Lokales

Angst vor dem Q-Fieber geht um

2004 und 2010 besonders viele Krankheitsfälle in Bissingen – Schafstall im Visier

In Bissingen geht die Angst vor dem Q-Fieber um. Dies ist in einer Informationsveranstaltung im Rathaus der Seegemeinde mit Experten des Veterinäramts, des Gesundheitsamts und des Landesgesundheitsamts deutlich geworden. Dabei haben Betroffene, darunter zum Teil erheblich erkrankte Bürger, schwere Vorwürfe gegen einen Bissinger Schaf- und Ziegenhalter erhoben und von der Gemeinde und den Behörden eine härtere Gangart in der Überwachung des Betriebs gefordert.

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richard umstadt

Bissingen. Das 1937 im australischen Queensland an Schlachthausarbeitern erstmals entdeckte Q-Fieber ist nicht nur ein „süddeutsches Thema“, wie Dr. Stefan Brockmann vom Landesgesundheitsamt sagte. Es ist vor allem ein Bissinger Thema, wie sich bei der vom Landtagsabgeordneten Karl Zimmermann initiierten Informationsveranstaltung im großen Sitzungssaal des Rathauses der Seegemeinde herausstellte. Die Stühle reichten nicht aus, um den über 100 Zuhörern Platz zu bieten. Sie waren nicht nur gekommen, um sich von einer Expertenriege über die beim Menschen eher seltene Erkrankung informieren zu lassen, sondern äußerten ihren Unmut über die nach ihrer Beobachtung unhygienischen Zustände auf den Weiden eines bestimmten Bissinger Schaf- und Ziegenhalters. Vor allem ließen die von Dr. Brockmann vorgestellten Zahlen die Bürger aufhorchen. Sowohl 2004, damals brach in besagtem Stall in Bissingen das erste Mal das Q-Fieber aus, als auch 2006 und jetzt, 2010, wieder, registrierte die Gesundheitsbehörde besonders häufig das Fieber bei Menschen in der Seegemeinde.

In einer Zweijahresstudie 2008 und 2009 wollte das Landesgesundheitsamt in zehn baden-württembergischen Gemeinden wissen, wie oft sich das Q-Fieber vom Tier auf den Menschen übertrug. Dabei stellte die Behörde fest, dass 18,1 Prozent der an der Studie beteiligten Bissinger – es waren 179 Personen – den Antikörper im Blut hatten. Das heißt, sie waren mit dem winzigen, aber hoch ansteckenden Erreger namens Coxiella burnetii in Berührung gekommen. „Über 15 Prozent sind für deutsche Verhältnisse viel“, wertete Dr. Stefan Brockmann das Bissinger Ergebnis. Das Interessante dabei: auf der anderen Seite der Teck, in Owen, mit einer ähnlich hohen Schafdichte, konnte der Erreger nur bei 9,8 Prozent der Testpersonen festgestellt werden. Dem Gesundheitsamt gemeldet waren bis dato aus dem Teckstädtchen keine Q-Fieberfälle, weshalb Dr. Brockmann insgesamt von einer Dunkelziffer von 50 Prozent ausging.

In Deutschland übertragen vor allem Schafe durch den Kot der Auwaldzecke den Erreger auf den Menschen, wie Dr. Rabea Lube vom Veterinäramt des Landratsamts in Esslingen, die Zuhörer informierte. Das Bakterium kann auch bei anderen Wiederkäuern auftreten und ist weltweit bei Säugetieren verbreitet. Coxiella burnetii kann in Staub, auf Heu oder in der Schaf- und Ziegenwolle jahrelang überleben und infektiös bleiben. Menschen infizieren sich nicht nur beim Streicheln der Tiere, sondern auch beim Einatmen kontaminierte Partikel. Da es bei erkrankten Schafen oder Ziegen häufig zu Fehlgeburten kommt, stellen Fruchtwasser und Plazenta laut Dr. Lube eine hohe Infektionsquelle dar.

