Lokales

Amerikanische Astronauten und die L 1207

Die fast unendliche Geschichte Sanierung Neue Plochinger Steige scheint nun doch mittelfristig zum Abschluss zu kommen. Der zweite Bauabschnitt soll, wenn nicht mehr in diesem Jahr, so wenigstens 2007 ausgeschrieben werden.

IRIS HÄFNER

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KIRCHHEIM Vielen Verkehrsteilnehmern, die die Neue Plochinger Steige zwischen Kirchheim und Freitagshof regelmäßig fahren, fielen im vergangenen Jahr vermehrt Schwerlastzüge auf der Strecke auf. Die Fahrstreifen sind recht schmal, die Straße kurvenreich und Ausweichmöglichkeiten gibt es keine, da es auf der einen Seite nahezu ohne Leitplanken steil zur Ötlinger Halde abfällt und auf der anderen recht windschiefe Natursteinmauern und ein Graben bestehen. Wenn nun ein langer Sattelzug die Kurven schneidet, insbesondere die nahezu 90-Grad-Kurve im oberen Bereich der Steige, hat der Gegenverkehr zwei Möglichkeiten: zu hoffen, dass nichts passiert und der Platz zwischen Lkw und Böschung reicht, oder eine Vollbremsung einzuleiten, und dann ebenfalls hoffen, dass niemand auffährt.

"Auf diesem Streckenabschnitt herrscht eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 50 Kilometern pro Stunde. Wenn jeder sauber fährt, müsste jeder Verkehrsteilnehmer durchkommen", sagt dazu Thomas Pitzinger, Revierleiter bei der Polizei Kirchheim. Die Steige selbst sei kein Unfallschwerpunkt, in den vergangenen zehn Jahren habe es sechs Unfälle gegeben. "Es gab also keine allzu große Schadenshäufung", so der Polizeioberrat.

Der letzte und recht spektakuläre Unfall passierte Anfang Dezember, als ein mit Erdaushub beladener Lkw quer zur Fahrbahn zum Halten kam, die Steige über Stunden blockierte und nur mit einem Kranwagen angehoben und gedreht werden konnte. Zum Unfall war es gekommen, weil dem Fahrer nach eigenen Angaben ein Kleintransporter teilweise auf seinem Fahrstreifen entgegengekommen ist. Um einen Zusammenstoß zu vermeiden, wich er nach rechts aus, geriet auf das unbefestigte Bankett und drohte die Böschung hinunterzustürzen.

Für Thomas Pitzinger ist es nun vorrangig, den Ausbau der Strecke zu forcieren. Der Unfallschwerpunkt im Verlauf der Strecke bei der Kreuzung nahe des Freitaghofs ist durch einen Kreisverkehr entschärft worden. "Diese Strecke ist sauber saniert, der Übergang fällt nun ins Auge", so Pitzinger. Die Sanierung des rund einen Kilometer langen Reststücks wird jedoch immer wahrscheinlicher. "Vermutlich Ende 2006 oder Anfang 2007 werden wir die Strecke ausschreiben", sagt Uwe Hoffmann, Leiter des Baureferats Süd beim Regierungspräsidium Stuttgart.

Der Ausbau der Strecke ist wegen der Topografie aufwändig. Schon im Jahr 1968 wurde die L 1207 wegen Frostaufbruchs gesperrt und anno Juni 1969 waren folgende Sätze im Teckboten zu lesen: "Wahrscheinlich werden die amerikansichen Astronauten, wenn sie demnächst auf dem Mond landen, nicht viel schlechtere Bodenverhältnisse antreffen, als sie sich zurzeit auf der L 1207 zwischen Wernau und Kirchheim dem Autofahrer anbieten." Schon damals mussten die Straßenbauer regelmäßig die jährlich auftretenden Frostaufbrüche ausbessern, so auch im Spätsommer vergangenen Jahres. Auch die Lkw-Problematik war Anfang der 70er-Jahre die gleiche. "Lastzüge gefährden in den engen Kurven den Gegenverkehr", hieß es damals in einem Leserbrief. Der Technische Ausschuss der Stadt befasste sich mit der Planung des Ausbaus im Mai 1972 und weil bis zum März 1979 noch nichts geschehen war, nahm sich der damalige Landtagsabgeordnete Gerhard Remppis der Sache an. Im Jahr 1992 war die L 1207 immer noch eine "heimliche Rallyestrecke", wie zahlreiche Unfälle bewiesen und Gerd Haug, damals für die Planung beim Straßenbauamt Kirchheim mitverantwortlich, sagte: "Seit ich denken kann, arbeiten wir an diesen Plänen."

Nun endlich scheint die Sanierung ernsthaft in Angriff genommen zu werden. "Die Stützmauern an der Bergseite fallen fast um und die Hangseite muss laufend ausgebessert werden", beschreibt Uwe Hoffmann die Situation. Billig dürfte die Reparatur des Teilstücks jedoch nicht werden, denn der Hang ist ständig in Bewegung. Im Juni 1965 mussten die Bagger gar nach einem Bergrutsch ausgelöst durch starke Regenfälle mehrere Meter tief bis zur Schleifschicht graben, um die Straße zu stabilisieren.

Geplant ist, die Talseite mit Stützen zu befestigen. Dafür vorgesehen sind entweder Gabionen mit Steinen gefüllte Drahtkörbe oder Betonriegel. Auf die Frage, weshalb die gerade mal rund sieben Kilometer lange L 1207 nicht für den Schwerlastverkehr gesperrt werden kann, sagte Uwe Hoffmann: "Die Strecke gehört zum qualifizierten Straßennetz und ist somit grundsätzlich für alle Fahrzeuge freigegeben. Würde sie gesperrt werden, müsste eine Ausweichstrecke da sein, damit die anderen Strecken nicht mehr belastet werden."

Die Schwierigkeiten haben auf der im Jahr 1853 für den Verkehr freigegebenen Steige Tradition. Schon damals zogen sich die Planungen fast zehn Jahre hin. Auch der Bau verlief nicht ohne Probleme. Anhaltende Regenfälle hatten dafür gesorgt, dass immer wieder Erdreich abrutschte. Dadurch verlängerte sich nicht nur die Bauzeit, sondern auch die Baukosten erhöhten sich um über 40 Prozent.