Lokales

Angepasster Sport als Medikament

Früher wurde ein Herzinfarkt mit wochenlanger Bettruhe therapiert. Dann wurde der Wert von angepasstem Sport erkannt. Heute führt Rehabilitationssport bei vielen Krankheiten zu einer besseren Lebensqualität. Seit einem Jahr arbeitet das Paracelsus-Krankenhaus in Ostfildern-Ruit erfolgreich mit Sportvereinen zusammen, an anderen Kliniken im Land gibt es ähnliche Pilotprojekte.

PETER DIETRICH

Anzeige

OSTFILDERN "Eine Lebensstiländerung hat bei Herzkranken einen wesentlich höheren Behandlungseffekt als die gesamte medikamentöse Therapie.": Für Franz Bihr, Oberarzt am Paracelsus-Krankenhaus, sind die positiven Auswirkungen von mehr Bewegung, besserer Ernährung, Raucherentwöhnung und besserer Stressbewältigung wissenschaftlich belegt. Damit mehr Patienten als bisher am Rehabilitationssport teilnehmen, erhalten sie nun bereits im Krankenhaus Informationen über Sportangebote an ihrem Heimatort. Weit über Ostfildern hinaus hat die Klinik zahlreiche Kooperationspartner. Übungsleiterinnen aus Sportvereinen führen das Beratungsgespräch direkt am Krankenbett. Ob die Patienten das Angebot annehmen und auch nach einem Jahr noch am Sport teilnehmen, wird beim Pilotprojekt überprüft.

Galt die Kooperation anfangs nur für Herzerkrankungen, Schlaganfallpatienten und Diabetes mellitus Typ 2, sind seit kurzem auch Patienten mit arteriellen Verschlusskrankheiten der Beine und nach gefäßchirurgischen Krankheiten einbezogen. Das Gleiche gilt für Patienten nach Brustkrebs und Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen. Die nächste Ausweitung ist für 2007 geplant, dann sollen auch nach Operationen an Hüfte, Knie und Schulter, bei Osteoporose und zur Sturzprävention angepasste Sportangebote gemacht werden. "Ein mach mal 'was des Arztes genügt nicht", unterstrich Bihr, die Patienten benötigten eine hohe, lebenslange Therapiemotivation. Eine Langzeitbetreuung bringe hohe medizinische Ergebnisse und sei von den Kosten her sehr effektiv.

Ein weiteres sportliches Angebot der Ruiter Klinik ist das Individualtraining für Herzkranke: "Mit dem Vitalcenter haben wir eine ideale Trainingsstätte direkt am Krankenhaus", freut sich Oberarzt Ulrich Abele über ein Angebot für Risikopatienten, die nicht in eine normale Herzsportgruppe können. Hier würden neue wissenschaftliche Erkenntnisse umgesetzt, werde eine besondere Betonung auf die Stärkung der Körpermuskulatur gelegt.

Die Initiative für die Kooperation zwischen Krankenhäusern und Sportvereinen ging vom Behinderten- und Rehabilitationssportverband Baden-Württemberg aus. "Wir sind stolz darauf, ein ganz breites Kaleidoskop aus der Medizin zu erfassen", betonte dessen Präsident Wilfried Hurst bei einem Pressegespräch. Möglich geworden sei das Projekt durch eine Anschubfinanzierung der Landesstiftung Baden-Württemberg in Höhe von 150 000 Euro.

Weitere Pilotprojekte gibt es im Kreiskrankenhaus Calw, im Klinikum Nordschwarzwald und in der Schettler-Klinik Bad Schönborn. Die Böblinger Tagesklinik am Maienplatz arbeitet zur Behandlung psychischer Erkrankungen seit einem halben Jahr mit der Sportvereinigung Böblingen zusammen. Die Angebote reichen vom therapeutischen Klettern über "sensitives Radfahren" bis zur Wirbelsäulengymnastik mit vielen positiven Wirkungen.

"Ich hoffe, dass diese Projekte viele Nachahmer finden", unterstrich Ministerialdirektor Thomas Halder, Chef des baden-württembergischen Sozialministeriums. Der Behinderten- und Rehabilitationssport habe einen großen Zulauf und inzwischen 40 000 Mitglieder.