Lokales

Aquaplaning-Hinweis oder Tempolimit bei Nässe

Der Unfall auf der Autobahn 8 bei Kirchheim, bei dem in der vergangenen Woche ein Helfer starb und mehrere Menschen zum Teil schwer verletzt wurden, machte es auf erschreckende Weise deutlich: Die Gefahr durch Aquaplaning wird häufig unterschätzt. Auch durch Warnschilder lassen sich Raser oft nicht bremsen.

ANKE KIRSAMMER

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WEILHEIM Die Parallelen zu einem Unfall mit zwei Todesopfern, der sich im Juni vergangenen Jahres nur vier Kilometer östlich auf Weilheimer Gemarkung ereignete, ließen auch die Angehörigen von Verwaltung und Feuerwehr der Limburgstadt zusammenzucken. Denn ähnlich wie bei dem tragischen Unfall am Dienstag vergangener Woche wurden damals Helfer bei heftigem Regen von einem Fahrzeug erfasst. Drei Personen wurden wegen fahrläsiger Tötung angezeigt. In zwei Fällen wurde das Verfahren eingestellt, gegen die dritte Person Anklage erhoben.

"Bei starken Regengüssen kann man fast davon ausgehen, dass es dort knallt", sagt der Leiter des Weilheimer Ordnungsamtes, Helmut Burkhardt. "Spitzenmonate" sind Juni und Juli, wenn regelmäßig Gewitterschauer niedergehen. Auf Höhe der Kläranlage zwischen Kilometer 170 und 171 hat es gemäß einer Statistik der Landespolizeidirektion Stuttgart seit dem Jahr 2001 insgesamt 30 Mal gekracht, die Hälfte der Unfälle ereignete sich bei Nässe. Dabei gab es zwei Tote zu beklagen. Drei Personen wurden schwer verletzt, eine leicht. Im Jahr 2001 gab es drei Crashs, im vergangenen Jahr waren es 14. Als Mitglied der Weilheimer Feuerwehr, die von der Autobahneinfahrt Aichelberg in Fahrtrichtung Karlsruhe bis zur Anschlussstelle Kirchheim-Ost und in Fahrtrichtung München bis zur Raststätte Gruibingen zuständig ist, hat Burkhardt das menschliche Leid hautnah mitbekommen: "Wenn man die Tragik und die Verzweiflung der Angehörigen erlebt, kann man einfach nicht untätig bleiben." Burkhardt verweist auf den bautechnischen Aspekt des Streckenabschnitts. Weil die Fahrbahn dort abschüssig ist und die Kurvenrichtung wechselt, sammelt sich insbesondere auf der Überholspur und auf dem Mittelstreifen bei starken Regenfällen Wasser. Bei nicht angepasster Fahrweise verlieren Autoreifen leicht den Kontakt zur Straße und Autofahrer die Kontrolle über ihr Fahrzeug. Auf Höhe der Deula in Kirchheim bestand eine ähnliche Problematik. Seit die Fahrbahn saniert wurde, ging die Zahl der Unfälle drastisch zurück.

Erste Abhilfe verspricht man sich in Weilheim durch das Wiederanbringen des Verkehrszeichens "80 km/h bei Nässe" in angemessener Entfernung vor der Gefahrenstelle. Derzeit werden Autofahrer durch die Verkehrszeichenkombination "Vorsicht Schleudergefahr" mit dem Zusatz "Aquaplanung im Bereich der nächsten 800 Meter" gewarnt. "Ich habe den Eindruck, seit im Jahr 2002 die Schilder ausgetauscht wurden, gibt es dort mehr Unfälle", sagt auch Weilheims Bürgermeister Hermann Bauer, der festgestellt hat, dass die Zeichen bei heftigen Regengüssen in der Gischt untergehen und gar nicht wahrgenommen werden. Spurrillen, die Ende der neunziger Jahre zum besseren Wasserabfluss in die Fahrbahn gesägt worden seien, hätten ebensowenig den gewünschten Erfolg gebracht, wie das Entfernen der Rabatten entlang des Mittelstreifens.

Wenige Tage nach dem schweren Unfall im Juni vergangenen Jahres hatte Bauer in einem Brief an das Regierungspräsidium Stuttgart darauf aufmerksam gemacht, dass sich seit Eröffnung der dreispurigen Autobahnstrecke auf dem Abschnitt mehrere, meist sehr schwere Unfälle durch Aquaplaning ereignet haben. Neben einer bautechnischen Untersuchung des Abschnitts und dem mittelfristigen Beseitigen der gefährlichen Aquaplaningstelle drängte der Rathauschef darauf, die Beschilderung zu ergänzen und optische Blinker anzubringen, die bei Regen automatisch aktiviert werden und auf die Gefahrenstelle hinweisen. Warnschilder am Aichelberg hätten auch zu einem drastischen Rückgang der Auffahrunfälle geführt. Ein verordnetes Drosseln der Geschwindigkeit auf 100 oder 80 Kilometer in der Stunde bei Nässe erachtet Hermann Bauer in einem ersten Schritt für sinnvoll. Rückendeckung bekommt er dabei vom Chef der Autobahnpolizei Mühlhausen, Wilhelm Holl. Durch seine tagtägliche Erfahrung mit Rasern, die selbst bei Regen den Fuß nicht vom Gas nehmen und mit der Haltung "mir kann nichts passieren" mit 180 oder 200 Kilometern pro Stunde auf der Überholspur vorbeiziehen, hält Holl gar ein generelles Tempolimit für die Lösung.

Das Regierungspräsidium Stuttgart beruft sich unter anderem auf ein Gerichtsurteil aus dem Jahr 2000. Damals hatte ein Autofahrer gegen das Land Brandenburg geklagt, weil er trotz Einhaltung der vorgegebenen Geschwindigkeit von der Fahrbahn abgekommen war. Die Verantwortlichen in Stuttgart sahen sich durch das Urteil in ihrer Meinung bestätigt: "Halten Autofahrer eine bei Nässe vorgeschriebene Maximalgeschwindigkeit ein, wiegen sich manche in falscher Sicherheit", gibt Pressesprecher Frank Buth zu bedenken. "Im Zweifelsfall können ja selbst 80 Stundenkilometer zu schnell sein." Durch die jetzige Zeichenkombination mit dem Hinweis auf Aquaplaning werde der Fahrer weitaus mehr vor der Gefahr gewarnt. "Da müssen alle Alarmglocken schrillen", betont auch Reimund Elbe, Pressesprecher des ADAC-Würtemberg. "Den Autofahrer kann man nicht aus der Verantwortung entlassen". Runter vom Gas und den Sicherheitsabstand erhöhen, so lautet sein Ratschlag. Zudem gibt Reimund Elbe den Tipp, häufiger das Reifenprofil zu überprüfen. Vier Millimeter sollten es gemäß ADAC mindestens sein.