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An Signalen hat es in Kirchheim noch nie gefehlt

Jüngst tagte der Integrationsausschuss ausnahmsweise im großen Sitzungssaal des Rathauses Kirchheim. Anlass zur Beteiligung der Öffentlichkeit war einerseits die Verabschiedung ausscheidender, und andererseits die Verpflichtung neuer als auch alter vom Gemeinderat bestellten Mitglieder.

MARIA GLOTZBACH

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KIRCHHEIM Für die kommende fünfjährige Legislaturperiode kümmern sich nun elf Mitglieder aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen um die Anliegen ausländischer Mitbürger, deren Integration in die Gesellschaft sowie um die Aufklärung deutscher Bürger über die Kultur ihrer fremdländischen Nachbarn.

Schwerpunktthema der Sitzung war, neben dem Sachvortrag von Manfred Stehle, leitender Verwaltungsdirektor beim Städtetag Baden-Württemberg, über Gastarbeitpolitik zu Integrationspolitik und aktuellen Informationen über die Integrationskurse nach dem neuen Zuwanderungsgesetz durch die Fachbereichsleiterin der Volkshochschule Kirchheim Eva Vogelmann, Mittel und Wege zu finden für eine bessere Integration.

Dabei betonte die Oberbürgermeisterin und Vorsitzende des Integrationsausschusses Angelika Matt-Heidecker, dass es in Kirchheim schon immer engagierte Bürger gab, die sich für ihre ausländischen Mitbürger einsetzten. Bereits in den 1960er-Jahren gab es in Kirchheim Arbeitsgruppen für Hausaufgabenhilfe, sowie Sprachkurse. "An Signalen hat es die ganzen Jahre nie gefehlt", erklärte die Oberbürgermeisterin, "in schweren Zeiten gab es immer ein gegenseitiges Verständnis, während der Flüchtlingswelle zum Beispiel in den 70er- und 80er-Jahren oder nach dem Terroranschlag am 11. September konnten Stimmungsmacher stets abgefangen werden." Doch erst 1991 wurde der Integrationsausschuss gegründet und acht Jahre später die Weichen gelegt für eine praktische und zwischenmenschliche Integration, anstatt einer politischen.

Dabei soll der Integrationsausschuss als Medium zwischen Politik, Verwaltung und Menschen fungieren. So konnte zum Beispiel der Integrationsausschuss eine Beratungsstelle für türkische und italienische Kirchheimer schaffen, Sprachkurse für Mütter mit Kindergartenkinder realisieren unter dem Projektnamen "Klein anfangen", Spielnachmittage an der Freihof-Grundschule für deutsche und ausländische Bürger anbieten und vieles mehr. Für die neue Legislaturperiode setzt sich der Integrationsausschuss zum Ziel, Schulen mit einem hohen Ausländeranteil stärker zu unterstützen durch Sozialarbeiter, die es bereits an der Alleen-, Freihof-, Rauner- und Konrad-Widerholt-Schule gibt.

Erol Keskin schlug vor, die Sitzung nicht nur in ausländischen, sondern auch in deutschen Vereinen tagen zu lassen. Ferner wurde die Idee eingebracht, das Projekt "Klein anfangen" zu erweitern. Es sollen nicht nur Sprachkurse für Mütter mit Kindergartenkinder, sondern auch für Mütter mit Schulkindern angeboten werden.

Um den Kontakt sowie dieSprach-, Lese- und Sozialkompetenz zu fördern, schlug Willi Kamphausen eine Lesepatenschaft in der Freihof-Grundschule vor. Das neue Mitglied Erdogan Budak wies schließlich auf das Problem der Parallelgesellschaften hin. Eine gemeinsame Sprache ist nicht der Garant für Integration. In Schulen sollten Seminare und Diskussionsrunden unter den Schülern stattfinden, die eine direkte Konfrontation und Provokation fördern. Ferner warnte Martin Lempp vor einer Gettoisierung in Kirchheim, denn Integration beginnt in der Nachbarschaft. Aber eine gelungene Integration, sagte Budak, kann nur dann gelingen, wenn ein Umdenken in den Köpfen stattfindet. Eine Frau mit Kopftuch soll nicht als repräsentatives Bild der türkischen Gesellschaft dienen. Es müssten auch erfolgreiche Seiten gezeigt werden, appellierte er an die Medien, nicht nur Negatives zu berichten.

