Lokales

Am Morgen

Die Synode der evangelischen Kirche in Württemberg hat vor kurzem in einer besonderen Sitzung das Thema "Der Islam in Württemberg Miteinander leben lernen" verhandelt. Die Tagung war seit langem vorbereitet: Sie ist also nicht wegen der aktuellen Konflikte schnell entworfen worden. Im Gegenteil: Viele sachkundige Fachleute darunter mehrere Frauen und Männer muslimischen Glaubens waren als Referenten und Gäste dabei. Muslime, die hier in unseren Städten und Dörfern schon seit Jahrzehnten leben und aus Überzeugung sowie in guter Nachbarschaft ihren Glauben praktizieren.

Bei aller Freundlichkeit und gegenseitiger Würdigung sind auch die Unterschiede benannt worden so zum Beispiel die Einschätzung der Gestalt von Jesus. Für unsere muslimischen Mitbürger und Mitbürgerinnen ist er ein wichtiger Prophet, der als Gesandter Gottes dessen Barmherzigkeit und Willen den Menschen kundgibt.

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Von Kreuz und Auferstehung was für unseren christlichen Glauben von zentraler Bedeutung ist hält der Koran nichts. Das muss auch nicht sein, denn die Religionen haben sich unterschiedlich ausgestaltet. Gerade deshalb sind wir zum Gespräch verpflichtet im Respekt vor der jeweiligen besonderen Tradition (wie übrigens innerhalb unserer Kirchen und zwischen den beiden Groß-Kirchen auch).

Das Besondere unserer christlichen Frömmigkeit zeigt sich in diesen Tagen während der Karwoche vor Ostern: Jesus geht den Weg der Dunkelheit und der Erbärmlichkeit in Solidarität mit allen Menschen, die vom selben Schicksal betroffen sind. Das ist Gottes Signal an die Menschheit seit damals: Gott lässt sich auf die Niederungen ein. Seine Menschwerdung ist ganz konkret zu verstehen und nachzuerleben im Prozess, den Jesus selbst als Weg der Heilung für die Menschen wählt und der ihm politisch und moralisch gemacht wird: Du gehörst nicht mehr zu uns. Die Dunkelheit überschlägt sich und erschlägt diesen einzigartigen Menschen.

Jesus zieht gleichsam die Schläger und Mörder an: Gewalt, Einsamkeit und Tod sind seine Weggefährten. Im Buch des Propheten Jesaja lesen wir: "Ich bot meinen Rücken dar, denen, die mich schlugen"(Kapitel 50,6). Bezeichnenderweise beginnt dieses so genannte Knecht-Gottes-Lied aber mit einem wunderbaren Bekenntnis: "Gott, der Herr, hat mir eine Zunge gegeben, dass ich mit den Müden zu rechter Zeit zu reden weiß. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre".

Unser Engagement für die Schwachen und Elenden dieser Welt (unserer Dörfer und Gemeinden, unserer Städte und Familien) kann nur daraus Kraft und hilfreiche Anregungen erfahren, indem wir uns der Gemeinschaft untereinander und mit Jesus vergewissern und indem wir wie am Morgen nach durchwachter Nacht, nach ausweglos erscheinender Finsternis, nach tiefen Irrwegen und erlittener Dunkelheit von Gottes Geist erfrischt und von seinen Impulsen ermutigt im Namen und in der Nachfolge des Gekreuzigten (dessen, der seinen Rücken für Andere gebeugt hat) neue Schritte in unseren Alltag gehen und Anderen den Rücken stärken.Diese Erfahrung wünscht Ihnen Christian Buchholz Schuldekan