Lokales

Annäherung nach Zwangsheirat

Mit Händen und Füßen haben sich die beiden Esslinger Fachhochschulen gegen eine Fusion gewehrt, doch verhindern konnten sie den Zusammenschluss nicht. Wenn in zwei Wochen die Vorlesungen beginnen, sind die Fachhochschule für Technik (FHTE) und die Hochschule für Sozialwesen (HfS) Geschichte. Am 1. Oktober nimmt die neue Hochschule Esslingen ihren Betrieb auf.

KORNELIUS FRITZ

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ESSLINGEN Auf Vorlesungsverzeichnissen, Broschüren und Briefbögen ist ab dem Wintersemester ein neues Logo zu sehen. Der Schriftzug Hochschule Esslingen und die englische Bezeichnung "University of Applied Sciences" werden von einer schwarzen Klammer umschlossen. "Diese Klammer steht für die Fusion, auf der rechten Seite ist sie offen, was die Offenheit für die Zukunft und neue Ideen symbolisiert", erklärt Pressesprecherin Cornelia Mack das Logo, das von vier Studentinnen der Stuttgarter Hochschule der Medien gestaltet wurde. Abgesehen von dem neuen Erscheinungsbild werden die rund 5000 Studenten von dem Zusammenschluss vermutlich gar nicht viel mitbekommen, glaubt Jürgen van der List: "In der Lehre wird sich nichts ändern", verspricht der bisherige Rektor der FHTE, der bis zu seiner Pensionierung im kommenden Jahr auch die neue Hochschule leiten wird.

Eine Menge Arbeit hat der Zusammenschluss dennoch gemacht: Sämtliche Gremien mussten neu gewählt werden. Bereits seit einem Jahr ist ein Gründungssenat, der aus Mitgliedern beider Hochschulen besteht, damit beschäftigt, die unterschiedlichen Arbeitsabläufe und Organisationsstrukturen unter einen Hut zu bringen. "Eine erhebliche Aufgabe war auch die Zusammenführung der Daten", berichtet Prorektor Hans Martin Gündner, denn die beiden Einrichtungen arbeiteten mit unterschiedlichen EDV-Programmen. Hautnah erleben die Mitarbeiter der Verwaltung die Fusion. Zehn Kollegen der HfS ziehen demnächst vom Hochschulzentrum in die Stadtmitte um. In der Flandernstraße wird es künftig nur noch ein Servicebüro geben, in dem die wichtigsten Dienstleistungen für die Studenten angeboten werden.

Die vielen Stunden, die er im vergangenen Jahr in die Fusion gesteckt hat, hätte Jürgen van der List lieber investiert, um die FHTE weiter voranzubringen. Denn gewollt hat der Ingenieur den Zusammenschluss mit der Hochschule für Sozialwesen nicht. Bis heute kann er keinen rechten Sinn darin erkennen, weil er fachlich kaum Gemeinsamkeiten zwischen Ingenieuren und Sozialwissenschaftlern sieht und Einrichtungen wie Mensa oder Bibliothek ohnehin schon lange gemeinsam betrieben wurden: "Wir sparen durch die Fusion kein Geld", sagt er. "Aber wir sind Demokraten genug, diese politische Entscheidung zu akzeptieren."

Und so haben sich die Vertreter beider Hochschulen schon kurz nachdem die Entscheidung der Landesregierung vor drei Jahren gefallen war, an einen Tisch gesetzt, um eine für beide Partner akzeptable Lösung zu finden. Auf Seiten der HfS, die künftig nur noch eine von zehn Fakultäten der neuen Hochschule stellt, waren anfangs die Befürchtungen groß, in der fünf Mal so großen FHTE unterzugehen. Deswegen haben beide Hochschulen wichtige Eckpunkte wie die Verteilung der Mittel oder die Personalausstattung in einem Vertrag geregelt.

Christel Althaus, die als Prorektorin die ehemalige HfS im neuen Rektorat vertritt, lobt den fairen Umgang: "Inzwischen haben wir keine Angst mehr, über den Tisch gezogen zu werden", sagt sie und hofft, "dass es uns gelingt, an einer so stark technisch geprägten Hochschule weiterhin sichtbar zu bleiben."

Ein kleines Stück Eigenständigkeit hat sich die Fakultät "Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege" übrigens bewahrt. Die Vorlesungen beginnen für die ehemaligen HfS-Studenten auch künftig um 8.30 Uhr, während angehende Ingenieure schon ab 7.35 Uhr büffeln müssen.