Lokales

„Arbeitgeberangebot ist ein schlechter Witz“

Rund 50 streikende Ärzte aus den Kreiskliniken versammelten sich gestern im Krankenhaus Kirchheim zur Kundgebung

Am Aktionstag des Marburger Bundes haben sich gestern Morgen rund 50 streikende Ärztinnen und Ärzte der Kreiskliniken im Kirchheimer Krankenhaus zur Kundgebung getroffen. Ihr Streik richtet sich gegen Tausende unbesetzte Arztstellen, steigende Arbeitsbelastung und schlecht bezahlte Nachtdienste.

richard umstadt

Kirchheim. „Es kann nicht sein, dass Arbeitsstunden in der Nacht mit einem Bonbonle von 1,28 Euro versüßt werden. Das ist lächerlich“, wehrte sich gestern der Sprecher der streikenden Ärzte in der Kirchheimer Klinik, Dr. Hans Widmann, vehement gegen die schlechte Bezahlung der Freizeit- und familienfeindlichen Bereitschaftsdienste. Er forderte die kommunalen Arbeitgeber auf, den Nachtdienst wie den Regeldienst zu bezahlen, und bezeichnete deren Angebot als „Mogelpackung und schlechten Witz“.

Von dem bis zu 20-prozentigen Zuschlag blieben durch Streichen des Zusatzurlaubs lediglich „läppische acht Prozent“ übrig. „Das ist eine Frechheit und unannehmbar“, wetterte Dr. Widmann. Deshalb hätten 93 Prozent der im Marburger Bund organisierten Ärzte nach dem „Null Entgegenkommen der Arbeitgeber“ für einen Streik gestimmt.

Der Patient Krankenhaus sei schwer und chronisch krank, fällte Dr. Hans Widmann ein vernichtendes Urteil. Die Diagnose laute „Jatrope­nie, auf deutsch – Ärztemangel“. Den Kliniken gehen die Neueinsteiger aus. Inzwischen sind bundesweit über 5 000 Planstellen von Klinikärzten unbesetzt, Tendenz steigend. Für 2011 werden bereits 8 000 unbesetzte Stellen prognostiziert. Wie stand es doch so treffen auf einem Streikschild „Ohne Ärzte wäre das Krankenhaus ein Pflegeheim“.

Als wenig hilfreich erachtete es Dr. Widmann, wenn Gesundheitsminister Dr. Rösler den Numerus clausus fürs Medizinstudium abschaffen wolle. „Dadurch bilden wir nur noch mehr Kollegen fürs gut bezahlte europäische Ausland aus“, so Widmann. Das sei die falsche Medizin. Die Therapie müsse lauten: „Der Arztberuf muss wieder attraktiver werden. Der Krankenhausarzt muss von lästigen Verwaltungsaufgaben entlastet werden, damit er wieder mehr Zeit der eigentlichen Patientenversorgung widmen kann.“

Andere Arbeitgeber hätten die Sig­nale längst erkannt, verwies Dr. Widmann auf „faire Abschlüsse“ in Berlin, Hamburg und beim MBK. Der Mediziner befürchtete eine Schieflage der kommunalen Kliniken im Wettbewerb.

Während in den vier Kreiskliniken Dutzende streikender Ärzte den Notdienst für die Patienten aufrechterhielt, hatten sich deren Kolleginnen und Kollegen gestern gegen 9 Uhr im Eingangsbereich der Kirchheimer Klinik zur Kundgebung und zu anschließenden Gesprächen mit Patienten und Besuchern versammelt. Danach brachen die streikenden Mediziner zur Großdemonstration auf, die landesweit zentral in Stuttgart unter dem Motto „Wenn andere schlafen, arbeiten wir!“ stattfand.

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