Lokales

Artenreiche Frühlingsflora im "Wald der Blausterne"

Anlässlich der erwarteten Blaustern-Blüte stellte der Botaniker Dr. Niels Böhling aus Kirchheim am Hohenreisach Veränderungen der Bodenvegetation im Schonwaldgebiet vor. Das Naturschutzzentrum Schopflocher Alb hatte die gut besuchte Führung organisiert.

KIRCHHEIM Das Projekt der "Dauerbeobachtungsflächen" hatte 1978 seinen Anfang genommen. Damals legten die Kirchheimer Botanikerin Gertrud Buck-Feucht und die Forstliche Versuchsanstalt Baden-Württemberg die Flächen im Hohenreisach an. Gertrud Buck-Feucht arbeitete seit den vierziger Jahren an zahlreichen vegetationskundlichen Kartierungen und Publikationen mit und gewann bundesweite Anerkennung. 1985 erhielt sie den Umweltpreis, 1993 wurde ihr die Bürgermedaille der Stadt Kirchheim verliehen. In 2006 jährt sich ihr Geburtstag zum 95. Mal.

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Seit 1995 werden die Dauerflächenuntersuchungen, die zu den ältesten ihrer Art gehören, von Dr. Niels Böhling fortgeführt. Die Flächen dienen dazu, Veränderungen der Waldbodenflora sowie der Umwelt zu dokumentieren und zu ergründen. Pflanzen wachsen nicht zufällig an einer bestimmten Stelle. Ihr Vorkommen ist abhängig von einer ganzen Reihe von Standortfaktoren wie Bodennährstoffgehalt, Wasserversorgung und Klima. Pflanzen haben spezielle Standortpräferenzen, die eben diesem Wuchsort entsprechen. Dies bedeutet umgekehrt, dass Pflanzen die Umwelt- oder Standortbedingungen durch ihr Vorkommen oder Fehlen anzeigen können. Sie können als Indikatoren für Boden, Wasser oder Luft verwendet werden. Aus dem Verschwinden oder Vordringen der Pflanzenarten lassen sich Rückschlüsse auf Veränderungen von Standort- und Umweltbedingungen ableiten. Mit der mindestens mittelfristigen Untersuchung von Dauerflächen lassen sich aber auch allgemeine Gesetzmäßigkeiten einer natürlichen Walddynamik erkennen. Wälder entwickeln sich langsam und oft werden sie als stabile Pflanzengemeinschaften angesehen, die sich nicht verändern. Durch detaillierte Untersuchungen zeigt sich aber, dass die Artenzusammensetzung keineswegs so konstant ist. Sie unterliegt natürlichen und von Menschen verursachten Einflüssen. Dies wird umso deutlicher, je länger eine Fläche, ein Wald beobachtet werden kann. Im Hohen Reisach wurden 1978 vier Flächen von zehn auf zehn Metern ausgewählt und mit Betonpfählen versteint. Dadurch ist gewährleistet, dass immer genau die gleiche Fläche untersucht werden kann.

Im Hohenreisach gibt es Gebiete mit einer ausgesprochen artenreichen Frühlingsflora; deshalb wurden sie als "Schonwaldgebiet" ausgewiesen. Ziel der Verordnung ist, insbesondere die Arten Blaustern (Scilla bifolia) und auch Bärlauch (Allium ursinum) in ihrem Bestand zu erhalten. Während letzterer derzeit stark zunimmt, gehen Blaustern und viele andere Arten wie Wald-Veilchen, Weißwurz, Schlüsselblume, Buschwindröschen, Teufelskralle und Aronstab stark zurück. Die möglichen Hintergründe wurden während der Führung vorgestellt. Stark betroffen ist die Regeneration der Blausterne durch zunehmenden Befall durch einen seltenen Brandpilz.

Aus witterungsklimatischen Gründen konnte Dr. Bühling die Blausterne nur auf einem Foto zeigen. Mit Hilfe von Verbreitungskarten und Diagrammen machte der Referent auf die Besonderheit der Art aufmerksam. In der Region selber kommen die Blausterne zwar nicht so selten vor, da hier ihr Verbreitungsschwerpunkt nördlich der Alpen liegt. Bundesweit handelt es sich aber um eine eher seltene Art, die hier prächtige Massenvorkommen bildet(e), für die Baden-Württemberg eine besondere Verantwortung trägt. Diese zu den Hyazinthengewächsen zählende Art ist eine submediterrane Stromtalpflanze, die im Lande vor allem am Neckar, am Oberrhein und an der Donau vorkommt. Der Name "Scilla" ist der griechische und lateinische Name für die mediterrane "Meerzwiebel" (Charybdis beziehungsweise Urginea maritima).

Das Projekt "Dauerflächen-Forschung Reisach", in dem wissenschaftliche Grundlagenforschung betrieben und der Frage nachgegangen wird, wie der Artenreichtum im stadtnahen Erholungswald erhalten und wieder hergestellt werden kann, wird von der Universität Hohenheim, der Oberdorfer-Stiftung, Karlsruhe, und der LBBW-Stiftung, Stuttgart, unterstützt. Weitere Informationen gibt es unter: http://www.flora-x.de/Reisach.html.

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