Lokales

Ambulant vor stationär

Selbstbestimmung und Teilhabe am Leben in der Gesellschaft diesen beiden Kernanliegen behinderter Menschen soll im Kreis Esslingen künftig verstärkt Rechnung getragen werden. Im Blick haben Verwaltung und Kreistag dabei auch die Haushaltslage.

ANKE KIRSAMMER

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KREIS ESSLINGEN "Mittendrin statt außen vor", so lautete das Motto des Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderung 2003. Für den Kreis Esslingen war es gleichzeitig die Initialzündung, den Teilplan "Hilfen für behinderte Menschen Ambulanter Bereich" fortzuschreiben. Alle Institutionen und Verbände der Behindertenhilfe haben sich in einem eigens gegründeten Planungsbeirat eingebracht. Nun liegt eine 130 Seiten starke Broschüre vor, die Aufschluss gibt über Strukturen, Angebote und Einrichtungen. Themen sind neben detaillierten Zahlen unter anderem Frühförderung in Kindergarten und Schule, Arbeit, ambulante, mobile und offene Hilfen, der öffentliche Raum, Selbsthilfegruppen, Netzwerke sowie Koordination und Kooperation im Landkreis. Sämtliche Kapitel sind aufgeschlüsselt nach Ist-Stand, Bedarf und Maßnahmenvorschlägen. So soll für den Bereich ambulantes Wohnen eine auf den Landkreis ausgerichtete Rahmenkonzeption erarbeitet werden. Gedacht ist beispielsweise an ein Wohntraining, das den Übergang aus der stationären Unterbringung in das ambulant betreute Wohnen erleichtert. Um in Städten und Gemeinden möglichst Barrierefreiheit zu erzielen, ist es außerdem ein Anliegen, in allen sechs Großen Kreisstädten Arbeitsgemeinschaften wie die Arbeitskreise Hilfen für Behinderte Esslingen und Kirchheim einzurichten. Denkbar ist, im Rahmen einer Diplomarbeit an einer Fachhochschule für Sozialwesen den quantitativen und qualitativen Bedarf zu erheben.

Neu ist die Suche nach anderen Konzepten in der Behindertenhilfe nicht. Schon seit Ende der sechziger Jahre fordern Protagonisten des "gemeindeintegrierten Lebens" die Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Doch nach wie vor gibt es ein Übergewicht an stationären, überregionalen Einrichtungen zu Ungunsten eines flächendeckenden ambulanten Netzwerks von Diensten und Hilfen für behinderte Menschen. Insbesondere für Menschen mit einer geistigen und schweren körperlichen Behinderung existieren zu wenig ambulante Alternativen zum stationären Bereich, heißt es in der Verwaltungsvorlage. Während es für geistig behinderte Menschen im Landkreis 25 Plätze im ambulant betreuten Wohnen gibt, besteht in diesem Bereich für schwer körperlich behinderte Menschen kein Angebot. Im stationären Bereich sind dagegen 362 Plätze für geistig und körperbehinderte Menschen vorhanden. Der vom Kreistag verabschiedete Plan soll in den nächsten Jahren als Richtschnur dienen auch um Kosten zu sparen.

INFOInsgesamt leben im Landkreis Esslingen 60 115 Menschen mit Behinderung (Stand 1. Mai 2005), 40 175 davon sind als schwerbehindert eingestuft. Das sind 7,8 Prozent der Gesamtbevölkerung. Landesweit liegt der Prozentsatz bei 6,5 Prozent.