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Auch die Lehrlingsausbildung leidet

Die Betriebszunahme im Handwerk setzt sich auch eineinhalb Jahre nach Inkrafttreten der Handwerksnovelle fort: die Betriebszahlen im baden-württembergischen Handwerk sind im ersten Halbjahr 2005 um 1,5 Prozent auf 122 410 Betriebe gestiegen.

STUTTGART Für Landeshandwerkspräsident Joachim Möhrle allerdings kein Grund zur Freude: "Denn parallel dazu sinken die durchschnittlichen Betriebsgrößen und Arbeitsplätze werden abgebaut."

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Insgesamt wurde seit der Handwerksnovelle in den vergangenen eineinhalb Jahren ein Anstieg der Betriebszahlen um 4,9 Prozent (+ 5681) registriert. Von den rund 1800 neuen Betrieben im ersten Halbjahr 2005 entfielen knapp drei Viertel aller neu eingetragenen Betriebe auf das Vollhandwerk ohne Meisterpflicht. Dabei wiesen das Gesundheits- und Reinigungsgewerbe sowie das Bau- und Ausbaugewerbe ein deutliches Plus auf. Vor allem drei Einzelgewerke sind für den starken Zuwachs von insgesamt etwa 1300 Betrieben verantwortlich: die Gebäudereiniger, die Fliesen-, Platten- und Mosaikleger sowie die Raumausstatter. Ein Teil der Entwicklung ist allerdings auch darauf zurückzuführen, dass Teppichreiniger und Schnellreinigerbetriebe zunehmend zum Gebäudereiniger umfirmieren und damit in das handwerksähnliche Gewerbe wechseln. Der Grund hierfür liegt in dem breiteren Leistungsangebot, das mit der neuen Firmierung möglich ist.

Ein leichter, jedoch stetiger Rückgang zeichnet sich bei den Schuhmachern, Müllern und bei den Buchdruckern und Schriftsetzern ab. Ein leichtes Plus weist auch das meisterpflichtige Vollhandwerk (+326) auf. Bei den Gruppen verzeichnete das Gesundheits- und Reinigungsgewerbe (zum Beispiel Augenoptiker, Orthopädietechniker oder Friseure) mit 1,7 Prozent die höchsten Zuwächse. Auch das Installateur- und Heizungsbauerhandwerk sowie das Zimmererhandwerk entwickeln sich positiv, während die Betriebszahlen bei den Fleischern, den Feinwerkmechanikern und den Tischlern kontinuierlich sinken.

Nur leichte Zuwächse gab es bei den früheren handwerksähnlichen Gewerben. Hierzu zählen unter anderem Kosmetikerbetriebe, Bodenleger oder auch der Einbau von genormten Fertigteilen. Nicht bestätigt hat sich bislang der befürchtete Anstieg von Betriebsgründungen aus den neuen EU-Beitrittsländern. Gemessen am gesamten Betriebsbestand ist er eher gering. "Allerdings zeichnet sich ab, dass wir da mit einer Zunahme rechnen müssen", sagte Landeshandwerkspräsident Möhrle. So sei heute schon der Anteil bei Neugründungen in einigen Gewerken sehr hoch. Bei den nicht oder nicht mehr meisterpflichtigen Berufen liegt er bei 18 Prozent. Bei den Bodenlegern, dem Holz- und Bautenschutzgewerbe sowie beim Einbau von genormten Baufertigteilen liegen die Zunahmen noch deutlich höher.

"Insgesamt vermittelt die Entwicklung im baden-württembergischen Handwerk leider nur vordergründig ein optimistisches Bild", erklärte Möhrle weiter. Zahlreiche Neueintragungen seien aus der Not heraus geborene Ein-Mann-Betriebe, die mit staatlichen Zuschüssen gegründet werden. Mit Dumpingpreisen machten sie traditionellen Handwerksbetrieben Konkurrenz. Zudem wiesen viele der Gründer keine oder nur eine geringe Qualifikation auf. Möhrle: "Positive Beschäftigungseffekte bleiben also aus."

Dies gelte auch für die Lehrlingsausbildung. Eine qualitativ gute Ausbildung könnten in der Regel nur Betriebe ab einer bestimmten Mindestgröße leisten: Der Gründerboom nach der Aufhebung der Meisterpflicht stütze sich aber für eine Reihe von Handwerksberufen überwiegend auf den Bereich der kleinen und allerkleinsten Betriebe.

pm

INFODas Handwerk in Baden-Württemberg beschäftigt 770 000 Mitarbeiter in 120 000 Betrieben, bildet 55 800 junge Menschen aus und erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von 63 Milliarden Euro.