Beim Menschen reichen wenige Mikroorganismen des Erregers zum Ausbruch der heimtückischen Erkrankung aus. Das Q-Fieber ist selbst für den Mediziner nicht auf Anhieb zu erkennen. In etwa der Hälfte der Fälle verläuft die Infektion unbemerkt oder mit nur milden Symptomen, wie Dr. Albrecht Wiedenmann, Sachgebietsleiter und Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin im Gesundheitsamt Esslingen, sagte. Meist fühlt sich Q-Fieber an wie ein grippaler Infekt. Es kann mit abrupt einsetzendem Fieber, starker Abgeschlagenheit, starken, einseitigen Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Appetitlosigkeit, trockenem Husten, Brustschmerz, Schüttelfrost, Verwirrtheit und – seltener – Magen-Darm-Symptomen einhergehen. Ebenso können im Verlauf der Krankheit Lungen-, aber auch Leberentzündung auftreten. Bei weniger als einem Prozent, so Dr. Wiedenmann, kann die chronische Form des Q-Fiebers zu Komplikationen in der Schwangerschaft führen oder zur Entzündung der inneren Herzhaut, wodurch sich Probleme mit den Herzklappen ergeben können.

Das erste Mal erkrankten 2004 nach einem Ausbruch in einem Bis­singer Schafstall 21 Männer und Frauen am Queensland-Fieber, zum Teil schwer. 2006 waren es neun und in diesem Jahr, nach Ausbruch der Krankheit im selben Stall, verzeichnete das Gesundheitsamt bislang sechs Fälle in der Seegemeinde von insgesamt 14 im Landkreis – Tendenz steigend. Während 2004 die Mistmatratze des Stalls mit Brandkalk desinfiziert wurde, rückte in diesem Jahr Anfang Juni der Tierseuchenbekämpfungszug gemeinsam mit dem Katastrophenschutz und der Feuerwehr in besagtem Schafstall an, um den Mist zu desinfizieren. Der Stall selbst wurde von der Gemeinde danach geschlossen. Die Schafe und Ziegen befinden sich bis September auf der Weide in der Bissinger am Teckhang. Dabei waren sich die Experten einig: „Wir haben hier mit Maßnahmen reagiert, die ansonsten unüblich sind.“ Freilich, wenn die Task Force in Atemmasken und signalgelben Schutzanzügen in großer Besetzung am Schafstall auftaucht, kann dies im Ort nicht unbemerkt bleiben. Bereits im Januar wurde der Tierbestand mit Antibiotika behandelt, geschoren und die Wolle verbrannt. „Die Tiere sind saniert“, so Dr. Gerhard Stehle, Leiter des Veterinäramts.

Den erkrankten Bissinger Bürgern und den betroffenen Nachbarn des Schaf- und Ziegenhalters reicht dies jedoch nicht aus. Sie warfen dem Schäfer mangelnde Sorgfalt in der Weidewirtschaft vor, Tierkadaver und Nachgeburten würden auf den Weiden verrotten, seine Schafe und Ziegen würden öfters ausbrechen und niemand sei bisher dagegen vorgegangen. Auch waren die Bürger nicht mit der Informationspolitik der Gemeinde einverstanden. „Man hätte zumindest im Gemeindemitteilungsblatt über den erneuten Ausbruch des Q-Fiebers informieren können. Dann wäre ich mit meinem Hund nicht mehr an diesem Schafstall vorbeigegangen“, hielt eine erboste Bissingerin Bürgermeister Wolfgang Kümmerle vor. Der schob den „Schwarzen Peter“ in Richtung Veterinäramt: „Wir haben mit der Behörde darüber gesprochen, wann wir wie informieren sollen“. Im Übrigen verwahrte er sich gegen eine Vorverurteilung und Stigmatisierung des Schäfers. Der Leiter des Veterinäramts wiederum verwies auf den Datenschutz. Dabei pfeifen es in Bissingen die Spatzen von den Dächern, um welchen Schäfer es sich handelt. Zur grundsätzlichen Problematik meinte Stehle: „Es ist schwierig, jemand die Tierhaltung zu untersagen.“

Dem Landtagsabgeordneten Karl Zimmermann war das Treiben des Schäfers „seit mehreren Jahren zugetragen“ worden, weshalb er fragte: „Gibt es keine Handhabe, um diese Art der Tierhaltung zu überwachen?“ Dem Veterinäramt ist die Problematik bekannt. Dr. Stehle verständigte sich mit den Zuhörern dahin gehend, entsprechende Vorfälle entweder seiner Behörde oder dem Rathaus zu melden.