Lokales

Angela Merkel zu wenig geliebt von ihrer Partei?

Kanzlerkandidatin war sie, dass sie's zur ersten Kanzlerin der Republik bringen wird, glaubt kaum einer mehr: Angela Merkel bekam am Wahltag einen Denkzettel verpasst. Das habe mehr mit politischen Inhalten als mit der Person zu tun, meinen politisch aktive Frauen. Zwar sei Merkel als Frau nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen, jetzt jedoch räumen sie der Gescheiterten in der männlich geprägten Politik keine politische Zukunft mehr ein.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Die Wahl entschied sich nicht an der Frage "Frau oder Mann", ist Kirchheims Oberbürgermeisterin und SPD-Mitglied Angelika Matt-Heidecker überzeugt von einer gewissen Chancengleichheit: "So weit ist unsere Gesellschaft!" Ihrer Meinung nach ging es um Inhalte, die vom Wahlvolk nicht für gut befunden wurden. Angela Merkel sei gerade deshalb auch für Männer wählbar, weil sie sich eben nicht über Frauenfragen profiliert habe. Damit habe sie sich auch nicht bei Frauen angebiedert ein Zug, den die Oberbürgermeisterin durchaus sympathisch, weil aufrichtig findet. Eine gewisse Solidarität mit dem eigenen Geschlecht setzt Matt-Heidecker trotz aller eher typisch männlichen Machtorientierung der Kandidatin voraus: "Es wäre schön gewesen, eine Frau in die Pflicht nehmen zu können und sagen zu können 'Jetzt mach' auch mal Frauenpolitik'". Nachdem die CDU unter Merkel weit größere Einbußen als erwartet hinnehmen musste, glaubt die Stadtchefin nicht an eine weitere politische Zukunft der Kandidatin: "Ich glaube, dass sie von der Männerwelt gnadenlos abserviert wird", spielt sie auf die Machtkämpfe in der CDU auf Bundesebene an und auf das Auftreten der Männer in der "Elefantenrunde".

"Eine Frau an der Spitze täte der Politik gut", ist Ingeburg Genswürger überzeugt, Vorsitzende der Kreisfrauenunion. Die CDU-Frau, glaubt an einen spezifisch-weiblichen Politikstil. Für typische Frauenfragen wie etwa die schlechte wirtschaftliche Lage vieler Rentnerinnen sei mehr Verständnis vonnöten. Dass das schlechte Wahlergebnis an Angela Merkel persönlich gelegen habe, weist Genswürger weit von sich. Schließlich habe sie sich als Parteivorsitzende bewährt, zudem sei auch vor Ort eine große Akzeptanz spürbar gewesen zumindest unter den Wählerinnen. "Frau Merkel ist okay", habe es rundum geheißen. Wenn der Kandidatin dennoch das Kreuzchen verweigert wurde, so sei dies auf die politischen Inhalte des Wahlkampfes zurückzuführen, meint auch die Frauenunionsvorsitzende. Dass die Zeit längst reif sei für eine Frau, hätte unter anderem Margaret Thatcher bewiesen. Auch hier in der Region könne es sich keine Partei mehr leisten, angesichts 52 Prozent weiblicher Wähler auf die Aufstellung von Frauen zu verzichten."Merkel hatte sogar einen Frauenbonus", knüpft Dagmar Schmidt an diese Argumentation an. Sie ist Vorsitzende von "Frauen Unternehmen", dem Unternehmerinnen-Netzwerk in Kirchheim, und selbst parteiungebunden. "Vor allem Frauen wollten gern eine Frau an der Spitze", hat sie im Bekanntenkreis beobachtet. Dass Angela Merkel dennoch nicht triumphieren konnte, habe sich im TV-Duell mit Kanzler Schröder entschieden. Dort kannte sie ihre Zahlen weniger gut, war nicht brillant, nicht überzeugend. Wenn sie jetzt nach allen Schwierigkeiten noch Kanzlerin würde, würde sie das Amt mit einer erheblichen Aggressivität ausüben, mutmaßt Schmidt. Schon bisher habe Merkel bisweilen zu Extremen geneigt im Umgang mit anderen Menschen.

"Merkels Scheitern lag nicht an ihrem Geschlecht", ist die Überzeugung von Sabine Bur am Orde-Käß, einzige Frau in der Kirchheimer Gemeinderatsriege der Grünen Alternativen. Ihr Manko lag vielmehr möglicherweise darin, keinerlei typische Frauenthemen vertreten zu haben. So stellte sie auch keinen Gegenpol dar zu Gerhard Schröder, der typisch männlichen Charme verkörperte und damit punkten konnte. Allerdings sei es durchaus noch so, dass an Männer andere Maßstäbe angelegt würden, räumt die Grüne Alternative ein und erinnert an die ewigen Diskussionen über Merkels Frisur oder ihr Outfit: "War das Aussehen von Franz-Josef Strauß jemals ein Thema?" fragt sie provokativ. Merkels persönliches Problem könne durchaus in mangelnder Unterstützung gelegen haben beziehungsweise in der Tatsache, dass sie aus dem Osten stammte und erst verhältnismäßig spät in die CDU eintrat.

Für Eva Frohnmeyer-Carey, Mit-Initiatorin der Kirchheimer Frauenliste, hat Merkels Scheitern mit dem Fehlen von Seilschaften in der CDU zu tun: "Es gab zu wenig Leute auf ihrer Seite". Zudem repräsentierte Merkel keine Bevölkerungsgruppe intensiv, weder die Frauen, noch die Ostler, aber auch nicht die Industrie. Selbst das, was gemeinhin als positiv beim Auftreten von Frauen empfunden werde, habe gefehlt. So benutzte Merkel keine andere Sprache, keinen individuellen Charme, ja sie trage sogar die gleiche Kleidung wie die Männer, wenn auch das Sakko aprikot-farben strahle. Für die Zukunft spricht Frohnmeyer-Carey der Kandidatin alle politischen Chancen ab: "Dafür wurde sie von der CDU schon bisher zu wenig geliebt."