Lokales

"Auch Bundestagspräsidenten sind Menschen"

KIRCHHEIM Von Eugen Gerstenmaiers sieben Geschwistern ist nur noch der jüngere Bruder Walther am Leben. Er ist 92 Jahre alt und wohnt in Kirchheim. Sein Sohn, Dr. Klaus-A. Gerstenmaier (62), in Kirchheim aufgewachsen und seit 1975 als Anwalt in Stuttgart tätig, erinnert sich im folgenden Interview an den Onkel. Die Fragen stellte Andreas Volz.

Anzeige

Wie lebt es sich mit einem Bundestagspräsidenten als Onkel?

Auch Bundestagspräsidenten sind Menschen. Mit ihnen lebt es sich wie mit anderen Verwandten auch einerseits. Andererseits: Noch heute, 20 Jahre nach seinem Tode und mehr als 35 Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem politischen Leben, werde ich noch oft gefragt: "Sind Sie verwandt mit . . .?" Der Name, ohnehin nicht sehr häufig, scheint nicht vergessen zu sein und auch das Wirken E.G.'s nicht. In früheren Jahren kam das natürlicherweise noch deutlicher zur Sprache. Ich habe mich gelegentlich wie andere Familienmitglieder wohl auch als Empfangsbote für Lob und Kritik gefühlt, die eigentlich an den schwieriger greifbaren Onkel gerichtet waren. Spannend war für mich immer der private, unbefangene Umgang mit einem Menschen, den jeder kannte und dem alle Türen offen standen. Manches Mal durfte ich ihn begleiten, oft saß ich in den Plenarsitzungen des Bundestages auf der Tribüne. Abends dann, nach der Tagesschau, konnte man eine Einschätzung der aktuellen politischen Probleme mit einem Manne diskutieren, der zur politischen Entwicklung selbst Beiträge leistete und deren Hintergründe kannte. Mich hat das fasziniert.

Wo und wie haben Sie Eugen Gerstenmaier häufiger erlebt, privat als Onkel oder eher in den Medien als hochrangigen Politiker?

Ich habe jahrelang als Student und Referendar in Bonn gelebt und E.G. zahllose Male in privater und manches Mal auch in offizieller Umgebung erlebt. Diese Begegnungen haben meinen Eindruck von ihm bestimmt, nicht die Darstellung durch die Medien. Unvergesslich sind die Wochenenden, vor allem die sonntäglichen Mittagessen, an denen ich als karg versorgter Student nicht nur ein intellektuelles, sondern ein durchaus leibliches Interesse hatte. Ein Spaziergang durch den Garten oder die Umgebung schloss sich an, Personenschutz war seinerzeit kaum nötig. Schön und manches Mal abenteuerlich waren die wochenlangen Aufenthalte im Vierherrenwald, einem Jagdhaus im Hunsrück, wo der Onkel jährlich die Ferien und auch viele Wochenenden verbrachte. Cousinen und Cousins, auch Freunde, waren mit von der Partie. Die abendliche Wildbeobachtung auf dem Hochsitz, das Pirschen durch den Wald, der zornige Blick des Onkels auf den, der ungeschickt stolpernd den Hirsch vergrämte und, zurück im Haus, die engagierte Diskussion darüber, was man gesehen habe und was nicht, sind mir in lebendigster Erinnerung.

Was verband Eugen Gerstenmaier mit seiner Heimatstadt Kirchheim?

Mit Kirchheim, seiner Vaterstadt, verbanden E.G. Kindheitserfahrungen in einem pietistisch geprägten Elternhaus und jugendbewegte Jahre im Christlichen Verein Junger Männer. Er schildert diese Erinnerungen in seiner Autobiographie "Streit und Friede hat seine Zeit". Ein Bild seines Elternhauses in der Au, gemalt von Carl Weber, hing über Jahrzehnte in seinem Arbeitszimmer. Er hat verfügt, dass dieses Bild nie verkauft werden dürfe. E.G. kam regelmäßig zu Verwandtenbesuchen nach Kirchheim, gelegentlich auch offiziell als Präsident des Deutschen Bundestages. Wann immer er kam und wann immer er von jemandem aus Kirchheim besucht wurde, waren Saitenwürstchen und gerauchte Schinkenwurst notwendige Präsente. Kein Perlhuhn, kein Kaviar übertrafen diese heimatlichen Genüsse.

