ihm die verwitwete Hocharistokratin nochmals zufällig in Neckartailfingen, bat ihn in ihren Wagen und fuhr mit ihm „bis nach Höslach zum Relais“, also wohl bis zur Ruhepause und zum eventuellen Pferdewechsel in Walddorfhäslach. Ein weiterer Beweis wohl, dass sich der linientreue badische Katholik und die ehedem katholisch verheiratete, fromme Protestantin aus Württemberg gut verstanden haben und leiden konnten, ja schätzten; aber vielleicht auch ein kleiner Hinweis, wie sehr sich die von ihren hohen Verwandten geschmähte Herzogin seit dem Tode ihres Mannes Carl Eugen im Oktober 1793 in eine gewisse Bedeutungslosigkeit und Einsamkeit versetzt fühlte und letztlich froh war über jeden honorigen Kontakt außerhalb ihres engeren Verwandtenkreises. Schade nur, dass Franziska ihre Tagebucheintragun­gen schon am 11. Februar 1795, wenige Tage nach ihrem Einzug ins Kirchheimer Schloss, definitiv eingestellt hatte.

Manche werden sich fragen, was diesen Benediktiner-Abt aus dem fernen Breisgau in das Kirchheimer Schloss und in die hiesige Gegend führte. Es ist seit Langem ein bekann­tes Faktum, dass das Kloster Sankt Peter seine Anfänge schon vor 1073 in Weilheim aufzuweisen hatte. Nachdem der Zähringer-Herzog Bert­hold II. zwei Jahrzehnte später sein Hauskloster in sein neues südbadisches Herrschaftszentrum verlegt hatte, blieben aber ein ansehnlicher bewirtschafteter Besitz und Klosterrechte noch gut 700 Jahre im Raum um Teck und Limburg erhalten. Mittelpunkt der örtlichen Verwaltung waren zunächst bis 1453 ein Pfleghof in Jesingen und dann bis zur Säkularisation des Klosters im Jahre 1806 in Bissingen.

Der hier seit Oktober 1789 agierende Chefverwalter, der „Pater Pfleger“ des Klosters Sankt Peter, reiste am 16. November 1795 aus Bissingen in den Schwarzwald ab, um an der Wahl eines neuen Abtes teilzunehmen. Er kehrte aber nicht mehr in sein Amt zurück. Dieser 41-jährige Pater namens Ignaz Speckle wurde bereits am 23. November von den 21 Kapitelangehörigen zum Vorsteher der traditionsreichen Reichsabtei vor den Toren Freiburgs gewählt. Mit seiner Wahl hatte Speckle nicht gerechnet, meinte er doch: „ich war so gleichgültig dabei, dass ich meine Sachen in Bissingen nicht richtig rangierte.“

Mehr als verständlich, dass der neu gewählte Abt, der also Bissingen so schnell und fast unvorbereitet verlassen hatte, nicht sang- und klanglos von seinem bisherigen Wirkungskreis scheiden wollte. Immerhin hatte er gute sechs Jahre im Oberamt Kirchheim gewirkt; Jahre, in denen er mit vielen weltlichen Honoratioren, den protestantischen Pfarrern von Weilheim, Bissingen und Nabern sowie vielen dienstbaren Geistern wie Kastenknechten, Hühnervögten und Unterpflegern zu tun hatte. Manch wichtige Würdenträger wie den Chef des Oberamts, Oberamtmann Lempp, oder die verwitwete Herzogin Franziska sah er in dieser Zeit ihr Domizil in Kirchheim nehmen und pflegte Kontakte zu ihnen.

Ignaz Speckle war wohl als Pfleger nicht nur ein umgänglicher und tatkräftiger Mensch, der aus der Bissinger, Naberner und Weilheimer Markung die Naturalabgaben an den Bissinger Pfleghof (heute Gasthof Ochsen) sowie an die Naberner Zehnt­scheuer überwachte und den nicht unwesentlichen Gelderlös nach Sankt Peter übermittelte. Als Verbindungsmann zum Mutterkloster muss­te man mit seinem Einfluss rechnen, wenn gegebenenfalls die Pfarrstellen in den drei oben genannten Gemeinden zu besetzen waren. Denn auch nach der Reformation konnte hier aufgrund des seit alters bestehenden klösterlichen Patronatsrechts kein protestantischer Pfarrer ohne Einverständnis des katholischen Benediktiner-Abtes vom württembergischen landeskirchlichen Konsistorium bestellt werden. Ebenso oblag der Schwarzwald-Abtei die bauseitige Betreuung der drei Pfarrhäuser in Bissingen, Nabern und Weilheim.

Mit dieser Vorgeschichte verwundert es nicht, dass der zum Abt avancierte Pater Speckle damit auch als Repräsentant der vorderösterreichischen Landstände zu Freiburg bei seiner Visite im Oberamt Kirchheim offene Türen vorfand und selbst ein angenehmer Gastgeber mit gesellschaftlichen Mittagsmahlen war. In seinem Tagebuch sind besonders hervorgehoben die freundschaftlichen Kontakte mit Frau von Pflug, also der damals im heutigen Kreisparkassen-Areal wohnhaften Schwes­ter der Herzogin Franziska, sowie mit Oberamtmann (Landrat) Lempp, einem früheren Schüler der Hohen Karlsschule und Freund Friedrich Schillers.

