Lokales

Atatürks Erben in deutschen Schulen

HANS-JOACHIM HIRRLINGER

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KREIS ESSLINGEN Immer mehr Menschen in Deutschland gestalten ihr Leben in zwei Sprachen, sagt Helga Willers. Und sie widerspricht dem Urteil, dass Kinder aus solchen Familien benachteiligt seien, weil sie sich in keiner Sprache heimisch finden würden. Die Leiterin des früheren Staatlichen Schulamtes Nürtingen, heute Amt für Schule und Bildung im Landratsamt, behauptet das Gegenteil: "Mehrsprachigkeit bedeutet Heimat in mehreren Kulturen". Dabei helfen 15 Lehrerinnen und Lehrer, die der türkische Staat jeweils fünf Jahre für den muttersprachlichen Unterricht an 72 Schulen abgeordnet hat, rund 2 200 türkischen Kindern im Landkreis.

Kulturelle Identität dürfe nicht als Mauer und Abgrenzung verstanden werden, appelliert Willers an deutsche Lehrer und türkische Elternbeiräte in der Stadthalle Plochingen. Wenn dieser wichtige Schritt gelinge, dann sei Integration möglich. Die deutsch-türkische Schulbegegnung, die im zweijährigen Turnus in Plochingen stattfindet, soll Verständnis füreinander fördern und helfen, die türkischen Lehrer in ihren Schulen zu integrieren. Willers möchte, dass sich dort die Türen für die ausländischen Kollegen öffnen und Mehrsprachigkeit als Chance verstanden wird. Sie schätze die Hilfe der türkischen Kollegen an den Schulen.

Die türkische Grundschullehrerin Gülcin Gürcü ist eine der 15 Pädagogen, die zurzeit im Landkreis arbeiten. Sie springt zwischen sechs Schulen: Je zwei in Denkendorf, Ostfildern und Esslingen. Die ideale Integration in den Vormittagsunterricht ist dabei nicht immer möglich. Einmal pro Woche kommen türkische Kinder deshalb auch an einem Nachmittag in Nellingen zusammen, um mehr über ihre Sprache, Kultur, Geschichte und ihr Land zu erfahren. "Man muss türkisch richtig sprechen können, um auch deutsch richtig lernen zu können", sagt die Germanistin in ausgezeichnetem Deutsch. "Sie sollen auch wissen, wo ihre Heimat ist und wer Atatürk war."

Kemal Atatürk (1881 bis 1931), der Vater der modernen Türkei, ist auch an diesem Abend in der Stadthalle Plochingen allgegenwärtig, als der Verein türkischer Elternbeiräte Nürtingen/Esslingen seine Gäste mit einem leckeren Menü bewirtet. "Die Elternbeiräte hätten selbst gekocht", betont die Kreisvorsitzende Ayse Demirel aus Denkendorf. Sie reichen damit auch ein Stück Kochkultur an die Gäste weiter: Von den Vorspeisen übers türkische Geschnetzelte, gefüllte Weinblätter und Käserollen bis hin zu Süßspeisen servieren die Elternbeiräte. Die Rektorinnen Claudia Zährl und Ursula Brandt aus Denkendorf loben die Kreationen als Entdeckungsreise durch die türkische Kochkunst.

Dass das deutsch-türkische Miteinander im Alltag der Schulen doch nicht ganz so problemlos ist, wie der harmonisch verlaufende Abend erscheint, deutet Helga Willers an: Einige türkische Lehrer besäßen noch keinen Schlüssel zu ihrer Schule und könnten noch nicht kopieren. Keine Ausgrenzung der Kollegen, sondern Gedankenlosigkeit vermutet Schulrätin Karin Bogen-Dittrich hinter solchen Versäumnissen. Doch der Abend soll, wie Ayse Demirel sagt, auch die Arbeitsatmosphäre verbessern. Zurzeit nehmen nach ihren Angaben etwa 90 Prozent der türkischen Kinder an diesem freiwilligen Unterricht als Alternative zum deutschen Religions- oder Ethik-Unterricht teil. Es könnten mehr sein, wenn der Kulturunterricht als verbindliches, benotetes Fach integriert würde. Doch dafür sieht Bogen-Dittrich keine Chance. Die Integration werde durch andere Ansätze wie Sprachunterricht und Patenschaften für türkische Familien verbessert.