Lokales

Alternativer Grabhügel auf der Landesgartenschau

KIRCHHEIM/HEIDENHEIM Die Kultur eines Volkes wird danach beurteilt, wie es seine Toten bestattet. So zeigt sich die Veränderung der Gesellschaft nicht zuletzt in einem Umbruch der Bestattungskultur. Durch die wachsende Auflösung traditioneller Bindungen und die Mobilität der Menschen wird auf einen Ort der Erinnerung immer weniger Wert gelegt.

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Nachdem im Dezember 1878 in Gotha die erste Leichenverbrennung in einem deutschen Krematorium stattgefunden hat, ist die Feuerbestattung heute weit verbreitet, und anonyme Bestattungen nehmen zu. Zu dieser Entwicklung hat sicherlich auch eine pragmatische Einstellung zum Tod beigetragen. Sichtbar wird das auf Friedhöfen, deren Bild sich verändert. Neben alternativen Angeboten wie See,- Luft- und Waldbestattungen entstehen nicht nur in großen Städten aus Raumnot, Kosten- und Pflegegründen große Urnenwände mit uniformen Steinplatten, die, je nach Friedhofsordnung, wenig oder gar keinen Gestaltungsspielraum zulassen. Für viele befremdlich ist hier auch der fehlende Boden, in dem die Urne bestattet wird. Neben den Verwaltungen sind es nicht zuletzt die Gewerbetreibenden auf dem Friedhof, die die Friedhofskultur beeinflussen.

Vor diesem Hintergrund hat ein Kreis von Gestaltern aus Baden-Württemberg eine Alternative zur Urnenwand entwickelt, die in diesem Jahr auf der Landesgartenschau in Heidenheim gezeigt wird. Für die "Gestalter 21", wie sie sich nennen, war es dabei wichtig, den Hinterbliebenen genug Raum zur individuellen Gestaltung zu geben und gleichzeitig die Möglichkeit, die Urne in der Erde bestatten zu können. Nach längerer Vorbereitungszeit haben sie sich für den Entwurf von Gustav Treulieb aus Stuttgart entschieden und die Idee bis zur Realisation geführt: ein begehbarer Erdhügel, durch dessen Mitte ein sich nach innen weitender Weg führt, der so einen schützenden Raum im Hügel schafft. Der Raum ist eingegrenzt von hohen, aneinander gereihten Stahlplatten, die auf ihrer Rückseite mit Erde angefüllt sind und oben aus dem Hügel heraus in den Himmel ragen. Jede Platte steht für einen Verstorbenen und kann individuell gestaltet werden, die Urnen werden im Erdhügel bestattet.

"Man fühlt sich dort drin wirklich wie in einem geschützten Raum die Umweltgeräusche sind gedämpft, man ist geborgen und sieht doch noch den Himmel", sagt Jochen Herzog, selbstständiger Steinmetzmeister aus Kirchheim. Auch er hat, wie alle anderen aktiv beteiligten Gestalter, mehrere der Platten individuell für fiktive Verstorbene gestaltet. "Individuell muss ja nicht gleich völlig abgehoben sein. In dem Hügel sieht man eine bunte Mischung, mal aufwändig, mal schlicht." Tatsächlich ist es ein ruhiger wie lebendiger Raum, dessen Wirkung einen einfängt.

"Ein mutiges Projekt", findet Martin Krumm, teilnehmender Metallgestalter aus Esslingen. Mutig, einen anderen Weg einzuschlagen, abseits der Mustergräber auf der Landesgartenschau einen Raum für die Trauer zu schaffen, einen Raum, der einen innehalten lässt, einen bedenkenswerten Raum.

pm