Aber auch ein Besuch beim anderen Schillerfreund, dem Kirchheimer Standortkommandanten Hauptmann Scharffenstein, wird erwähnt nebst Begegnungen mit Familie von Biedenfeld, Frau von Stetten, Oberforstmeister von Gaisberg, Freiherr von Palm, den Schultheißen von Bissingen und Nabern, den protestantischen sankt-pet­rischen Pfarrern aus den oben genannten Gemeinden, den katholischen Priestern von Unterboihingen und Pfauhausen sowie mit Dekan Steigentesch aus Neuhausen oder einem Kanonikus (Chorherren) aus Wiesensteig.

Wenige Wochen nach dem Abt-Besuch in Kirchheim reiste Herzogin Franziska wegen eines Franzoseneinfalls im deutschen Südwesten aus Württemberg ab und begab sich nach Wien. Auch das Kloster Sankt Peter samt seiner Freiburger Stadtresidenz Peterhof hatte unter den welschen Invasoren zu leiden. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Im Gefolge der Säkularisation und des von Napoleon diktierten Pressburger Friedens wurde das Kloster Sankt Peter 1806 definitiv aufgehoben, zunächst von württembergischen Truppen besetzt und dann dem badischen Großherzogtum inkorporiert.

Durch einen Staatsvertrag vom 17. Oktober 1806 zwischen Baden und Württemberg wurde eine Bereinigung von Exklaven vorgenommen und der badische – vormals sankt-petrische – Klosterbesitz im Oberamt Kirchheim dem Königreich Württemberg übergeben. Ignaz Speckle blieb in der langen Geschichte des traditionsreichen Klosters dessen 56. und zugleich letzter Abt, verbrachte relativ vereinsamt seinen Lebensabend bis 1813 im alten Klosterkomplex, dann in Freiburg und wurde 1824 in der Abtsgrablege der bis heute existenten früheren Klosterkirche von Sankt Peter bestattet.

Tief enttäuscht und verbittert von der Entwicklung, aber lange auf das Wunder einer Wiederherstellung des alten zähringischen Hausklosters im Badener Land der Zähringer-Nachfahren hoffend, lehnte er auch mögliche Berufungen auf Generalvikars- oder Abtpositionen in Vorarlberg und Tirol sowie die Neuansiedlung des Klosters im habsburgisch-katholischen Österreich ab.

Von späteren Kontakten des kirchlichen und politischen Würdenträgers zu Herzogin Franziska ist nichts bekannt. Auch sie war von der persönlichen und der historischen Entwicklung enttäuscht und lebte – obschon von einem ansehnlichen Hofstaat und einer beachtlichen Bibliothek umgeben – relativ zurückgezogen im Kirchheimer Schloss und sommers meist auf ihrem von der väterlichen Bernerdin-Familie ererbten Hofgut Sindlingen bei Herrenberg. Ihr angeheirateter Neffe Friedrich war 1803 von Napoleons Gnaden zum Kurfürsten und 1806 zum König von Württemberg aufgestiegen, aber mit jeder Rangerhöhung wurde das Repräsentationsgehabe und Prestigedenken des verwandten Regenten größer und gleichzeitig die Achtung vor der Kirchheimer Herzogswitwe geringer und die Beachtung vernachlässigter.

Groß war die Trauer bei Seiner Majestät nicht, als die ungeliebte, immer noch als nicht ebenbürtig angesehene, aus niederem Adel stammende Gemahlin seines Onkels Carl Eugen am 1. Januar 1811 verstarb. König Friedrich schrieb damals an seine Tochter Katharina in ihrer Kasseler Königsresidenz kurze sachliche Wor­te über den Tod, die Todesursache und ihr Testament, um nach dem Brief noch anzufügen: „Wir tragen keine Trauer und ich teile es nur der Familie mit.“ Abweichend von der sonst üblichen Form für das Königshaus erschien auch in den Gedenkblättern des Stuttgarter Kirchenre­gisters keine Würdigung.

Auf Anordnung des Königs wurde die Bestattung auch nicht in einer offiziellen Grablege des Regentenhauses – wie in der von Franziska gewünschten Schloss-Gruft Ludwigsburg an der Seite ihres Mannes – vollzogen, sondern in einem speziell errichteten und dann viele Jahre vergessenen Gewölbe unter dem Chor der Kirchheimer Martinskirche, aber immerhin unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und mit militärischer Ehrenbegleitung.

Engelmann, Ursmar (Bearb.): Das Tagebuch von Ignaz Speckle, Abt von St. Peter im Schwarzwald, Stuttgart, 1965

Katz, Gabriele: Franziska von Hohenheim – Herzogin von Württemberg, Stuttgart 2010

Keller, Manfred, und Hub, Alfred: Bissingen an der Teck, Kirchheim unter Teck 1972

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Osterberg, A. (Hg.): Tagbuch der Gräfin Franziska von Hohenheim späteren Herzogin von Württemberg, Stuttgart 1913, Nachdruck Reutlingen 1981

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