Lokales

"Appell an das Gewissen der Menschheit"

KIRCHHEIM Am heutigen Samstag beginnt in Königsfeld im Schwarzwald eine Tagung württembergischer und elsässischer Freunde Albert Schweitzers. Erinnert wird an sein Werk, ein "Leben zwischen zwei Kulturen" und Schweitzers "Appell an das Gewissen der Menschheit",

Anzeige

RICHARD E. SCHNEIDER

der vor genau 50 Jahren über Radio Oslo und 140 angeschlossene Sender weltweit verbreitet wurde.

Einer der ersten Freunde und Förderer von Schweitzers Spital in Lambarene war der 1899 in Ötlingen geborene Lehrer Richard Kik. Kik wuchs in Ötlingen auf und besuchte dort die Volksschule. Sein Großvater besaß eine Schreinerei. Kik besuchte in Kirchheim das Progymnasium und in Esslingen das Lehrerseminar. Im 1. Weltkrieg musste er 1917 Soldat werden und sein Studium unterbrechen. Er geriet in französische, danach in amerikanische Kriegsgefangenschaft und kehrte erst im Herbst 1919 zurück.

In Tübingen setzte er sein Studium fort, wurde Lehrer an verschiedenen Schulen in Stuttgart, Tübingen, Esslingen und Ulm, bis er zuletzt als Rektor an die Olga-Schule in Heidenheim/Brenz kam.

Schon früh interessierte sich der junge Lehrer Richard Kik, der behinderte Kinder unterrichtete, für das Urwaldspital, das der elsässische Arzt und Theologe Albert Schweitzer in Lambarene 1913 "für die Ärmsten der Armen" eigenhändig aufgebaut hatte. Wiederholt wies er in Zeitungsberichten die Öffentlichkeit, vor allem Württembergs Lehrer, auf das Werk des elsässischen Urwalddoktors hin.

Am 13. Mai 1929 kam Albert Schweitzer nach Deutschland, hielt in der Ulmer Garnisonskirche einen Vortrag vor über 2 000 Zuhörern; sein Verehrer Richard Kik war darunter. Er war nicht wenig stolz darauf, dass ihm der spätere Friedensnobelpreisträger eine Diaserie über sein Spital in Lambarene überließ. Von nun an hielt Kik Vorträge mit Lichtbildern an Volkshochschulen über Albert Schweitzer und sein Urwaldspital, fand so viele neue Freunde und Förderer. Im Jahr 1930 versendete er den ersten Schweitzer-Rundbrief, der später in einer Auflage bis 22 000 Exemplare an Schweitzer-Freunde in 17 Länder der Welt verschickt wurde. Die bis an sein Lebensende herausgegebenen Rundbriefe wurden Teil seines Lebensinhalts. Kik sammelte auch Spendengelder, fand wiederum unter seinen Lehrerkollegen den meisten Zuspruch. Bereits 1930 konnte er die ersten 1 000 Mark als Spende nach Lambarene überweisen. Mit seinen regelmäßigen Rundbriefen, Mitteilungen aus Lambarene und Presseberichten erweiterte der württembergische Lehrer konstant einen viele Jahrzehnte bestehenden Freundeskreis, der 1963 bei der Stadt Ludwigsburg als Verein eingetragen wurde.

Mit seiner Ehefrau Wilhelmine, die ihn bei seiner Tätigkeit für Albert Schweitzer tatkräftig unterstützte, hatte Richard Kik sechs Kinder und half nebenbei, neue Kinderdörfer für Waisenkinder im Nachkriegsdeutschland zu gründen, die den Namen des Urwalddoktors erhielten. Wenn Albert Schweitzer nach Europa kam, besuchte er regelmäßig seinen württembergischen Freund, den er auch mit Ehefrau zu seinem 50. Dienstjubiläum 1963 in sein Spital in Gabun einlud.

Erstmals war Kik 1956 nach Lambarene gereist. Im elsässischen Gunsbach, Schweitzers Heimatort, weilte er 1936 mehrere Wochen zu Besuch bei seinem Freund. Schweitzers Tochter Rhena, die heute in Zürich lebt, berichtet: "Beide Freunde hatten den selben, unverwüstlichen Humor." Zu seinem 60. Geburtstag erhielt Kik einen Brief Schweitzers aus Paris, in dem er ihm mitteilte, dass er derjenige unter seinen Gratulanten sei, der ihm am meisten zu danken habe. Kurz vor seinem Tod berichtete noch einmal der 90-jährige Schweitzer aus Lambarene an seinen Freund in Heidenheim, dass seine Philosophie der "Ehrfurcht vor dem Leben" ihren Weg mache, "in Indien, Japan und Kleinstaaten wie Korea Anhänger" findet. Sogar am Amazonas in Südamerika wurde eine Klinik nach Albert Schweitzer benannt. Dies ertrugen die USA nur widerwillig, denn in seinem "Osloer Appell" von 1957 zur Zeit des Kalten Kriegs hatte er deren Atomwaffentests scharf kritisiert und angeprangert. Richard Kik musste in seinem nächsten Rundbrief die Schweitzer-Freunde deswegen sogar beruhigen. Für Albert Schweitzer war jedoch die Erprobung solch schrecklicher Massenvernichtungswaffen wie der Wasserstoffbombe unvereinbar mit dem Gedanken an "Ehrfurcht vor dem Leben." Auch eine Klinik auf einer Karibik-Insel, nach Schweitzer benannt, änderte später wieder ihren Namen. In den USA hatte Schweitzer dennoch zahlreiche Anhänger und Bewunderer. Für die Erreichung eines internationalen Atomwaffen-Teststopp-Abkommens arbeitete er unter anderem mit dem englischen Philosophen Bertrand Russell und dem US-Nobelpreisträger Linus Pauling zusammen. Dieses erste Teststopp-Abkommen unterzeichnete im August 1963 US-Präsident Kennedy.

Im Nachkriegsdeutschland wurde Albert Schweitzer nicht zuletzt durch Kiks unermüdliche Arbeit eine der bekanntesten Persönlichkeiten seiner Zeit. Schweitzer erhielt 1951 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels das Geld stiftete er deutschen Flüchtlingen , und 1953 den Friedensnobelpreis rückwirkend für 1952. Schweitzer konnte 1953 den Hebel-Literaturpreis des Landes Baden-Württemberg und bereits 1928 den Goethepreis der Stadt Frankfurt entgegennehmen. Die Preisgelder investierte er in den Ausbau seines Urwaldspitals.

Nach 1919 baute Schweitzer in Königsfeld ein Haus, in dem seine Frau Helene, die das tropische Klima Zentralafrikas nicht vertrug, mit Tochter Rhena wohnte. Dieses Haus übereignete er samt Grundstück 1959 der dort ansässigen Königsfelder Brudergemeine. Rektor Kik, vorzeitig pensioniert, zog 1966, ein Jahr nach Schweitzers Tod am 4. September 1965, von Heidenheim zurück nach Dettingen unter Teck. Dort verstarb er nur drei Jahre später. Seine Frau Wilhelmine führte bis zu ihrem Tod seine Arbeit an den Schweitzer-Rundbriefen fort.

Richard Kiks Bücher "Albert Schweitzer vom Licht in uns" und "Pestalozzi Lasst uns unseren Kindern leben!" sowie "Kein Sonnenstrahl geht verloren" zeigen, dass Kindern primär nicht eine antiautoritäre Erziehung, sondern Hilfestellung geboten werden sollte.

Auf der Tagung in Königsfeld im Jahr 2008 wird Schweitzers Pädagogik mit der Erich Fromms im Mittelpunkt stehen.