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Am "12. des Wonnemondes" wird die Stadthalle zur "Festburg" geweiht

KIRCHHEIM "Im ächten Manne ist ein Kind versteckt: Das will spielen." Wenn diese Weisheit Friedrich Nietzsches den Anspruch erheben

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ANDREAS VOLZ

darf, ein Naturgesetz zu sein, dann sind es an jedem Montag abend im Winterhalbjahr rund 40 "ächte" Männer, die um 20 Uhr in einem Kellerraum in der Kirchheimer Max-Eyth-Straße zu einer Sitzung der besonderen Art zusammenkommen: Es sind "Schlaraffen", die als Ritter, Junker oder Knappen ihre eigene Form des Ritterspiels pflegen und dabei vor allem Kunst, Humor und Freundschaft hochhalten.

In ihrem eigenen Vokabular stellen sich die regelmäßigen Treffen allerdings ein wenig anders dar: An ihrem "Uhutag" in der "Winterung" treffen sich rund 40 "Sassen" des "Reyches 333 Under Teck" sowie "Gastrecken" (Sassen anderer Reyche) "Glock 8 des Abends" in der "Sibyllenburg" zur "Sippung". Selbst ihre eigene Zeitrechnung haben die Schlaraffen: Sie zählen die Jahre des Uhus, beginnend mit 1859 als dem Jahre "Null", in dem sich in Prag das erste Schlaraffenreych des "Uhuversums" gründete. Von Prag aus hat sich die Schlaraffenidee in der ganzen deutschsprachigen Welt verbreitet.

Heutzutage sind Schlaraffenreyche deshalb vornehmlich in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in Südtirol zu finden. Es gibt aber auf allen Kontinenten Reyche oder "Colonien" als Vorstufe eines Reyches. Bedingung ist, dass sich schlaraffisch gesinnte Männer regelmäßig in der Winterung (die Zeit zwischen 1. Oktober und 30. April) an ihrem Uhutag, einem individuell festgelegten Wochentag, zur Sippung treffen, bei der grundsätzlich deutsch gesprochen wird.

Das Kirchheimer Reych "Schlaraffia Under Teck" wurde 1957 gegründet, sodass die Mitglieder, die sich in der gesamten Schlaraffenwelt als "Sassen" bezeichnen, nunmehr das 50-jährige Bestehen feiern können im Uhujahr 148. Lange Zeit war das Schlaraffenreych mit der Nummer 333 auf Wanderschaft gewesen. Immer wieder sind die wackeren Ritter, Junker und Knappen mit ihrer "Burg", die im "profanen" Leben in etwa dem Vereinslokal entspricht, umgezogen. Seit knapp 20 Jahren allerdings haben sie ihre "Sibyllenburg" in besagtem Keller in der Max-Eyth-Straße eingerichtet und fühlen sich dort schlaraffisch wohl.

Für die Feier zum 50. Jahrestag des Stiftungsfests am Samstag, "dem 12. des Wonnemondes", wäre die behagliche Sibyllenburg allerdings viel zu klein. Schließlich erwarten die Schlaraffen aus Kirchheim und Umgebung rund 250 Gäste, die aus aller Welt anreisen, um mit ihnen Jubiläum zu feiern. Deshalb haben die Sassen des Reyches 333 die Kirchheimer Stadthalle zu ihrer "Festburg" erkoren, die vor dem "Einrytt" der Gastrecken freilich noch geweiht werden muss. Ihr 25-jähriges Bestehen hatten die Kirchheimer Schlaraffen 1982 (a.U. 123) zwar auch schon in der Stadthalle gefeiert. Aber seit dieser Zeit wurde ihre damalige "Festburg" wieder reichlich "profanisiert", weswegen an einer erneuten Weihe kein Weg vorbeiführt.

Trotz des vermeintlich religiösen Sprachgebrauchs sind Schlaraffen-Vereinigungen alles andere als religiös oder gar sektiererisch. Im Gegenteil, das schlaraffische Spiel dient dazu, dass sich die Teilnehmer am Abend des Uhutags gänzlich aus der profanen Welt zurückziehen und sich in ihrer Burg geschützt vor allen äußeren Anfechtungen der Pflege von Kunst, Humor und Freundschaft hingeben können. Themen wie Politik, Religion oder Geschäft sind deshalb bei jeder Sippung auf der ganzen Welt verpönt.

