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"Alte Leute sehe ich jetzt ganz anders an nicht mehr so ungeduldig"

OWEN Jugend trifft Alter zunächst eine Begegnung der unheimlichen Art. Jedenfalls hatte die Jugend, die vier Auszubildenden der

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ANDREAS VOLZ
Owener Firma Elektro Nothwang, einige Tage zu knabbern, bevor die Erlebnisse des ersten "Einsatzes" im Alten- und Pflegeheim verarbeitet waren. "Da war ein Mann, der hat ein paar Mal in der Minute ,Grüß Gott' gesagt", erzählt der 17-jährige Michael Carrle. "Das ist wirklich so: Er vergisst, dass er es gerade erst gesagt hat. Ich kann mir das immer noch nicht richtig vorstellen."


Die Vorstellungen darüber, was normal ist, erweitern sich enorm. So berichtet Simon Joos: "Ich bin auch angespuckt worden, das kommt schon mal vor." Die Erfahrungen im

O:3006F401.EP_Altenheim wirken sich bereits im Alltag des 25-Jährigen aus: "Alte Leute sehe ich jetzt ganz anders an. Wenn jemand langsam die Straße überquert, bin ich nicht mehr so ungeduldig."


Allerdings brauchte es seine Zeit, bis sich die Auszubildenden an die Normalität im Pflegeheim gewöhnt hatten. Am ersten Abend wollten sie eigentlich noch gemeinsam fortgehen, sich über das Erlebte austauschen und ein paar Stichwörter aufschreiben. Aber nach dem Ende der "Schicht" sind sie dann gleich nach Hause gegangen. Nach geselligem Vergnügen war niemandem zumute. "Das war schon hart", erinnert sich Simon Joos, der danach allerdings richtig Feuer gefangen hat: "Beim zweiten Mal wollte ich schon gar nicht mehr heim."


Melanie Fieberling schildert ein grundsätzliches Problem bei der ersten Konfrontation mit bislang unbekannten Krankheiten und Leiden: "Eine Frau mit Alzheimer war noch gar nicht so alt. Die konnte nichts mehr machen, und von dem, was sie mir erzählt hat, habe ich kein Wort verstanden. Wie sollte ich mich da verhalten?" Für ihre drei männlichen Azubi-Kollegen könnte sich diese Frage längerfristig stellen, wenn sie entscheiden müssen, ob sie Zivildienst leisten oder doch lieber zum Bund gehen wollen. "Ob ich das ein Jahr lang packe, weiß ich echt nicht", gibt Michael Carrle ehrlich zu.


Mit der "richtigen" Pflege hatten die vier jungen Leute ja noch gar nichts zu tun. Sie haben die Heimbewohner "nur" gefüttert, Spaziergänge, Spiele oder Gymnastik mit ihnen gemacht. "Wenn der Zivildienst so wäre wie das, dann würde ich es sofort machen", meint Simon Joos, der nach eigener Aussage mit den Senioren im Heim recht viel Spaß hatte. Wenigstens einmal im Monat möchte er in seiner Freizeit auch weiterhin ins Altenheim gehen "zum Helfen". Wie wichtig gerade ehrenamtliches Engagement ist, hat auch die 23-jährige Melanie Fieberling rasch erkannt: "Es ist gut, wenn noch jemand da ist, der nicht nur Pflege macht."


Dass schon "Kleinigkeiten" sehr viel helfen können, war einer der Gründe, warum sich Claudia Nothwang dazu entschlossen hat, das sozialpädagogische Pilotprojekt mit ihren Auszubildenden anzupacken. Ein weiterer Grund war die Vermittlung von Werten, die weit über das rein Geschäftliche hinausgehen. Das Projekt diene der Ausbildungsordnung gemäß "zur Prägung des Charakters der Auszubildenden". Es gehe darum, nicht nur fachlich, sondern auch sozial etwas zu lernen. Dieser Ansatz stieß manchmal auf Begeisterung, manchmal aber auch auf große Skepsis: "Ihr seid doch ein Handwerksbetrieb, was machen eure Leute dann im Altenheim?"


Solche Fragen können Claudia Nothwang allerdings nicht aus dem Konzept bringen. Selbst für den Betrieb lohne sich die Erfahrung, die den Azubis schon jetzt keiner mehr wegnehmen kann: Wenn künftig jemand bei älteren Menschen eine Waschmaschine reparieren muss, bringt er ein wesentlich besseres Verständnis für die Kundschaft mit als je zuvor. Dabei sind Senioren, die die Jugendlichen im Haus Kalixtenberg in Weilheim sowie im Kirchheimer Altenzentrum Sankt Hedwig kennen gelernt haben, nicht der einzige Bereich, den das sozialpädagogische Konzept abdeckt: So geht es noch in eine Werkstätte, in der Menschen mit Behinderungen arbeiten, sowie in einen Kindergarten. Im Kindergarten sind die Owener Azubis dann plötzlich die "Alten", die den Kleinen etwas über ihren Beruf erzählen und sie spielerisch auch auf die Gefahren hinweisen, die mit dem Strom und diversen elektrischen Geräten zusammenhängen.


Das Thema "Jung und Alt" ist ausgesprochen vielseitig, nicht nur beim Pilotprojekt der Firma Nothwang, sondern auch beim Ehrenamtspreis "Starke Helfer" 2004, den der Verlag des Teckboten und die Stiftung Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen ausgeschrieben haben. Die Owener Auszubildenden gehören zu den zehn Anwärtern um den mit 3 100 Euro dotierten ersten Preis. Für die Plätze zwei bis neun gibt es als Anerkennung jeweils 100 Euro.


Zu den Gewinnern zählen die Teilnehmer des sozialpädagogischen Projekts also auf jeden Fall, finanziell genauso wie auf einer Ebene, die nicht mit Geld zu bezahlen ist: Die Azubis nehmen bleibende Eindrücke mit von der Arbeit in sozialen Berufen und vom Leben der Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Claudia Nothwang möchte das Projekt auf jeden Fall weiterführen. Sie hofft, auch andere Ausbildunbgsbetriebe von ihrer Idee überzeugen zu können. Im Zusammenschluss mehrerer kleinerer Betriebe ließe sich dieser zusätzliche Bereich der Berufsausbildung leichter organisieren. "Es ist auch eine Frage der Freistellung", sagt Claudia Nothwang, "die Bereitschaft muss da sein."


Im Zweifelsfall lassen sich dann auch unbürokratische Lösungen finden. Mit der Handwerkskammer habe sie sich beispielsweise schnell geeinigt, als es darum ging, den sozialpädagogischen Ansatz in die Ausbildung zu integrieren. Schließlich ist dieser Ansatz eine deutliche Antwort auf Claudia Nothwangs entscheidende Frage: "Warum soll man nicht was bewegen, wenn es was zu bewegen gibt?"

Blick über den Tellerrand: Neben der eigentlichen Berufsausbildung gehen die Azubis der Owener Firma Elektro Nothwang im Rahmen ihres sozialpädagogischen Projekts mit Bewohnern eines Altenheims spazieren.

Foto: Jean-Luc Jacques