Lokales

Angehörige fordern mehr Unterstützung

Eine angemessene finanzielle und personelle Ausstattung sowie schlanke administrative Abläufe für Ärzte. Diese Forderungen an die Politik formulierte der Kreisbeirat der Angehörigen psychisch Kranker bei seiner Jahrestagung im Esslinger Landratsamt.

ESSLINGEN "Der Umgang der Kliniken mit den Angehörigen wirkt oft festgefahren aber nicht Klagen soll das Thema sein, sondern der Austausch und das Bemühen um bessere gemeinsame Wege" eröffnete Roswitha Humburg die diesjährige Tagung. Wie sehr den Angehörigen psychisch Kranker eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Kliniken, Ärzten und psychosozialen Diensten auf den Nägeln brennt, bewies das Echo auf die Einladung zum Gespräch. Neben Ärzten kamen Vertreter des Landratsamtes, psychosozialer Dienste und weiterer Organisationen sowie rund 50 Angehörige aus dem Landkreis und darüber hinaus.

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In ihrem Referat rief Ursula Schur, Vertreterin des Kreisbeirates der Angehörigen, den Zuhörenden auf beklemmende Weise ins Bewusstsein, welche Belastungen und welcher emotionaler Druck über Jahre, oft über Jahrzehnte auf den Angehörigen lastet. "In Krisensituationen sind es meist die Angehörigen, die zunächst ohne jede Hilfe oft genug die über ihre Kräfte gehende Sorge um den ihnen nahestehenden, aber sich immer mehr entfernenden Menschen tragen." Und der Ruf nach Hilfe, nach Unterstützung pralle nur zu häufig ab an der Wand administrativer Hürden oder fehlender Zeit derer, die professionell helfen könnten.

In der anschließenden Aussprache wurde deutlich, dass die ärztliche Schweigepflicht, das Unterbringungsrecht und Zeitmangel für alle Beteiligten Grenzen setzen. Trotz dieser Schwierigkeiten gibt es offensichtlich Chancen, das Zusammenspiel mit den Angehörigen zu verbessern, etwa durch eine abgestimmte Entlassungsplanung. Aber auch Beispiele positiver Entwicklungen und guter Erfahrungen fanden Anerkennung. Und die Zielsetzung der Angehörigen, Verständnis für ihre Situation zu wecken, stieß offensichtlich auf Akzeptanz.

Auch bei ehrlichem Bemühen aller Beteiligten bleiben zentrale Forderungen an die Politik: Vernünftige, schlanke administrative Abläufe für Ärzte, angemessene finanzielle und personelle Ausstattungen der medizinischen und psychosozialen Dienste sind nach Ansicht des Kreisbeirats unabdingbar.

Auf große Zustimmung stieß die Überlegung von Dr. Andreas Schlingensiepen, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Kirchheim-Nürtingen, im nächsten Jahr ein mehrtägiges Seminarangebot für Angehörige zu entwickeln und anzubieten. Es könnte einen wertvollen Beitrag zu Fragen des angemessenen Umgangs mit Konsequenzen psychischer Erkrankungen leisten. Zum Thema Vorsorge für psychisch Kranke erläuterte Rechtsanwalt Dr. Willeitner das Behindertentestament. Es eröffnet Möglichkeiten, über den Tod der Angehörigen hinaus für das schwierige Leben des Kranken gewisse Erleichterungen zu schaffen. Bei dieser komplexen Thematik empfiehlt sich im konkreten Fall immer eine individuelle juristische Beratung oder der Gang zum Notar.

Auch die Frage des Einsatzes eines Betreuers war nicht pauschal zu beantworten. Der Schritt kann zwar manches erleichtert werden. Der Zeitpunkt, die Wirkung für den Kranken und die Entscheidung, wer die Betreuung übernehmen soll, müssen jedoch wohl überlegt werden. Weiterhelfen kann dabei zum Beispiel der Betreuungsverein Esslingen.

pm