Lokales

„An der Krippe ist für jeden Platz“

Evangelische und katholische Pfarrer halten nichts von Platzkarten für Kirchensteuerzahler an Heiligabend

Sollen Kirchensteuer zahlende Gemeindeglieder in Gottesdiensten an Heiligabend über Platzkarten ein vorrangiges Platzrecht erhalten, wie dies gestern Politiker von CDU und FDP forderten? Der Teckbote befragte Pfarrer der beiden Konfessionen dazu.

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richard umstadt

Kirchheim. „So ein Unsinn“, empörte sich Pfarrer Franz Keil von der katholischen Kirchengemeinde Sankt Ulrich in Kirchheim. „Wir sind froh, wenn die Leute kommen. Bei uns sind alle willkommen.“ Außerdem verbat sich Franz Keil die Einmischung der Politik in die kirchliche Sitzordnung. „Wir werden doch keine Sitzplätze reservieren, egal ob Kirchensteuerzahler oder Nichtmitglied.“ Nichts von dem Politikervorschlag hielt auch Keils Weilheimer Amtsbruder Hermann Ehrensperger von Sankt Franziskus. „Es soll ein jeder kommen, der kommen will.“ Er sieht die Lösung einer überfüllten Christmesse nicht in Platzkarten, sondern in mehreren Gottesdiensten an den Weihnachtsfeiertagen.

Auch Pfarrer Peter Brändle von der evangelischen Peterskirche in Weilheim meinte: „An der Krippe ist für jeden Platz.“ Mit der Frage des Teckboten konfrontiert, hält Daniela Bleher, evangelische Pfarrerin der Christuskirche in der Teckstadt, die Meldung zunächst für einen Witz und lacht. „Ich halt gar nichts davon. Die Kirche ist offen für alle.“ Im Bedürfnis der Menschen, an Weihnachten den Gottesdienst zu besuchen, sieht der Pfarrer der evangelischen Auferstehungskirche, Stefan U. Kost „ein seelsorgerliches Anliegen“. Kosts Amtsbruder Jochen Maier, Geschäftsführender Pfarrer der Martinskirchengemeinde, sagt: „Das Evangelium ist immer öffentlich. Die Frohbotschaft wird nicht nur an Bevorzugte weitergesagt, sondern an alle, die sie hören wollen.“

Grund für die Blitzumfrage war eine Meldung, die gestern Morgen in den Nachrichten zu hören war. Demnach forderten einzelne Politiker der CDU und FDP, angesichts des zu erwartenden Besucherandrangs am 24. Dezember, die Gottesdienste an Heiligabend vorrangig für Kirchenmitglieder zu öffnen. Der Landesvorsitzende des Rings Christlich-Demokratischer Studenten, RCDS, Thomas Volk verlangte in einer Boulevard-Zeitung, nur Kirchenmitglieder einzulassen, um Überfüllungen zu verhindern und ausreichend Sitzplätze für ältere Menschen vorhalten zu können. „Ich bin dafür, dass Messen am 24. Dezember nur für Kirchensteuerzahler offen sind“, sagte Volk der Zeitung. Wer nicht in der Kirche sei, müsse auf Gottesdienstbesuche an diesem Tag verzichten.

Der Vorsitzende der Berliner FDP-Fraktion, Martin Lindner, hieb in die gleiche Kerbe. Er regte ein Sitzrecht für Kirchenmitglieder in Gottesdiensten am 24. Dezember an. Lindner sagte der Zeitung: „Kirchensteuerzahler dürfen bei so wichtigen Messen nicht die Dummen sein und draußen bleiben. Gemeindemitglieder sollten beispielsweise über Platzkarten vorrangiges Platzrecht bekommen.“

Der lakonische Kommentar des Kirchheimer CDU-Landtagsabgeordneten Karl Zimmermann zu der Äußerung seines Parteifreundes Thomas Volk: „Das Ganze muss nach dem elften Glühwein entstanden sein.“