Lokales

Anklage wegen mehrfachen Mordversuchs

Vier Brandanschläge an einem Tag soll ein heute 26-jähriger Kurde aus Stuttgart an türkischen Einrichtungen in Kirchheim, Nürtingen und Weilheim verübt haben. Wegen mehrfachen versuchten Mordes und schwerer Brandstiftung muss er sich jetzt vor der 7. Großen Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts verantworten.

BERND S. WINCKLER

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KIRCHHEIM / WEILHEIM Die Brandstiftungen, die dem 26-Jährigen vorgeworfen werden, liegen mehr als sechs Jahre zurück. Am Abend des 17. Februars 1999 habe er zusammen mit dem Gericht noch unbekannten Kumpanen insgesamt neun so genannte Molotow-Cocktails gegen die Fenster des türkisch-islamischen Kulturvereins in Kirchheim geworfen, wobei fünf der Benzinflaschen explodierten. Die Feuer erloschen schnell wieder, sodass neben einem Brandfleck im Vorgarten kein Schaden zu beklagen war. Allerdings befanden sich zur Tatzeit neun Menschen im Haus, weshalb die Anklage nicht nur auf Brandstiftung, sondern auch auf "neunfachen Mordversuch" lautet. Der Angeklagte habe "mit gemeingefährlichen Mitteln zu töten versucht".

Wenige Stunden später ereignete sich der zweite ihm vorgeworfene Brandanschlag, diesmal auf das Vereinsheim des türkischen Kulturvereins in Nürtingen. Gegen Mitternacht flogen hier sieben Brandsätze gegen die Hauswand des Gebäudes, wobei zwei Fensterscheiben zerstört wurden. Bewohner konnten die Flammen jedoch sofort löschen. Auch hier hielt sich der Schaden in Grenzen.

Erheblicher Sachschaden entstand dann in derselben Nacht in einer türkischen Gaststätte in Weilheim. Hier soll der Beschuldigte zusammen mit weiteren Mittätern ebenfalls mit Benzin gefüllte Sprudelflaschen durch die Fenster geworfen haben. In dem Lokal entzündeten sich daraufhin Tische, Stühle, die Holzverkleidung an den Wänden und die Fenster. Insgesamt entstand Sachschaden von rund 10 000 Euro. Wie im Fall Nürtingen geht die Staatsanwaltschaft auch hier von einem mehrfachen Mordversuch aus.

Zunächst tappte die Polizei hinsichtlich der Täter noch im Dunkeln. Als man aber die genetischen Spuren auf einem am Tatort Weilheim gefundenen Feuerzeug mit denen des bereits wegen anderer Delikte vorbestraften 26-Jährigen verglich, konnte eine Übereinstimmung festgestellt werden. Der Mann ist bereits wegen Landfriedensbruch, Körperverletzung und verbotener Aktivitäten in der PKK verurteilt worden. Die Strafe war kurz vor den Brandstiftungen zur Bewährung ausgesetzt worden.

Nachdem der Kurde im April vergangenen Jahres auf dem Cannstatter Frühlingsfest mit einem gefährlich aussehenden Klappmesser beobachtet und polizeilich kontrolliert wurde, klickten die Handschellen.

Vor der 7. Großen Strafkammer legte der Kurde jetzt ein volles Geständnis ab. In einer mehrseitigen Erklärung, die er vom Gerichtsdolmetscher vortragen ließ, distanzierte er sich von der Sache deutlich. Er sei damals als 20-Jähriger in einer Jugend-Organisation der PKK gewesen und habe mitbekommen, wie am 15. Februar 1999 der Kurdenführer Abdullah Öcalan in Kenia festgenommen wurde. Daraufhin habe der PKK-Verein zu Aktionen gegen die Türken aufgerufen. Ein PKK-Jugendführer habe die Molotow-Cocktails besorgt und ihn sowie einige seiner Freunde zu den Tatorten Kirchheim, Nürtingen und Weilheim gefahren.

Gemäß dem Befehl habe er dann einige Brandsätze auch geworfen, schränkte aber in seinem Geständnis ein, dass er absichtlich daneben gezielt habe. Jetzt tue ihm die Sache sehr leid: "Ich würde so etwas heute nicht mehr tun." Die richterliche Frage nach den Namen der Mittäter konnte der Angeklagte jedoch nicht beantworten. Alle seine damaligen PKK-Freunde hätten nur Spitznamen gehabt. Diese kennt die Polizei auch, ohne dass sie der Gesuchten habhaft werden konnte. Der Prozess ist auf mehrere Tage terminiert.