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"ArBeg" in Wernau will weiter expandieren

Die Kombination von Beschäftigung und kompetenter sozialer Betreuung macht den Erfolg der "ArBeg" in Wernau aus. Damit hat sich die Arbeits- und Begegnungsstätten gemeinnützige GmbH zum größten Integrationsbetrieb in Deutschland entwickelt. Weil nach seiner Überzeugung der regionale Arbeitsmarkt stark von diesem Erfolgsmodell profitiert, sieht Geschäftsführer Martin Waelsch sein Ziehkind längst nicht am Ende seiner Möglichkeiten.

HARALD FLÖSSER

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WERNAU Natürlich stellt die "ArBeg" mit ihrem immer wieder erweiterten Spektrum an Produkten und Dienstleistungen für viele Betriebe eine Konkurrenz dar. Aber sie bildet auf dem Arbeitsmarkt eine wichtige Schnittstelle: Während anderswo Nischenarbeitsplätze aus wirtschaftlichen Gründen Zug um Zug abgebaut oder ins Ausland verlagert werden, schafft die "ArBeg" ganz bewusst solche Jobs, um Behinderten, Langzeitarbeitslosen oder älteren Menschen eine Lebensperspektive zu geben. "Als Arzt kannst du dich dumm und dämlich therapieren. Wenn der Betroffene keine Arbeit hat, hilft alles nicht weiter", weiß Waelsch von seiner Arbeit als Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie im Kreiskrankenhaus Plochingen.

Gerade ältere Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum mehr Chancen haben, seien bei der "ArBeg" gern gesehen. "Sie bringen viel Erfahrung mit und sorgen außerdem für ein gutes Betriebsklima." Der Lohnkostenzuschuss, den Integrationsbetriebe wie die "ArBeg" aus öffentlichen Fördertöpfen bekommen, dient dazu, die Minderleistungen der Menschen mit Handicap auszugleichen.

Viele Betriebe erfüllen nicht die gesetzlichen Vorgaben, wonach mindestens sechs Prozent der Beschäftigten Behinderte sein müssen, und zahlen lieber eine Ausgleichsabgabe. Bei der "ArBeg" sind gut 60 Prozent der etwa 200 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten Schwerbehinderte. Davon hat ein Drittel ein psychisches Leiden. Hinzu kommen 60 so genannte 1,50-Euro-Jobs.

Erweitert werden soll die Werkstatt für psychisch Behinderte, in der gegenwärtig 55 Frauen und Männer beschäftigt sind. Geplant ist ein Ausbau auf 72 Arbeitsplätze. Waelsch und seine Partnerin in der Geschäftsführung, Uta Staffeld, wollen mittelfristig eine weitere "ArBeg"-Produktionsstätte aufbauen, wie sie seit 1995 mit Erfolg in Wernau betrieben wird. Denn der Bedarf für Arbeit in Integrationsbetrieben nimmt nach Staffelds Worten eher zu als ab. Spruchreif sind die Pläne der beiden Geschäftsführer auf diesem Gebiet allerdings noch nicht.

Konkrete Formen soll dagegen bald das jüngste Kind der "ArBeg" annehmen: der Ziegenhof mit Schaukäserei in der Domäne Weil in Ostfildern. Mit der Aufzucht der Ziegen hat man bereits begonnen. Wann die Umbaumaßnahmen anlaufen werden, steht noch nicht fest. In ein paar Jahren sollen im Ziegenhof etwa 20 Menschen mit Handicap einen Arbeitsplatz haben.

Dieser neue Betriebszweig entspricht der Unternehmensphilosophie der "ArBeg". "Wir setzen bewusst auf ganz unterschiedliche Säulen", sagt Geschäftsführerin Staffeld. Damit sei man unabhängiger von konjunkturellen Aufs und Abs. Die eigene Geschichte mahnt die ArBeg da zu besonderer Vorsicht. In der Anfangszeit der vom Sozial-psychiatrischen Förderkreis Nürtingen gegründeten gemeinnützigen GmbH, als man sich noch voll auf die Metallverarbeitung konzentrierte, musste Insolvenz angemeldet werden. Ausschlaggebend dafür war, dass der Automobilhersteller BMW einen Konstruktionsbereich komplett veränderte. Die 1100 Austrittsstutzen, die damals sieben Mitarbeiter pro Tag in Unterensingen herstellten, wurden mit einem Schlag nicht mehr benötigt. Immerhin machte dieses Teil 25 Prozent der "ArBeg"-Produktion aus.

Heute ist die Produktion der "ArBeg" in Wernau breit gefächert. Festool lässt hier komplexe Bauteile versandfertig herstellen. Für die Firma Walter (Tübingen) sind 14 Leute im Zwei-Schicht-Betrieb beschäftigt, um Hartmetallplättchen für Bohrmaschinen herzustellen. Holder, ein Unternehmen aus der Branche der Oberflächenbearbeitung, lässt in Wernau pro Tag 80 000 Einzelteile auf- und abhängen. Für Bosch stellt die "ArBeg" Ladegeräte her, für Putzmeister Dichtungsrohre, für Signalbau Huber in Unterensingen Einschübe in Ampelteilen. Viele Auftraggeber schätzen die Qualität, die bei "ArBeg" produziert wird, seit vielen Jahren. Geschäftsführer Waelsch beschreibt das Erfolgsgeheimnis mit einem Satz: "Wir können auf neue Aufträge sehr schnell und sehr flexibel reagieren."