Daraufhin verwies Andreas Kenner auf die Fußballvereine als eine gelungene Integration: "Dort spielen Türken, Griechen, Italiener, Kroaten, Serben zusammen, denn auf dem Spielplatz sind alle Menschen."

Mit dem Problem, eine ideale Lösung für ein friedliches und gemeinsames Zusammenleben zu finden, steht Deutschland nicht alleine. So versucht man zum Beispiel in Kanada die Integration mit dem Grundgedanken einer Mosaiken-Gesellschaft zu bewerkstelligen das Miteinander von verschiedenen Kulturen. Während die Vereinigten Staaten die Idee eines "melting pot" verfolgen, das heißt unterschiedliche Kulturen werden zu einer Kultur vermischt. Allerdings darf nicht der Aspekt vergessen werden, dass Integration auch die Konfrontation zweier Kulturen bedeutet.

Dabei spielt das Bild über eine jeweilige Kultur einen ausschlaggebender Faktor. So ist zum Beispiel Italien seit dem Mittelalter die Krönung Karls des Großen im Rom zum lombardischen König ein Teil der deutschen Geschichte und bleibt es über mehrere Jahrhunderte. Schließlich erfuhr Italien durch Goethes Italienreise am Ende des 18. Jahrhunderts eine starke Aufwertung. Vergleicht man aber das Italienbild mit dem der Türkei beziehungsweise das Osmanische Reich, galt es seit dem 16. Jahrhundert als Erbfeind des christlichen Abendlandes, man denke nur an Luthers Schriften "Über den Krieg gegen die Türken" (1528) und "Aufruf zum Gebet gegen die Türken" (1541). Selbst durch die politische Annährung der Türkei an Europa durch die demokratischen Reformen Kemal Atatürks zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte die kulturelle Kluft zwischen Deutschland und der Türkei nicht behoben werden. Durch den amerikanischen Feldzug gegen das Böse würden die Kontraste und Konflikte zwischen Christentum und Islam nur noch verstärkt. Und so fordert Keskin mit Recht eine Aufklärung der deutschen Gesellschaft, die eine Verallgemeinerung und Vorurteile gegen die Türken verhindert. Der seit 20 Jahren hier in Kirchheim lebend "eingedeutschter getürkte Kurde mit persischen Vorfahren", wie er sich selbst bezeichnet, ist seit Anbeginn Mitglied des Integrationsausschusses und sein Ziel ist es, "den Deutschen ihre Angst vor der fremden Kultur zu nehmen".

Während ein anderes neues Mitglied des Ausschusses, der Italiener Giuseppe Danze, das Problem der Integration von einer anderen Seite beleuchtet. Für ihn gilt, "man ist integriert, wenn man will und sich nicht abschottet." "Niemand zwingt mich wie die Deutschen zu leben, aber ich muss sie annehmen", dies war die Motivation, sich als Mitglied aufstellen zu lassen und wird sein Ziel für die nächsten fünf Jahre sein. Er möchte die Barriere von nationalen Denkkategorien brechen, "ich denke nicht wie ein Italiener oder wie ein Deutscher, ich denke als Mensch." Schließlich wünscht sich der Rektor der Freihof-Grundschule Willi Kamphausen, dass das Interesse an Kultur gegenseitig gepflegt und man die unterschiedlichen Kulturen als Reichtum und Chance empfindet. Dabei dürfe aber Integration nicht mit Assimilation verwechselt werden.