Ritter "Glufex der Vinophile", einer der drei amtierenden "Oberschlaraffen Under Teck", erzählt von seinen eigenen Bedenken, die er vor über 30 Jahren hatte, ob die Schlaraffen nicht doch vielleicht eine verkappte Religionsgemeinschaft sein könnten: "Ich hab' mich gefragt, was bei der ,Ahallafeier' passiert." Die Ahallafeier ist das jährliche Gedenken an die verstorbenen Mitglieder des Reyches. Auch eine gemeinsame Begehung der Kirchheimer Friedhöfe, um sich direkt am Grab an einstige Sassen zu erinnern, gehört zum jährlichen Ritual. "Da geht es ganz zivil zu", hat Glufex sofort festgestellt. Außerdem können Schlaraffen in ihrem Alltagsleben jeglicher Religion, Konfession oder Weltanschauung anhängen oder auch nicht , ohne dass dies eine Auswirkung auf ihre Mitgliedschaft im Schlaraffen-Verein hätte.

Dasselbe gilt für politische Überzeugungen, die ebenfalls unter der "Rüstung" und dem "Helm" verborgen bleiben. So erinnert sich Ritter "Jur ami Ben Pi-Pong der Pragaphile", zurzeit ebenfalls einer der Kirchheimer Oberschlaraffen, gerne daran, dass sich drei Angehörige des Schlaraffen-Reyches mit der Nummer 333 über eine längere Zeit hinweg nicht nur in der Sibyllenburg zur Sippung trafen, sondern auch im Kirchheimer Ratssaal zur Sitzung des Gemeinderats: "Sie saßen für drei verschiedene Fraktionen im Gemeinderat und haben sich dort heftige Debatten geliefert. Aber bei uns in der Burg sind sie wunderbar miteinander ausgekommen."

Natürlich will er nicht abstreiten, dass es auch im Schlaraffenleben Differenzen geben kann. Das sei menschlich. Aber die Freundschaft ist den Schlaraffen nicht nur ein Wort, sie wird auch richtiggehend gelebt und zelebriert. Zur Aufnahme gehört die Wahl mit schwarzen und weißen Kugeln, die deshalb "Kugelung" genannt wird. Bedingung für die Aufnahme ist eine Zustimmungsquote von mindestens vier Fünfteln. Die Schlaraffen wählen ihre Freunde also sorgfältig aus, wobei Frauen grundsätzlich im gesamten Uhuversum nicht als Sassen vorgesehen sind. Nur in wenigen Ausnahmefällen, so auch beim Stiftungsfest am Samstag, wird gemeinsam mit Ehefrauen oder Töchtern gefeiert.

Die Eckpunkte Kunst und Humor lassen die Schlaraffen hochleben, indem einzelne Sassen bei der Sippung "Fechsungen" zum Besten geben. Das sind eigene künstlerische Beiträge, mit denen sich jeder, der möchte, vor den anderen produzieren kann. Auch dabei ist die Freundschaft oberstes Gebot: Die Schlaraffen sind untereinander ein ausgesprochen faires Publikum, das niemanden für einen möglicherweise misslungenen Beitrag auspfeifen würde. Im Spiel freilich kann es passieren, dass ein Schlaraffe einen anderen zum Duell herausfordert. Dieses wird dann aber geistig oder musikalisch ausgefochten und ist keinesfalls ernst zu nehmen, wie auch die ganze Schlaraffenwelt allenfalls einem komischen Ernst unterworfen ist.

Ritter "Toscanius der frist-ende Isabellytiker" im Zivilleben Jurist, so wie andere Sassen profanerweise Ingenieure, Kaufleute, Lehrer, Ärzte oder Apotheker sind berichtet von einem besonders kuriosen Vorfall: "Wir sind eines der wenigen Reyche, bei dem sich ein Ritter selbst zum Duell gefordert hat." Auf einer höheren Ebene interpretierend, fügt er hinzu: "Die Schlaraffia ist auch in der Lage, mit der internen Schizophrenie umzugehen."

INFOJede Neugründung eines Schlaraffen-Reyches wird mit einer fortlaufenden Nummer versehen. Kirchheim war also das 333. Reych. Die bislang letzte Gründung in Alicante ist vorerst nur eine Colonie und trägt die Nummer 422. Weil viele Reyche erloschen sind, nicht zuletzt durch das Verbot der Schlaraffen im Nationalsozialismus und durch die folgenden Umwälzungen nach dem Zweiten Weltkrieg, gibt es zurzeit 263 Reyche weltweit, zu denen insgesamt fast 11 000 Sassen gehören. Die "Schlaraffia Under Teck" hat 50 Jahre nach ihrer Gründung genau 50 Mitglieder.