Lokales

"Alte Beziehungen mit strahlender Zukunft"

ANDREAS VOLZ

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RAMBOUILLET Die Partnerschaft zwischen Kirchheim und Rambouillet ist ins Schwabenalter gekommen. Auch in Frankreich ist diese Bedeutung einer Zeitspanne von 40 Jahren bekannt. Zumindest bemühte Rambouillets Bürgermeister Jean-Frédéric Poisson in seiner offiziellen Rede vor dem Rathaus den griechischen Philosophen Aristoteles, der 40 Jahre als das "Alter der Weisheit" bezeichnet haben soll.

Weisheit stand aber bereits ganz am Anfang der Partnerschaft Pate für die Verbindung der beiden Städte. So führte Bürgermeister Poisson aus, was die Idee der Partnerschaft war, die fast auf den Tag genau vor 40 Jahren durch die Unterzeichnung des Verbrüderungseids" am 20. Mai 1967 in Rambouillet ins Leben gerufen wurde: Es ging darum, "durch regelmäßigen Austausch zwischen unseren beiden Städten den Frieden zu stärken, den wir nach dem Verlassen der Schlachtfelder finden wollten".

Dieser Friede sollte solide verankert sein, und das "nicht nur durch Staatsmänner und Verträge, sondern durch Freundschaft zwischen den Familien, beruhend auf persönlichen Beziehungen "von Familie zu Familie, von Stadt zu Stadt". Beiderseitige Kenntnis und der Umgang miteinander seien wichtige Garanten für den Frieden. "Verstärkt durch die europäischen Institutionen, ist der Friede der Städtepartnerschaft zum Frieden eines ganzen Kontinents geworden", führte Jean-Frédéric Poisson am Samstagnachmittag weiter aus, nachdem er dem begeisterten Publikum auf dem Rathausplatz verkündet hatte, dass der VfB Stuttgart Deutscher Fußballmeister geworden war.

Sichtbares Zeichen der zunehmenden "Europäisierung" waren die Flaggen Europas, Frankreichs und Deutschlands, die vor dem Rathaus in trauter Eintracht mit den Flaggen dreier weiterer Staaten wehten, in denen Rambouillet Partnerstädte hat: Großbritannien, Belgien und Spanien. Zum Kreis der Festgäste gehörten deshalb am Wochenende auch der neu gewählte Bürgermeister von Great Yarmouth, Paul Garrod, und Etienne Verdin, Beigeordneter der Stadt Waterloo.

Die besondere Stellung der deutsch-französischen Freundschaft komme auch dadurch zum Ausdruck, dass der neue Präsident der Republik, Nicolas Sarkozy, nur wenige Stunden nach der Amtsübernahme bereits nach Berlin geflogen sei, um Deutschland die Ehre seines ersten Auslandsbesuchs als Staatspräsident zu geben. In dieser Geste sieht Noch-Bürgermeister Poisson, der demnächst als Nachrücker für die zur Ministerin ernannte Abgeordnete Christine Boutin ins Parlament wechseln wird, "ein zusätzliches Zeichen unserer jetzt alten Beziehungen, denen eine strahlende Zukunft bevorsteht".

Was ihn außerdem beeindruckte, war die Abordnung des neuen Kirchheimer Jugendrats: "Dass so viele junge Leute gekommen sind, ist gut für unsere beiden Länder, und das auf lange Zeit hinaus." Der Kirchheimer Jugendrat hat übrigens sofort die gemeinsame Arbeit mit den französischen "Kollegen" aufgenommen und den kommunalpolitischen Nachwuchs Rambouillets beim abschließenden Festbankett dabei unterstützt, die 50-jährige Geschichte der Europäischen Union darzustellen.

Auch Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker erinnerte in ihrer Rede auf dem Rathausplatz von Rambouillet an den Abschluss der Römischen Verträge vor 50 Jahren: "Was als Wirtschaftsunion begann, ist längst zu einem unzerbrechlichen Bündnis der europäischen Integration auf allen Ebenen geworden." Dabei kam sie vor allem auch auf die deutsch-französischen Beziehungen zu sprechen: "50 Jahre nicht nur in Frieden und Freiheit, sondern darüber hinaus in Freundschaft prägen seither das Miteinander dieser beiden großen europäischen Völker."

Der Austausch zwischen Kirchheim und Rambouillet bekräftige, wie tief verwurzelt die Verbindung in allen Bereichen des Lebens ist: "Beginnend mit den Schüleraustauschprogrammen, über die wiederbelebte Verbindung der beiden Jugendräte bis zu den Vereinen, den Kirchen, den Feuerwehren, den Künstlerinnen und Künstlern, den Bürgerinnen und Bürgern im Bürgerbus und den politischen Vertreterinnen und Vertretern der Kommunen auf beiden Seiten. Überall werden Beziehungen aufgebaut und gepflegt, die das Netz unserer Freundschaft immer enger weben und es fester und widerstandsfähiger machen." Alle genannten Gruppen waren am Wochenende in Rambouillet vertreten. Dazu kamen noch geistliche und weltliche Musiker sowie die Tischtennisspieler.

Zusätzlich zu den bereits bestehenden Verbindungen schlug Kirchheims Oberbürgermeisterin vor, dass die Wirtschaftsunternehmen aus Kirchheim und Rambouillet zum Wohle beider kooperieren sollen. Mit einem möglichen Treffen von Wirtschaftsverbänden "könnten wir die Partnerschaft auf eine neue Ebene heben, die die wertvollen, unverzichtbaren menschlichen Kontakte noch vertiefen würde". Angelika Matt-Heidecker nannte ihre Vision, einen Kongress zu den Themen "Stadtentwicklung" und "Erneuerbare Energien" zu veranstalten, an dem auch Vertreter der anderen Partnerstädte teilnehmen sollten. Ein solcher Kongress könne bereits im kommenden Jahr stattfinden, wenn die Feier der 40-jährigen Partnerschaft in Kirchheim ansteht.

Zusätzliche Grußworte sprachen am Samstag die deutsche Botschaftsrätin Barbara Wolf, die die Städtepartnerschaft in einen gesamteuropäischen Kontext eingebettet sah und ihr alles Gute für die nächsten 40 Jahre wünschte, sowie der frühere Bürgermeister Gérard Larcher, der seit kurzem Ex-Minister ist und bald wieder Rambouillets Stadtoberhaupt werden dürfte. Larcher zitierte Goethe, um Vergangenheit und Zukunft der Städtepartnerschaft gedanklich miteinander zu verknüpfen: "Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen."

Genau das taten schließlich die amtierenden Stadtoberhäupter Jean-Frédéric Poisson und Angelika Matt-Heidecker, indem sie das Abkommen erneuerten, das vor 40 Jahren Jacqueline Thome-PatenoÌtre und Franz Kröning unterzeichnet hatten. "Überzeugt davon, dass die Einheit und die Solidarität der Mitglieder der Europäischen Union täglich mehr bejaht werden muss", so heißt es in dem aktuellen Dokument, bestätigen die beiden Rathauschefs "zu Anfang dieses dritten Jahrtausends unser Zugehörigkeitsempfinden zu einer gleichen Gemeinschaft", eben zur Europäischen Union: "Wir trachten danach, sie noch demokratischer, noch einiger, noch brüderlicher zu gestalten."