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Am Butzenberg soll es bald heißen: "Neuer Wein in neuen Klostermauern"

NEIDLINGEN Am heutigen Samstag ist es genau 52 Wochen her, dass Papst Johannes Paul II. in Rom von seinen körperlichen Leiden erlöst wurde. Was Karol Wojtyla bis

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ANDREAS VOLZ

heute für sein Heimatland Polen bedeutet, ist hinreichend bekannt. Doch auch sein Nachfolger Joseph Ratzinger hat als Papst Benedikt XVI. im zurückliegenden Jahr seine deutschen Landsleute begeistert und eine neue Hinwendung zum Glauben bewirkt. Das hat sich nicht nur beim Weltjugendtag in Köln gezeigt, sondern wirkt auch im pietistisch geprägten Württemberg zunächst einmal im Stillen.

Nach langen Vorberatungen in vielen nicht öffentlichen Sitzungen wagt sich jetzt die Katholische Kirchengemeinde Weilheims aus der Deckung und geht mit ihren Plänen an die Öffentlichkeit: Auf dem Butzenberg bei Neidlingen, wo im Mittelalter die Burg Lichtenstein stand, soll in absehbarer Zeit eine neue Klosteranlage entstehen. Federführend haben bislang vor allem die Mitglieder des Franziskuschors im Hintergrund die Fäden gesponnen, die letztlich zur Gründungsversammlung des Klosterbauvereins führten: Am heutigen Samstag um 15 Uhr treffen sich Freunde und Unterstützer einer Klosteransiedlung am Neidlinger Feuerwehrmagazin. Von dort aus zieht eine Prozession in feierlichen Gewändern auf den künftigen Klosterberg, um die Vereinsgründung an historischer Stätte zu besiegeln.

"Die Bevölkerung ist herzlich zu dieser Veranstaltung eingeladen", sagt Chorleiter Bernd Walter, "wir sind dringend auf Unterstützung für unser Vorhaben angewiesen." Schließlich könne das Kloster nicht nur aus aktiven Klosterbrüdern und -schwestern bestehen. Für die umfangreichen Baumaßnahmen sind Gönner aller Art als passive Klosterbauvereinsmitglieder hochwillkommen von den großen Firmen der Region bis hin zur armen Witwe, die im neutestamentlichen Sinne bereit ist, ihr Scherflein zum neuen Sakralbau beizusteuern.

Der prominentesten und allerhöchsten Unterstützung wollen sich die Kirchenchormitglieder und Klostergründer in wenigen Wochen bei einer Pilgerfahrt nach Rom versichern: Im Rahmen einer Papstaudienz werden sie den Heiligen Vater bitten, das Projekt zu unterstützen und den Butzenberg persönlich zu weihen, wenn er im Herbst nach Deutschland kommt. Auch an die Logistik ist dabei zukunftsweisend gedacht, wie Bernhard Wöller berichtet: "Um die künftigen Pilgerströme lenken zu können, brauchen wir eine vierspurig ausgebaute Bundesstraße, die direkt nach Neidlingen führt."

Papst Benedikt XVI. zu Ehren ist dabei an eine Art "Wurmfortsatz" der B 16 gedacht, die ohnehin in Ratzingers Wahlheimat Regensburg beginnt. "Wir werden beim Bundesverkehrsministerium eine Ausnahmeregelung beantragen, dass wir auf den Schildern römische Zahlen benutzen dürfen. Dann können wir B XVI schreiben", kündigt Bernhard Wöller an und unterstreicht damit, dass die sangesfreudigen Katholiken aus Weilheim und Umgebung ihr Vorhaben bereits bis hin zum i-Tüpfelchen geplant haben.

Aufgrund der künftigen Entstehungsgeschichte des Klosters am Butzenberg, das intern bereits "Monte Butzio" genannt wird, kommt dem Gesang natürlich eine tragende Rolle zu. Der alten Benediktinerregel "Ora et labora" wird deshalb noch ein Passus vorangestellt. Die erweiterte Re-gel lautet dann in ihrer deutschen Fassung: "Singe, bete und arbeite." Neue Wege beschreiten die kom-menden Klosterbewohner die nach dem Namen ihres designierten Abts Bernhard einen Bernhardinerorden stiften wollen auch mit der friedlichen Koexistenz von Männern und Frauen. "Der wichtigste Grundpfeiler unserer Gemeinschaft ist der Chorgesang", erläutert Bernd Walter, warum Mönche und Nonnen gleichermaßen im Kloster aufgenommen werden müssen: "Wir wollen natürlich auch im Kloster unsere Besucher mit vierstimmigem Gesang auf höchstem Niveau erfreuen."

Regelmäßige Konzerte sind aber nur ein Teil dessen, was den "Monte Butzio" als Wallfahrtsort berühmt machen soll: Die Bernhardiner und Bernhardinerinnen wollen ja nicht ausschließlich singen und beten, sondern auch arbeiten. Selbst auf die Gefahr hin, in der säkularisierten Gesellschaft mit der Devise "Wein, Weib und Gesang" abgetan zu werden, wollen sie den Weinbau am Butzenberg aufleben lassen und dem "Lichtensteiner Wein" wieder zu seinem angestammt guten Ruf verhelfen, den er bereits zu Zeiten Herzog Friedrichs I. genossen hatte.

Hinzu kommen eine Klosterbrauerei, ein Kräutergarten und der Kartoffelanbau. Abt Bernhard betont vor allem den meditativen Aspekt des Kartoffelschälens, wobei sich diese Arbeit auch noch ganz ideal mit dem Singen und dem Beten verbinden lasse. Die Nahrungsmittelproduktion am Butzenberg diene einerseits der Selbstversorgung, andererseits werde sie zur wirtschaftlichen Prosperität des Klosters beitragen.

Und wenn die Bernhardiner erst einmal wirtschaftlich autark sind, lassen sich vielleicht auch ihre längerfristigen politischen Ziele besser verwirklichen: die Gründung einer autonomen Mönchs- beziehungsweise Nonnenrepublik. Auch das ließe sich dann hervorragend vermarkten, nach dem Vorbild aus dem Vatikan. "Eigene Briefmarken und eigene Euro-Münzen würden sich garantiert zum Verkaufsschlager entwickeln", freut sich Dr. Heinrich Freier, der als künftiger Leiter der Monte-Butzio-Münzstätte vorgesehen ist. Das Motto der Bernhardiner, das dann auch die neuen Geldstücke zieren soll, hat der Philologe bereits sorgfältig ausgewählt. Es stammt von Rene Descartes und zeigt, dass sich im 21. Jahrhundert klösterliche Frömmigkeit durchaus mit der Philosophie der Neuzeit in Einklang bringen lässt: "De omnibus dubitandum".