Welche Eigenschaften haben Sie an Ihrem Onkel sehr bewundert, welche weniger?

Ich habe vieles an meinem Onkel bewundert: Sein umfangreiches, geradezu enzyklopädisches Wissen vor allem der Geschichte und der klassischen Literatur, seine Überzeugungskraft und die Macht seiner Argumente, die er aus diesem profunden Wissen herleitete. Seine rhetorischen Fähigkeiten waren eindrucksvoll, nicht nur in der rednerischen Präsentation, sondern gerade auch im Gehalt seiner Beiträge. Nicht umsonst galt er als einer der besten parlamentarischen Redner seiner Zeit. Seine politische Urteilskraft war groß, auch wenn sie Fehlbeurteilungen gerade auch in eigener Sache nicht ausschloss. Sein persönlicher Mut, auch im Dritten Reich, seine Dynamik und sein Durchsetzungsvermögen waren ebenso ausgeprägt wie sein Sinn für Fairness und Gerechtigkeit. Ich habe Eugen Gerstenmaier nie als nachtragend erlebt, sondern als großmütig und als einen Menschen, der bei aller Impulsivität abgewogen urteilte, und sei es nach einer Denkpause. E.G. war in gewisser Weise duldsam, aber nicht immer geduldig. Menschen, die ihn langweilten und denen er sich, oder die sich ihm nicht verständlich machen konnten, haben ihn nicht beeindruckt. Es war dies eine stete Herausforderung.

Eugen Gerstenmaier war mehr als 14 Jahre lang Bundestagspräsident, so lange wie keiner seiner Vorgänger oder Nachfolger im Amt. Was bleibt von dem bestehen, was er in dieser Zeit bewirkt hat?

Sein unbeirrtes Festhalten am Ziel der Wiedervereinigung und Einheit Deutschlands kommt in der Sicherung der Bausubstanz und im Wiederaufbau des Reichstagsgebäudes in Berlin zum Ausdruck, das in den 60er-Jahren für Fraktionssitzungen und parlamentarische Aktivitäten wieder hergerichtet wurde. Die Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten hat er, gegen die Bedenken mancher und gegen den selbst militärisch geäußerten Unwillen der Sowjetunion, stets nach Berlin einberufen, um so ein Signal für die Verbundenheit dieser Stadt mit der jungen Bundesrepublik zu setzen. Der "Lange Eugen", das frühere Abgeordnetenhochhaus in Bonn, weist mit seiner markanten Silhouette im Rheintal auf E.G.'s beharrliche, wenn auch oft mühsame und unpopuläre Bestrebungen hin, die Arbeitsbedingungen der Abgeordneten des Bundestages angemessen zu gestalten.

Außenpolitisch hat E.G. die Politik der Westbindung in den 50er-Jahren unterstützt, unter gleichzeitiger Befürwortung eines über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen hinausgreifenden Dialogs mit der Sowjetunion zu Zeiten, als Adenauer sich dazu noch nicht durchzuringen vermochte; es war sein schon frühzeitig vertretenes Ziel, unter Wahrung des Gleichgewichts der Kräfte Entspannung und auch Abrüstung zu erreichen. Zur Aussöhnung zwischen Israel und Deutschland hat E.G. Wesentliches beigetragen; dies und andere außenpolitische Aktivitäten sind interessante und teilweise noch heute fortwirkende Kapitel seines politischen Lebens.

Die Ereignisse rund um den 20. Juli 1944 und Eugen Gerstenmaiers Beteiligung am aktiven Widerstand war das Gesprächsstoff?

Ich erinnere mich an manches Gespräch über die Ereignisse des 20. Juli 1944, die Vorbereitung des Attentats und die Begegnungen mit den Freunden im Widerstand, die E.G. sehr nahe standen und deren Schicksal ihm sehr nahe gegangen ist. Ich weiß auch, dass es vor allem in den 50er-Jahren zahlreiche und intensive Gespräche, vor allem zwischen E.G. und seiner Frau Brigitte, aber auch mit deren drei Kindern über E.G.'s aktive Beteiligung am Widerstand gab. Es war dies wohl der Abschnitt seines Lebens, den E.G. am intensivsten empfunden und gelebt hat.

Ihr Onkel ist auch als Kandidat für die Ämter des Außenministers, des Bundeskanzlers und des Bundespräsidenten gehandelt worden. Hat er sich jemals privat zu solchen Spekulationen geäußert?

