Lokales

Amouröses Chaos Selbstmord mit dem Scherzartikel

KIRCHHEIM Wo Elfenköniginnen sich in Esel verlieben, wo einem Zauberblumen die rosa Brille trüben und keiner mehr weiß, wer eigentlich wessen Herz stiehlt und bricht, dort

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ALEXANDRA BOGER

beginnt der Traum einer Sommernacht der Sommernachtstraum.

Die Sofas und Stühle der Stadtbücherei, die sonst zum Schmökern und Lesen einladen, waren am Freitagabend vor die große Fensterfront geschoben, die den Blick auf das alte Spital als Kulisse freigab. Auch musste diesmal nicht selbst gelesen werden. Bei Abenddämmerung begann die Vorlesestunde für Erwachsene eine Gute-Nacht-Geschichte zum Zuhören, Anschauen und Mitlachen.

Die Komödie von William Shakespeare über das Verliebtsein und Verschmähtwerden, über das Durchbrennen, über "Bubenstreiche" und über die Magie endet in einem amourösen Chaos. Das Stück aus dem Jahr 1539 zeigt dem Publikum auch heute noch, dass die Irrungen und Wirrungen der Liebe wohl nie aus der Mode kommen.

Vier junge Leute suchen nach der Liebe. Hermia und Lysander scheinen diese ineinander gefunden zu haben. Demetrius liebt Hermia ebenfalls und weiß sich der Unterstützung seines vermeintlichen Schwiegervaters in spe sicher. Dem Nebenbuhler Lysanders selbst weicht Helena nicht von der Seite, ihrerseits die Freundin von Hermia. Als wäre das nicht schon des Dilemmas genug, schalten sich die Wesen aus dem Reich der Mythen in Gestalt von Oberon, dem Elfenkönig, und seinem Handlanger Puck dem Kobold ein. Natürlich endet alles in der Katastrophe und plötzlich liebt die königliche Gattin Titania einen zum Esel verzauberten Weber, Demetrius liebt jetzt zwar Helena, doch Lysander auch und will von Hermia nichts mehr wissen. Oberon schließlich löst den Zauber und führt die Paare wieder zusammen. Am Ende steht ein Hochzeitsfest am Hofe Athens, wo dem Brautpaar Theseus und Hippolyta ein Laienstück der Handwerker vorgtragen wird mit dem Titel "Die schreckliche Tragödie von Pyramus und Thisbe". Um die zarten weiblichen Zuschauerseelen zu schonen, stellt sich der fürchterliche Löwe in einem Prolog als der Schreiner Hans Schnock vor. Auch den Tod von Pyramus und Thisbe inszenieren die Handwerker in abgeschwächter Version.

Die Akteure brauchten keine großen Kulissen oder verzaubernden Feenstaub nur eine Grundausstattung in Nadelstreifen und ein paar Accessoires. Lediglich mit ihrer Stimme erreichten Madeleine Giese, Rainer Fuchs und Thomas Rahlfs die engagierte Ausgestaltung der Charaktere. Stimme und Stimmung nahmen die Zuhörer in der Bücherei mit in diesen Sommernachtstraum. Acht Rollen übernahm die Sprecherin, die sie in stimmlichen und dialektalen Variationen differenzierte und zur optischen Kennzeichnung mit Requisiten wie Masken und Tüchern arbeitete. Auch der Sprecher zeigte sich in sechs Personen mal mit Hut, mal mit orangefarbener Schärpe oder auch mit Maske, aber vor allem in verschiedensten Gestiken, Stimmlagen und Dialekten. Das Stück im Stück, das eine tragische Liebesgeschichte a la Romeo und Julia witzig aufpeppt, erschloss in den Laienschauspielern eine zusätzliche Rollenebene.

So zeichnete sich zum Beispiel Zettel, der Weber, dadurch aus, dass er seinen kleinen Sprachfehler nicht verbergen konnte, der ihn auch in die Rolle des Pyramus begleitete. Die eigentümliche Aussprache des "s" gab dem Handwerker ein charakteristisches Eigenleben und der Ansprache seiner Geliebten Thisbe die nötige Prise Humor.

An einigen Stellen wurden Passagen des Shakespeare-Originals gestrafft. An anderer Stelle wurden zusätzliche Elemente einer freien Inszenierung eingesetzt, wenn zum Beispiel die Korrektur des Handwerker-Regisseurs an die Rolle der Thisbe zu wörtlich genommen wurde: "Ninus-Grab, Mann! Nicht Minus-Grab" und als wiederkehrender Scherz eingebaut wurde: "Ich will dich treffen am Ninus-Grab, Mann!" Ebenso funktionieren immer noch die alten Motive des Slapsticks wie die des Geschlechtertausches. So musste Mann schon auch mal die Frau geben, bei einer solch reduzierten Besetzung: Wie die Thisbe gespielt von dem Bälgenflicker Flaut, den der Pianist Thomas Rahlfs neben einer sehr emotionalen Darbietung am Klavier verkörperte.

Inszenierungsarbeit forderte auch die Selbstmordszene des Pyramus, in der die Textvorgabe den Liebenden sieben Verse lang im Monolog sterben lässt, der dabei selbiges kommentiert: "So streb ich denn, so, so! Nun tot bin ich... Nun tot, tot, tot, tot, tot."

Nachdruck verlieh dem Tod auf Raten ein Kunststoff-Messer aus der Scherzartikel-Abteilung, dessen Klinge sich augenscheinlich mehrmals in die Brust stechen ließ, dabei jedoch gefedert im Griff verschwand.

Stimmungsvoll rundete das Klavier den Abend ab mit den Stücken von Felix Mendelssohn Bartholdy, als Puck das Publikum in seine "Spätsommernachtsträume" entließ: "Sind wir dann: ihr alle schier, habet nur geschlummert hier, und geschaut in Nachtgesichten eures eignen Hirnes Dichten."