In meiner Gegenwart hat sich, soweit ich mich erinnere, E.G. zu Ämtern, für die er im Gespräch war, und zu seinen Absichten, diese Ämter anzustreben, nie geäußert. In seiner Autobiographie und in einem Interview mit dem Journalisten Johannes Gross merkt er an, ihn habe eigentlich von allen ihm angetragenen Positionen "immer nur das Auswärtige Amt interessiert".

Worin besteht für Sie die größte Leistung Ihres Onkels?

Für mich ist die Gründung, Organisation und Leitung des Hilfswerkes der Evangelischen Kirche die größte und weitreichendste Leistung E.G.'s. Er erwies sich schon unmittelbar nach dem Kriege als herausragender Organisator der damals größten gesamtdeutschen Hilfsorganisation und brachte mit einem Minimum an bürokratischem Aufwand ein Maximum an Hilfeleistung und wirtschaftlicher Förderung im zerstörten Deutschland zu Wege. Wichtig war ihm dabei vor allem die Hilfe zur Selbsthilfe, die Verarbeitung also von aus dem Ausland gespendeten Materialien und Rohstoffen zu Fertigprodukten. Selbst der ansonsten durchgehend kritische "Spiegel" schreibt in einer Ausgabe des Jahres 1954, E.G. habe "durch die Koppelung von Auslandshilfe und Selbsthilfe ein ganz neues Hilfsprogramm von größter Leistungsfähigkeit" aufgebaut.

Eugen Gerstenmaier wollte christliche Werte in der Politik verwirklichen. Inwieweit hat er das erreicht, und wäre das auch heute noch möglich?

Die Verwirklichung christlicher Werte in der Politik war seinerzeit und ist heute ein schwieriges Kapital, manchmal könnte man meinen, ein Widerspruch in sich. In einer Rede des Jahres 1961 in Stuttgart hat E.G. gesagt: "Ich verdanke zum Beispiel nicht der Juristerei oder der Soziologie, sondern der Theologie das wesentlichste auch für mein politisches Tun und Lassen . . . [Die Kirche] muss den Gruppenegoismus ebenso bekämpfen wie die Ich-Sucht des Einzelnen. Sie muss den Mut haben, den Parteien, wo sie kann, das Gewissen dafür zu schärfen, dass sie des ganzen Volkes Bestes auch dann verfechten müssen, wenn es ihnen keinen Stimmengewinn bringt . . . und die Zurückweisung politischer Erpressungen Opfer von [ihnen] verlangt". Von dieser Übernahme christlicher Werte durch die Politik ist heute nicht viel und war auch zu seinen Zeiten nicht viel zu sehen. Vielleicht kann man aber sagen, dass ein Stil der Fairness und Toleranz im parlamentarischen Umgang, den er geprägt hat, ebenso wie seine Hilfswerktätigkeit auch auf christlichen Werten basiert. Auch sein Bekenntnis zur inneren Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen ist religiös fundiert.

Sie selbst sind promovierter Jurist und damit eigentlich noch eher für die Politik prädestiniert als Ihr Onkel, der promovierter Theologe war. Haben oder hatten Sie eigene politische Ambitionen?

Ich glaube, dass es weniger auf das Studienfach, sondern eher auf die Persönlichkeit dessen ankommt, der sich in die Politik begibt. E.G. galt als eines der ganz großen Talente in der CDU; er war nicht nur Theologe und Politiker, sondern er hat auch in einer achtjährigen Tätigkeit als Kaufmannsgehilfe in Kirchheim Erfahrungen gesammelt, die ihm in der praktischen Arbeit späterer Jahre zunutze kamen. Ich selbst habe und hatte niemals politische Ambitionen, wäre wohl auch, hätte ich ein politisches Amt angestrebt, an meinem Onkel gemessen worden eine den Schritt ins politische Leben eher hemmende Vorstellung.

Ist der 25. August 2006 für Sie ein Tag wie jeder andere?

Eugen Gerstenmaier hat mich durch seine Kraft und Großzügigkeit, sein Wissen und seine machtvolle Persönlichkeit erheblich beeinflusst. Die Zeiten, die ich in seiner Nähe und oft auch mit ihm gemeinsam erlebte, sind mir lebendig vor Augen. Ich mochte ihn, und er, glaube ich, mochte mich. Sein 100. Geburtstag ist für mich kein Tag wie jeder andere.